Γραικύλος schrieb am 26.07.2020 um 12:59 Uhr (Zitieren)
Die Rede LIX des Demosthenes (ΚΑΤΑ ΝΕΑΙΡΑΣ) gilt allgemein als pseudo-demosthenisch.
Sie enthält die Anklage eines gewissen Apollodoros gegen die mit einem gewissen Stephanos liierte Hetäre (oder Prostituierte) und angebliche Ehefrau Neaira.
Deren Herkunft liegt im Dunkeln. Im Alter von zehn Jahren wird sie von einer korinthischen Bordellwirtin als Sklavin gekauft; späterhin arbeitet sie als Freigelassene auf eigene Rechnung und verdingt sich an vermögende Herren. Der erwähnte Stephanos nimmt sie und ihre inzwischen geborenen Kinder mit nach Athen. Eines dieser Kinder, eine Tochter namens Phano, wird von Stephanos einem anderen Athener, Phrastor, zur Frau gegeben. Dabei erweckt Stephanos den Eindruck, Phano sei seine eigene Tochter aus seiner früheren Ehe und damit attische Bürgerin; entsprechend hoch fällt die Mitgift aus.
Bei seinem Tod erkennt Phrastor seinen und der Phano Sohn als legitimen Erben an.
Der weitere Lebenswandel der Phano gibt zu Klagen Anlaß, was zu mehreren Prozessen führt.
In dem um 340 v.u.Z. Prozeß, für den die vorliegende Rede geschrieben wurde, klagt Apollodoros, ein politischer Gegner des Stephanos, gegen dessen legitime? illegitime? Gattin Neaira wegen Anmaßung des attischen Bürgerrechts.
Es ist ziemlich klar, daß ihr das nicht zustand und daß Stephanos sie daher gar nicht legal heiraten durfte. Damit bröselt auch die Fassade der legitimen Abkunft der Phano. Und eigentlich geht es dem Apollodoros darum, sich für zahlreiche politische Angriffe des Stephanos an diesem zu rächen.
Ein sehr verwickelter Fall mit politischem Hintergrund. Wir kennen weder die Rede der Verteidigung noch den Prozeßausgang.
In der Anklagerede stellt der Autor, vielleicht Apollodoros selbst, aber gegen Ende in einem berühmten Satz noch einmal klar, welche Arten von Frauen es in Athen gibt und wozu sie gut sind:
(LIX 122)
Re: Der Fall Neaira
Γραικύλος schrieb am 26.07.2020 um 13:02 Uhr (Zitieren)
In dem um 340 v.u.Z. Prozeß --> In dem um 340 v.u.Z. geführten Prozeß
Re: Der Fall Neaira
Marcella schrieb am 26.07.2020 um 15:13 Uhr (Zitieren)
Das nenne ich toxische Männlichkeit! Alles dreht sich um seine Wünsche:
"Unsere Hetären haben wir (!) für das besondere Vergnügen, unsere Geliebten für die tägliche Befriedigung des Körperlichen und unsere Ehefrauen, um Kinder zu zeugen und unsere häuslichen Angelegenheiten zu regeln."
Herrlich, diese drei Schubladen. Was macht eine Frau, die nicht exakt in eine passt?
Besonders unerstrebenswert scheint mir übrigens die Option 2.
Und wie verteilt sich dieser "unser" Dreier-Bedarf, wenn das Geschlechterverhältnis numerisch annähernd gleich ist.
Re: Der Fall Neaira
Γραικύλος schrieb am 26.07.2020 um 23:42 Uhr (Zitieren)
Das Zitat bringt wirklich etwas auf den Punkt.
Dabei glaube ich nichtmal, daß das numerische Gleichverhältnis das entscheidende Problem ist, denn damit steht es ja heute auch nicht besser (vgl. Houellebecqs "Erweiterung der Kampfzone": es gibt sowohl in einer patriarchalischen als auch in einer liberalen Gesellschaft Menschen, die keinen Partner abbekommen, auch wenn das dann an unterschiedlichen Gründen liegen mag.
Aber die patriarchalische Gesellschaft, die sich hier ausspricht, hat das Problem, daß sie ausschließlich von den Bedürfnissen der Männer spricht.
Dies zu ändern, ist die eine Sache. Jedem Menschen einen Partner zu ermöglichen, ist eine andere. Für letztgenanntes Problem sehe ich keine Lösung.
Re: Der Fall Neaira
Marcella schrieb am 27.07.2020 um 18:28 Uhr (Zitieren)
Interessant ist, dass "Hetaire" und "Pallake" (wofür ich "Kebsweib" in meinem Winzig-Menge finde) offensichtlich sehr unterschiedliche Dienstleistungen repräsentieren. Der Dienst (therapeia) der "Geliebten" ist doch wohl kostenpflichtig!?
Und wie wird der Service der Hetäre vergütet, wenn sie für Freude sorgt, was immer das in diesem Settting heißt? Tut sie´s aus purer Sympathie?
Und keine von den dreien begehrt auf gegen die Reduktion ihrer Persönlichkeit auf gewisse Dienstleistungen sowie Fremdbestimmung? Schwer vorzustellen.
Vielleicht ist diese Dreiergruppe von fürsorgenden Frauen ein teurer Luxus und etwas für bessere Stände. Oder ist es sogar eher eine liebe Wunschvorstellung, dass für das Wohlbefinden von Geist, Körper und Seele umfassend vom dienstbaren Weibe gerne gesorgt werde?