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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Russisches Roulette bei den Thrakern (675 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 20.07.2020 um 13:17 Uhr (Zitieren)
Athenaios (IV 155d-e) berichtet aus dem Werk des Seleukos Homerikos, eines aus Alexandria stammenden und zeitweilig am Hof des Kaisers Tiberius lebenden Grammatikers und Schriftstellers:
Seleukos erzählt, daß manche Thraker bei ihren Gelagen eine „Hängespiel“ spielten [ἀγχόνην παίζειν βρόχον]: Sie bringen eine Schlinge ziemlich hoch an und plazieren darun-ter einen Stein, der leicht unter jemand, der auf ihm steht, weggerollt werden kann. Dann losen sie, und wen das Los trifft, der steigt auf den Stein mit einem kleinen Messer in der Hand und steckt den Kopf in die Schlinge. Ein anderer stößt den Stein weg, und wenn der Hängende nun nicht schnell genug den Strick mit dem Messer kappen kann, ist er tot [τέθνηκε].
Darüber schütten sich seine Kumpane vor Lachen aus und haben an seinem Tod einen Riesenspaß [καὶ οἱ ἄλλοι γελῶσι παιδιὰν ἔχοντες τὸν ἐκείνου θάνατον].

Re: Russisches Roulette bei den Thrakern
Γραικύλος schrieb am 20.07.2020 um 13:24 Uhr (Zitieren)
L. Tolstoij erwähnt in "Krieg und Frieden" eine Variante (auf die möglicherweise der Begriff 'russisches Roulette' zurückgeht): Junge Adlige stellen sich in einem höhergelegenen Stockwerk ins offene Fenster und trinken auf einen Zug eine Flasche Wodka aus; wer nach innen fällt, hat gewonnen.
Ob seine Kameraden über die Verlierer lachten, berichtet Tolstoij nicht.
Re: Russisches Roulette bei den Thrakern
filix schrieb am 20.07.2020 um 17:32 Uhr (Zitieren)
Im Grunde ist das thrakische Hängespiel immer noch ein Geschicklichkeitsspiel, der zentrale Punkt beim russischen Roulette hingegen die Bindung des Ausgangs an den unbestechlichen Zufall, also die Trommel des Revolvers, die dem Kessel des Roulettes ähnelt. Man kann idealiter nur wählen, ob man diese Zufallsmaschine in Gang setzt, also abdrückt oder nicht, aber nicht mehr in die Folgen dieser Entscheidung eingreifen. Alles andere wäre Manipulation. Konnte die Antike, die gewiss mit Leidenschaft gewürfelt hat, auf so eine Idee kommen oder ist es schlechterdings modern, sein Leben nicht einem Gott oder mutwillig den eigenen Fähigkeiten, sondern einer tödlichen Zufallsmaschine auszuliefern? Die erste literarische Gestaltung dürfte sich jedenfalls bei Lermontow finden.
Re: Russisches Roulette bei den Thrakern
Γραικύλος schrieb am 21.07.2020 um 13:01 Uhr (Zitieren)
Da ist was dran: Anders als beim normalen Roulette spielt beim Hängespiel Geschicklichkeit eine gewisse Rolle. Der Tolstoij-Variante etwas näher käme es, falls die Thraker ihr Spiel unter Alkoholeinfluß gespielt haben; auch kann ich mir vorstellen, daß bei den russischen Adligen das Trink-Training eine gewisse Rolle spielte. Meines Wissens fällt ein Nicht-Trinker nach einer Flasche Wodka, auf Ex getrunken, tot um - egal, ob nach draußen oder drinnen.

Auf welchen Text von Lermontow beziehst Du Dich?

Zu Deiner Frage fallen mir nur zwei Anhaltspunkte ein:
- Bei den Römern hieß der beste Wurf beim Würfeln "Venus".
- Heraklit vergleicht den Αἰὼν mit einem würfelspielenden Kind.
Re: Russisches Roulette bei den Thrakern
filix schrieb am 22.07.2020 um 15:27 Uhr (Zitieren)
Bei Lermontow findet sich das dem russischen Roulette nahekommende Spiel, in dem paradoxerweise der Zufall Beweiskraft in der eingangs aufgeworfenen Frage entfalten soll, in Ein Held unserer Zeit im Kapitel Der Fatalist.

»Meine Herren,« sagte er mit ruhiger, wenn auch tieferer Stimme als gewöhnlich, »meine Herren, wozu das leere Gerede? Sie wollen Beweise – ich schlage Ihnen vor, die Probe folgender Alternative zu machen: Kann der Mensch nach freiem Willen über sein Leben verfügen, oder ist jedem von uns der verhängnißvolle Augenblick allein vom Schicksal vorher festgesetzt? ... Wer ist zu der Probe bereit?«
»Ich nicht, ich nicht!« ertönte es von allen Seiten.
»Wie kann man einen solch wunderlichen Einfall haben!«
»Ich biete eine Wette,« sagte ich scherzend.
»Welche?«
»Ich behaupte, daß es keine Vorherbestimmung gibt,« sagte ich und warf zwanzig Dukaten auf den Tisch, – das war alles, was ich in der Tasche hatte.
»Ich halte die Wette,« versetzte Wulitsch mit dumpfer Stimme. »Major, Sie sollen Richter sein. Da sind fünfzehn Dukaten; die übrigen fünf sind Sie mir noch schuldig, und Sie werden so gütig sein, dieselben hinzuzulegen.«
»Sehr schön,« sagte der Major. »Aber ich begreife nicht recht, um was es sich handelt, und wie Sie die Frage entscheiden.«

Schweigend begab sich Wulitsch in das Schlafzimmer des Majors; wir folgten ihm. Er trat an die Wand, an welcher verschiedene Waffen hingen und wählte aufs Gerathewohl eine Pistole.
Wir begriffen noch immer nicht, was das zu bedeuten hatte; aber als er die Pistole mit einem Zündhütchen versah, schrieen mehrere von uns unwillkürlich auf und hielten seinen Arm zurück.
»Was hast du vor? Aber das ist ja Wahnsinn!« rief man ihm zu.
»Meine Herren,« sagte er langsam, indem er seinen Arm befreite, »wer von Ihnen ist bereit, die zwanzig Dukaten für mich zu bezahlen?«
Alle verstummten und entfernten sich.

Wulitsch trat in ein anderes Zimmer und setzte sich an einen Tisch; wir folgten ihm. Er gab uns ein Zeichen, uns um ihn zu setzen. Schweigend gehorchten wir; in diesem Augenblick übte er eine geheimnißvolle Macht über uns aus. Ich sah ihm unverwandt in die Augen; aber er betrachtete mich ruhigen, unbeweglichen Blickes, und ein schwaches Lächeln zuckte um seine blassen Lippen. Allein trotz seiner Kaltblütigkeit glaubte ich den Stempel des Todes auf seinem blassen Gesicht zu lesen. Ich habe die Beobachtung gemacht – und viele alte Militärs haben dieselbe bestätigt –, daß auf dem Gesichte des Menschen, der nach einigen Stunden zu sterben bestimmt ist, ein seltsamer Ausdruck liegt, der ein geübtes Auge nicht leicht täuscht.

»Sie werden jetzt sterben,« sagte ich zu ihm.
Er wandte sich rasch zu mir um, antwortete jedoch langsam und ruhig:
»Vielleicht ja, vielleicht auch nicht ...«
Und sich dann an den Major wendend, fragte er:
»Ist die Pistole geladen?«
Der Major erinnerte sich in seiner Verwirrung nicht recht.
»Aber nun laß es genug sein, Wulitsch!« sagte einer von uns; »sie ist ohne Zweifel geladen, danach zu urtheilen, wie sie an der Wand hing. Wozu dieser Scherz?«
»Ein dummer Scherz!« fuhr ein Anderer fort.
»Ich wette fünfzehn Rubel gegen fünf, daß die Pistole nicht geladen ist!« rief ein Dritter.
Die Wette wurde angenommen.
Diese umständlichen Ceremonieen langweilten mich.
»Hören Sie,« sagte ich, »entweder Sie schießen, oder Sie hängen die Pistole wieder an ihren Platz; und dann wollen wir zu Bett gehen.«
»Bravo, gehen wir zu Bett!« riefen mehrere.
»Meine Herren, ich bitte Sie, rühren Sie sich nicht vom Platze!« sagte Wulitsch und hielt sich den Lauf der Pistole vor die Stirn.
Wir waren Alle wie versteinert.
»Herr Petschorin,« fuhr er, zu mir gewendet, fort: – »nehmen Sie eine Karte und werfen Sie sie in die Höhe.«
Ich nahm, wie ich mich noch jetzt erinnere, Coeur-Aß vom Tische und warf es in die Höhe: Uns allen blieb der Athem stehen; Aller Blicke drückten Entsetzen und eine gewisse peinliche Neugier aus, indem sie sich von der Pistole nach der verhängnißvollen Karte wandten, welche, sich in der Luft drehend, langsam herabfiel. In dem Augenblick, als sie den Tisch berührte, drückte Wulitsch auf den Hahn ... Die Pistole versagte!
»Gott sei Dank!« riefen mehrere; »sie war nicht geladen ...«
»Das wollen wir sehen,« sprach Wulitsch ...



Spätestens erleichterte »Gott sei Dank!« des Publikums stellt m.E. die Verbindung zum Ordal, der vermutlich tiefsten historische Schicht solcher Spiele auf Leben und Tod, her.
Re: Russisches Roulette bei den Thrakern
filix schrieb am 22.07.2020 um 15:29 Uhr (Zitieren)
Spätestens das erleichterte »Gott sei Dank!« des Publikums stellt m.E. die Verbindung zum Ordal, der tiefsten historischen Schicht solcher Spiele auf Leben und Tod, her.
Re: Russisches Roulette bei den Thrakern
Γραικύλος schrieb am 22.07.2020 um 23:30 Uhr (Zitieren)
Danke für die Angabe; das hilft mir.
Re: Russisches Roulette bei den Thrakern
Marcella schrieb am 23.07.2020 um 13:13 Uhr (Zitieren)
Diese Erfindung passt sehr gut zu Lermontov und seinem kurzen, wilden Leben. Ein bürgerliches Leben schien ihm wohl nicht aufregend genug. Er war im Tschetschenen-Krieg eingesetzt, und die Tschetschenen waren damals nicht weniger gefürchtet wie heute. Nach einem Duell wurde er wieder in den Kaukasus strafversetzt, um dort umgehend jemand anderen zu fordern. Der schoss besser. So hat er uns einige seiner magischen Gedichte vorenthalten:
https://sprachenblogideenundso.wordpress.com/2017/03/25/ich_alleine_mach_mich_auf_die_reise-lermontow/

Gemalt hat er auch:

https://en.wikipedia.org/wiki/Mikhail_Lermontov
Re: Russisches Roulette bei den Thrakern
Γραικύλος schrieb am 24.07.2020 um 15:20 Uhr (Zitieren)
Daß Lermontow auch gemalt hat, wußte ich nicht.
 
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