Γραικύλος schrieb am 08.07.2020 um 17:07 Uhr (Zitieren)
"Lebe jeden Tag, als ob er dein letzter wäre."
Dieses etwas düstere Motto stammt von Marc Aurel (VII 69):
Re: Lebe jeden Tag, als ob ...
Marcella schrieb am 08.07.2020 um 17:23 Uhr (Zitieren)
Das Motto, jeden Tag im Bewusstsein des Todes zu leben,bringt wohl intensiveren Lebensgenuss, wenn man es richtig macht. M.A. spricht schließlich von "diezagein", was auf aktive Bewältigung des laufenden Tages schließen lässt.
Ergibt sich nicht aus dem Bewusstsein der Endlichkeit bei reiferen Charakteren - die vollendeten gibt es ja nicht, dass man auf überflüssige Aufregung, auf "narkan" (sic!) und Heuchelei möglichst verzichtet? Das macht sich und anderen das kurze Leben kaputt.
So düster kommt mir das nicht vor, ich sehe nicht unbedingt hier die Kant´sche Pflicht.
Danke nochmals für die immer neue Versorgung mit Denkstoff.
Mit meinem Griechisch ist es nicht so weit her, es handlet sich um ein universitätsinternes Graecum vor nahezu vierzig Jahren mit Lektüre der Politeia und derr Apologie und auf freiwilliger Basis der Melierdialog der Thukydides (der mich etwas überforderte).
Doch gucke ich mir sehr gerne die originalen Stellen an.
Re: Lebe jeden Tag, als ob ...
Γραικύλος schrieb am 09.07.2020 um 00:13 Uhr (Zitieren)
Stimmt, διεξάγειν klingt mehr nach Aktivität als "durchleben". Marc Aurel hat ja auch ein sehr aktives, pflichtbewußtes Leben geführt - anscheinend aber mit im Alter zunehmender Mühe, nämlich in dem Gefühl, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Traurig im Grunde: ein Philosoph, der ständig Kriege führen muß.
Wir haben hier schonmal darüber gesprochen, daß er laut der Aussage seines Arztes Galen abhängig von Laudanum, also einer Opium-Tinktur, war.
Wenn man Marc Aurels Stoizismus mit dem Epiktets vergleicht, kommt Letzterer fröhlicher rüber, meine ich.
Über den Vergleich mit Kant muß ich nachdenken. "Lebe jeden Tag, als ob ...", diesen Satz würde Kant im Sinne des kategorischen Imperativs anders fortsetzen. Ohne ständig den Tod vor Augen zu haben.
Gespannt bin ich selbst, wie lange ich noch antiken Denkstoff finden werde.
Was meine Griechischkenntnisse angeht, so bin ich wahrlich kein Philologe. Der fehlt hier: der professionelle Gräzist.
Sumerisch und Akkadisch hast Du auch nicht berufsmäßig betrieben, oder?
Wir genießen wohl ein Privileg des Alters: nach Herzenslust dilettieren zu dürfen.