Γραικύλος schrieb am 08.07.2020 um 14:43 Uhr (Zitieren)
Was den lateinischen Roman angeht, so steht Apuleius (ca. 160 u.Z.) mit seinen „Metamorphosen“, dem Roman über die Verwandlung und die Erlebnisse eines Esels, einzigartig da. Aber auch er steht auf mindestens einem griechischen Bein.
Sieht man von vereinzelten Anfängen in Ägypten ab, dann hat die literarische Gattung des Romans im Mittelmeerraum und in Europa ihren Anfang bei den Griechen genommen: die erzählende Schilderung der Schicksale von Individuen oder einer Gruppe von Individuen in Prosaform. Dabei gab es ein eigenes Wort dafür nicht, sondern was wir „Roman“ oder „romantischer Roman“ nennen, hieß bei den Griechen immer noch „Drama“ oder „Komödie“.
Ich nenne überlieferte Romane der altgriechischen Tradition:
• Der Traum des Nektanebos (ca. 160/150 v.u.Z.) – das früheste Stück griechischer Prosadichtung, ist nur unvollständig erhalten und eine Übersetzung aus dem Ägyp-tischen.
• Parthenios von Nikaia (1. Jhdt. v.u.Z.): Liebesleid [Erotika Pathemata] – eigentlich noch kein Roman, sondern 36 exzerpierte Geschichten als Rohstoff.
• Lukian von Samosata (ca. 120 – ca. 180 u.Z.): Wahre Geschichten – eine Parodie auf die beliebten Abenteuerromane.
• Lukios von Patrai (2. Jhdt. u.Z.: Lukios oder der Esel – nur in einer Zusammenfassung erhalten und Stoffgeber für Apuleius.
• Chariton von Aphrodisias (vor 200 u.Z.): Chaireas und Kallirhoë
• Longos (2. Jhdt. u.Z.): Daphnis und Chloë.
• Achilleus Tatios (2. Jhdt. u.Z.): Leukippe und Kleitophon.
• Philostratos Flavius (ca. 160 – ca. 245 u.Z.): Das Leben des Apollonios von Tyana – ein historisch-biographischer Roman.
• Heliodor (3. Jhdt. u.Z.): Die äthiopischen Abenteuer von Theagenes und Charikleia (Aithiopika) – interessant auch durch die energische und einfallsreiche Frauenfigur, derentwegen man das Buch manchmal auch nur „Charikleia“ nannte.
• Pseudo-Kallisthenes (3. Jhdt. u.Z.): Geschichte Alexanders des Großen (Alexanderroman).
• Xenophon Ephesios (2., 3. oder 4. Jhdt. u.Z.): Ephesiaka – in fünf Büchern; laut Suda waren es zehn, so daß die uns überlieferte Version möglicherweise gekürzt ist.
Offensichtlich war der Roman keine Ausdrucksform der klassischen, sondern erst der späten Antike. Und wie so oft in der großen Zeit des Romans ab dem 13. Jhdt. ging es fast immer um Liebesbeziehungen. Ganz sicher ist Liebe nicht, wie man es öfters hört, erst seit der Epoche der Romantik zu einem zentralen Thema im Verhältnis der Geschlechter geworden.
In der abendländischen Tradition genossen „Daphnis und Chloë“ sowie die „Aithiopika“ das größte Ansehen. Dafür spricht auch, daß von „Daphnis und Chloë“ eine winzig kleine Handschrift existiert, eingerahmt zudem von religiösen Texten, so daß auch Mönche sie unauffällig lesen und gegebenenfalls rasch verschwinden lassen konnten.
Re: Griechische Romane
Γραικύλος schrieb am 08.07.2020 um 15:05 Uhr (Zitieren)
• Iamblichos (ca. 170 u.Z.): Babylonika – ein nur in einer Zusammenfassung aus byzantinischer Zeit überlieferter Roman.
Re: Griechische Romane
Marcella schrieb am 08.07.2020 um 15:13 Uhr (Zitieren)
Weniger umfangreiche Erzählungen, so die Schelmengeschichte um den Bürgermeister von Nippur, gibt es auch in Altmesopotamien. Einen ganzen Roman in Keilschrift kann ich mir allerdings schlecht vorstellen. Zu gewichtig.
Re: Griechische Romane
Γραικύλος schrieb am 08.07.2020 um 15:40 Uhr (Zitieren)
Da der griechische Roman ein Produkt der Spätantike ist, zweifle ich, ob die seine Autoren mehr als ägyptische Vorläufer gekannt haben. Altmesopotamien dürfte jenseits ihres Horizontes gelegen haben, oder?
Der Schwerpunkt liegt bei Liebes- und Abenteuerromanen. Gibt es dafür mesopotamische Vorläufer?
Schelmengeschichten finden wir im griechischen Rahmen wohl am ehesten bei Lukian.
Danke für den Hinweis, daß die Notifizierung in Keilschrift auf Tontafeln - anders als Papyrus - Grenzen des Umfangs setzt. Stimmt.
Was mag da alles an mündlich tradierten Geschichten verlorengegangen sein?
Die Werke Zarathustras, in der Bibliothek von Alexandria abgeschrieben und übersetzt, sollen das Vierzigfache der beiden Homer-Epen zusammen umfaßt haben. Auf welchem Material waren sie in Persien niedergeschrieben?
Re: Griechische Romane
Marcella schrieb am 08.07.2020 um 17:08 Uhr (Zitieren)
Wohl auf handlicheren beschriftbaren Materialien, vielleicht Pergament?
Nahezu die gesamte umfangreiche Reichsaramäische Literatur ist - neben Zarathustras Opus - verloren gegangen. Da dürfte es, was man zum Beispiel an wandernden Erzählplots merkt, auch erzählende Literatur gegeben haben.
Dies dürfte ein herber, wenn auch ungefühlter Verlust sein, und der kommt davon, dass man überging, vieles erheblich bequemer und rationaler zu schreiben, und dieses leider auf vergänglichen Materialien.
Oder anders herum gesehen: Was für ein Glück, dass die Ägypter viel und gerne auf Papyrus schrieben, welcher im supertrockenen Klima gute Chancen hatte zu überdauern. Die akkadische Literatur hingegen wurde - glücklicherweise - sorgsam und haltbar auf gebranntem Ton archiviert und festgehalten (wie z.B. in der Königsbibliothek Ninive). Keilschrift eignet sich nicht für Papyrus.
Dass die Griechen wenig Kontakt zur mesopotamischen Literatur hatten, kann man so nicht sagen. Gilgamesch (Gilgamas) zum Beispiel war bekannt.
Wollte es das Glück (für heutige Assyrologen), dass eine Stadt wie Mari vom Feinde in Asche gelegt wurde, wurde überdies noch das Archiv für Tagesurkunden aus lediglich getrocknetem Ton bei der Gelegenheit gebrannt, und wir haben sogar noch einen Einblick in die laufenden Geschäfte.
Worauf Zarathustra schrieb oder hat schreiben lassen, weiß ich nicht. Man kann auf mancherlei Untergründen schreiben. Die alten Russen taten es zum Beispiel gerne auf haltbarer Birkenrinde.
Re: Griechische Romane
Γραικύλος schrieb am 09.07.2020 um 00:18 Uhr (Zitieren)
Ganz so habe ich das nicht gemeint; ich wollte es lediglich auf die Griechen der Spätantike - also der Zeit, in der diese Romane entstanden sind - beziehen.
Ich weiß nicht, was man von der mesopotamischen Literatur damals noch im Museion hatte, aber ich sehe keinen Anhaltspunkt dafür, daß Lukian & Co. etwas davon kannten.
Was das Thema angeht, so hast Du mir mal ein Buch empfohlen, das ich mir auch gekauft habe. Da reichen die Belege aber nicht bis in die Spätantike.
Re: Griechische Romane
Γραικύλος schrieb am 09.07.2020 um 16:25 Uhr (Zitieren)
Die Chaldäer!
Ich lese gerade:
(Michael Grant: Das Römische Reich am Wendepunkt. Die Zeit von Mark Aurel bis Konstantin. München 1972, S. 232)