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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Schopenhauer über die Griechen im Vergleich (506 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 06.07.2020 um 17:54 Uhr (Zitieren)
In Schopenhauers bekanntem Dialog zwischen Demophiles und Philalethes über Religion (Parerga und Paralipomena II) steht u.a.:
Demopheles. [..] Denn bekanntlich besteht die Bevölkerung Europa's aus verdrängten und verirrten, nach und nach eingetroffenen Asiatischen Stämmen, welchen, auf der weiten Wanderung, ihre heimathliche Urreligion und damit die richtige Lebensansicht verloren gegangen war; daher sie alsdann, im neuen Klima, sich eigene und ziemlich rohe Religionen bildeten, hauptsächlich die Druidische, die Odinische und die Griechische, deren metaphysischer Gehalt gering und gar seicht war. - Inzwischen entwickelte sich bei den Griechen ein ganz specieller, man möchte sagen instinktartiger, ihnen allein, unter allen Völkern der Erde, die je gewesen sind, eigener, feiner und richtiger Schönheitssinn: daher nahm, im Munde ihrer Dichter und unter den Händen ihrer Bildner, ihre Mythologie eine überaus schöne und ergötzliche Gestalt an. Hingegen die ernste, wahre und tiefe Beduetung des Lebens war Griechen und Römern verloren gegangen: sie lebten dahin, wie große Kinder, bis das Christenthum kam und sie zum Ernst des Lebens zurückrief.

Philalethes: Und um den Erfolg zu beurtheilen, brauchen wir nur das Alterthum mit dem darauf folgenden Mittelalter zu vergleichen, etwan das Zeitalter des Perikles mit dem 14ten Jahrhundert. Kaum glaubt man in beiden die selbe Art von Wesen vor sich zu haben: dort die schönste Entfaltung der Humanität, vortreffliche Staatseinrichtungen, weise Gesetze, klug vertheilte Magistraturen, vernünftig geregelte Freiheit, sämmtliche Künste, nebst Poesie und Philosophie, auf ihrem Gipfel, Werke schaffend, die noch nach Jahrtausenden als unerreichte Muster, beinahe als Werke höherer Wesen, denen wir es nie gleichthun können, dastehn, und dabei das Leben durch die edelste Geselligkeit verschönert, wie das Gastmahl des Xenophon sie uns abschattet. Und nun sieh' hieher, wenn du es vermagst. - Siehe die Zeit, da die Kirche die Geister und die Gewalt der Leiber gefesselt hatte, damit Ritter und Pfaffen ihrem gemeinsamen Lastthiere, dem dritten Stande, die ganze Bürde des Lebens auflegen konnten. Da findest du Faustrecht, Feudalismus und Fanatismus in engem Bunde, und in ihrem Gefolge gräueliche Unwissenheit und Geistesfinsterniß, ihr entsprechende Intoleranz, Glaubenszwiste, Religionskriege, Kreuzzüge, Ketzerverfolgungen und Inquisitionen. [...]

(P II 369 f.)

Ob Schopenhauer da an die (attische) Demokratie und an die Sklaverei gedacht hat?
Re: Schopenhauer über die Griechen im Vergleich
Γραικύλος schrieb am 06.07.2020 um 18:31 Uhr (Zitieren)
Beduetung --> Bedeutung
Re: Schopenhauer über die Griechen im Vergleich
filix schrieb am 07.07.2020 um 23:08 Uhr (Zitieren)
Dass Philalethes für seine Tirade als abschreckendes Beispiel ausgerechnet das Trecento wählt, ohne das sich geschichtlich betrachtet seine Position wohl kaum in weiterer Folge hätte herausbilden können, ist einigermaßen kurios.
Re: Schopenhauer über die Griechen im Vergleich
Γραικύλος schrieb am 08.07.2020 um 12:54 Uhr (Zitieren)
Es fällt mir schwer, irgendein Jahrhundert seit dem 13. (dem Jahrhundert, in dem das Papsttum seinen Höhepunkt - die Bulle "Unam Sanctam" - und den Beginn seines Niederganges erlebte und die Inquisition ihren Anfang nahm) anzugeben, das nicht eine historische Voraussetzung für den religionskritischen Standpunkt des Philalethes bildet.

Warum mag Schopenhauer besonders das 14. Jahrhundert hervorgehoben haben? Vielleicht, deshalb, weil es mit der religiösen Hysterie während der Pest und mit dem Großen Schisma eine Epoche darstellt, in welcher die Abgründe des Christentums besonders deutlich hervortreten?

Skeptischer sehe ich Schopenhauers Idealisierung des Zeitalters des Perikles, wobei er mit den "vortrefflichen Staatseinrichtungen" ja auch die Demokratie einschließen muß, der Schopenhauer ansonsten abhold war. Auch ist er ansonsten nicht blind für das Problem der Sklaverei.
Doch möglicherweise möchte er mit Philalethes und Demopheles zwei extreme Standpunkte einander gegenüberstellen.
Re: Schopenhauer über die Griechen im Vergleich
filix schrieb am 08.07.2020 um 18:16 Uhr (Zitieren)
Ich meinte das anders - ohne Trecento, Petrarca war immerhin einer von Schopenhauers Lieblingsdichtern, keine Protorenaissance, aus der sich das positive Bild der Antike entwickelt, mit dem diese kulturpessimistische Tirade arbeitet.
Re: Schopenhauer über die Griechen im Vergleich
Marcella schrieb am 08.07.2020 um 19:12 Uhr (Zitieren)
Aber sowohl Petrarca als auch Bocccaccio wären wohl in ihrem trecento nicht ganz ungeneigt gewesen, der schwungvollen Schopenhauerschen Beschreibung der "tenebrae" etwas abzugewinnen.
Re: Schopenhauer über die Griechen im Vergleich
Γραικύλος schrieb am 08.07.2020 um 23:52 Uhr (Zitieren)
Diesen Verdacht habe auch ich.
Was filix meint mit der Bedeutung der Prärenaissance, habe ich schon verstanden. Ich wollte nur eine Vermutung darüber äußern, warum Philalethes alias Schopenhauer sich unter allen Jahrhunderten, welche die Schrecken des Christentums verdeutlichen könnten, gerade das 14. ausgesucht hat ... trotz Petrarca.
 
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