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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Erinnerung an eine Babylon-Ausstellung (513 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 16.06.2020 um 23:56 Uhr (Zitieren)
Zwar ist es schon zwölf Jahre her, aber der Bericht über diese Ausstellung im Pergamon-Museum ist doch noch recht informativ:
Wer die große Ausstellung über Babylon im Berliner Pergamonmuseum besucht, mag zunächst die strengen Gesetzesstelen und die feierlichen Monumentalinschriften berühmter Kö-nige bewundern. In einem der hinteren Räume findet sich eine kleine Gruppe von Täfelchen in zierlicher Keilschrift. Es sind Texte aus der altbabylonischen Schule, Keilschrift von Kinderhand. Zufällig sind gerade aus der ersten Blütezeit Babylons – unter Hammurabi und seinem Thronfolger Samsuiluna, ab dem 18. Jahrhundert vor Christus – viele Schülertafeln aus verschiedenen Städten Südmesopotamiens erhalten. Im é.dub.ba.a, dem „Tafelhaus“ oder dem „Haus, das Tafeln verteilt“, und auch daheim lernten Kinder rechnen und in Keilschrift schreiben: Dies ist vielleicht die früheste bekannte Form von Schule.

Wer saß damals auf der Schulbank und warum? Unter den Ersten war sicherlich der sumerische König Schulgi aus der südmesopotamischen Stadt Ur, der sich schon im 21. Jahrhundert vor Christus rühmte, als kleiner Junge im Tafelhaus besonders tüchtig gewesen zu sein. Wozu das nützlich war, verraten Schulgis Königshymnen: In der Schule wurden die Schreiber ausgebildet, die an den heiligen Stätten Mesopotamiens die Gebete des Königs an die Götter verewigen sollten. Vor allem aber gingen aus der Schule künftige Beamte für die Verwaltung der Paläste und Tempel hervor. Der Tafelhausbesuch musste sich später lohnen, denn die Ausbildung im Rech-nen und Schreiben war sehr aufwendig. Die Keilschrift ist nicht nur ein Alphabet, sondern auch ein Museum der mesopotamischen Kultur: Vom Sumerischen ausgehend, nahm jedes ein-zelne Zeichen im Laufe der Jahrtausende immer neue Bedeutun-gen auf. Dass die Völker und Sprache Mesopotamiens ständig wechselten, beeinträchtigte die Kontinuität der Schrift nicht. In der altbabylonischen Zeit Hammurabis etwa hörten die Kinder daheim Semitisches, wie etwa das Akkadische. Das Sumerische hingegen, die Sprache der Erfinder der Keilschrift, war da schon ausgestorben und lebte nur in den Zeichen.

Zunächst also musste sich der kleine Altbabylonier die Schriftsprache Sumerisch angewöhnen. Mit den Nachbarn auf Akkadisch zu plaudern[,] gehörte nicht zum guten Ton. In Berlin kann man die kleinen linsenförmigen Tafeln besichtigen, auf denen erste Abdrücke mit dem Griffel geübt wurden. Danach lernte der Schüler einzelne Zeichen und ging anschließend zu langen Vokabellisten über. Diese Vokabellisten entsprangen uralten sumerischen Traditionen aus der Frühzeit der Schrift im dritten Jahrtausend, die sich aber im Laufe der Zeit erstaunlich wenig veränderten. In der altbabylonischen Zeit plagte sich der angehende Schreiber also mit zum Teil längst ausgestorbenen, in praktischen Zusammenhängen kaum mehr verwendbaren Vokabeln ab. Auch wenn das Ziel ein geregeltes Auskommen in der Palastverwaltung war, stellte der Lehrplan keineswegs nur auf das im Alltag Nützliche ab. Natürlich lernte der Nachwuchs das Rechnen, und auch Standardformate von Verträgen sollte er beherrschen. Trotzdem bildeten literarische Texte über die längst verblichenen sumerischen Könige und Helden der mesopotamischen Frühzeit den (wohl nicht von allen erreichten) Höhepunkt der schulischen Laufbahn. So nahmen sich die altbabylonischen Schulmeister die untergegangene sumerische Kultur zum Vorbild und versuchten, sie in ihren Texten am Leben zu erhalten. Nur dieser weitsichtigen Auffassung von Schulbildung ist es zu verdanken, dass wir einige der frühesten literarischen Erzeug-nisse der Menschheit – sumerische Gedichte des dritten und des frühen zweiten Jahrtausends vor Christus – noch heute in den Händen halten.

(Frankfurter Allgemeine vom 24. Juli 2008)
 
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