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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Ein königlicher Büchernarr (627 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 12.06.2020 um 17:31 Uhr (Zitieren)
Hierfür [sc. für das Museion] wurden gewaltige Summen investiert. So hinterlegte Ptolemaios III. Euergetes allein 15 Talente als Sicherheit, um das Staatsexemplar der drei großen Tragiker aus Athen zum Anfertigen einer Kopie auszuleihen. Und bezeichnenderweise zögerte er keinen Moment, dieses Pfand verfallen zu lassen und den Athenern ein Abschrift zurückzuschicken - so viel war ihm das Original wert.

(Christoph Schäfer: Kleopatra. Darmstadt 2006, S. 15)

Ein Talent: 26,196 kg Silber
Re: Ein königlicher Büchernarr
Γραικύλος schrieb am 12.06.2020 um 17:52 Uhr (Zitieren)
ein Abschrift --> eine Abschrift
Re: Ein königlicher Büchernarr
Aristoteles schrieb am 12.06.2020 um 18:17 Uhr (Zitieren)
Ein Talent: 26,196 kg Silber

Zum Vergleich:
Ein typisches Segelschiff kostete ein Talent. Der gesamte Attische Seebund nahm als „Rekord“ im Jahr 425 v. Chr. 1460 Talente als Steuer ein. Teilweise wurden Individuen zu horrenden Geldzahlungen verurteilt (bis zu 200 Talente). Durch Steuern und Importsteuern im Seebund (zwei Prozent des Warenwerts) nahm Athen jährlich bis zu 2000 Talente ein.

Marcus Licinius Crassus, der als reichster Römer zur Zeit Gaius Iulius Caesars gilt, hatte am Ende seines Lebens ein Vermögen von 7100 Talenten.

Ein Sklave kostete ca. 3 Minen, 1000 Bogenschützen 50 Talente, ihre Ausrüstung 8 Talente. Der Lohn eines Bogenschützen lag bei 2 bis 3 Obolen pro Tag.


Akueller Wert ca. 13 000 Euro.
Re: Ein königlicher Büchernarr
filix schrieb am 12.06.2020 um 18:36 Uhr (Zitieren)
Woher kommt eigentlich dieser bedeutungsschwangere Ausdruck "Staatsexemplar"?
Re: Ein königlicher Büchernarr
Morus schrieb am 13.06.2020 um 00:07 Uhr (Zitieren)
Dass es sich nicht um die Marotte eines Büchersammlers handelte, sondern dass mit dem Sammeln von guten, d. h. möglichst wenig fehlerbehafteten Manuskripten Wissenschaftspolitik betrieben wurde, erwähnt Schäfer im Umfeld des zitierten Stelle.

Wer für die deutsche Sprache das Wort Staatsexemplar geprägt hat, weiß ich nicht. Die Quelle, auf die man sich dabei beruft, sind die pseudoplutarchischen Vitae X oratorum, wo unter 841 f davon die Rede ist, dass die Tragödien der drei Dichter auf Veranlassung von Lykurg ἐν κοινῷ niedergeschrieben wurden.
Re: Ein königlicher Büchernarr
Γραικύλος schrieb am 13.06.2020 um 01:10 Uhr (Zitieren)
1. Nein, das schreibt Schäfer nicht im Umfeld der zitierten Stelle. Sonst müßtest Du mir die Stelle angeben. Der Text fährt fort mit der Bedeutung von Museion und Bibliothek und den dafür erforderlichen Investitionen, um dann zum Charakter Alexandrias überzugehen.

2. Wenn es ihm lediglich um Fehlerfreiheit gegangen wäre, hätte Ptolemaios III. sich für 15 Talente eine Menge Abschreiber mitsamt Kontrolleuren leisten können ... und immer noch Geld gespart.
3. Danke für den Hinweis auf die mutmaßliche Quelle; Schäfer erwähnt sie nicht, sondern beruft sich in einer Anmerkung auf:
- Dziatzko, s.v. Bibliotheken, RE III,1, Stuttgart 1899
- Canfora, L., Die verschwundene Bibliothek, Berlin 1990
D.h. die antike Quelle gibt er nicht an.
Re: Ein königlicher Büchernarr
Γραικύλος schrieb am 13.06.2020 um 09:08 Uhr (Zitieren)
Offen ist noch die Frage, wo diese Ptolemaios-Ankedote überliefert worden ist.
Re: Ein königlicher Büchernarr
Platon schrieb am 13.06.2020 um 10:26 Uhr (Zitieren)
Galen in Hippocrat. epidemiai III 2,4
Re: Ein königlicher Büchernarr
Morus schrieb am 13.06.2020 um 12:30 Uhr (Zitieren)
Zitat von Γραικύλος am 13.6.20, 1:101. Nein, das schreibt Schäfer nicht im Umfeld der zitierten Stelle.

Schon von den ersten Königen war die Hauptstadt Alexandria als Zentrum
von Kunst, Kultur und Forschung ausgebaut worden. Hartgesottene Makedo-
nen entwickelten sich rasch zu beinahe fanatischen Büchersammlern und
Förderern der Wissenschaft. Neben dem Wirken als Wohltäter für die Städte
und Regionen des Reiches schöpften sie wie die anderen hellenistischen Kö-
nige einen Teil ihrer Legitimität aus dem Aufbau einer möglichst umfassen-
den Bibliothek, die an das berühmte Museion, das Forschungszentrum
für Wissenschaftler aus aller Welt,
angegliedert war. Hierfür wurden gewaltige
Summen investiert.
[Dein Zitat]
Kein Wunder
also, wenn Museion und Bibliothek einen beispiellosen Aufschwung nahmen.
Von Beginn an hatten die Ptolemäer begriffen, dass Eliteförderung adäquate
Investitionen erfordert
, und der Erfolg gab ihnen recht.

(Schäfer. a. O.)

zu 2. Es war vermutlich auch schon damals bekannt, dass bei jeder Abschrift längerer Texte Fehler entstehen, trotz Kontrolle. Der Besitz des besten verfügbaren Tragiker-Textes war also für die Reputation des bedeutendsten Zentrums der damaligen Philologie wohl nicht ohne Gewicht.
Re: Ein königlicher Büchernarr
Γραικύλος schrieb am 13.06.2020 um 13:25 Uhr (Zitieren)
An Platon:

Na, das ist ja eine abgelegene Stelle; auf die wäre ich nicht gekommen.

An Morus:

Abgesehen davon, daß Schäfers "fanatische Büchersammler" das ist, was ich mit "Büchernarr(en)" meinte, nähern sich unsere Standpunkte nunmehr an: Daß die Ptolemäer das Büchersammeln zum Zwecke ihrer Legitimation und ihres Ruhmes einsetzten, ist klar. Daß sie keine genuin philologischen Interessen verfolgten, dürfte ebenso klar sein sein. Daher meine ich, daß der Besitz des 'besten' Exemplares für sie nicht den des philologisch exaktesten Buches bedeutete (das hätten sie, wie gesagt, durch mehrfach korrigierte Abschriften für weniger als 15 Talente haben können), sondern den des berühmtesten, klassischen Exemplares. Ob es, insofern es ja ebenfalls von Hand geschrieben worden war, nicht ebenfalls Fehler enthielt, lasse ich mal dahingestellt. Abschreiber können sogar offensichtliche Fehler verbessern.

Ich empfinde den Begriff "Wissenschaftspolitik", den Du verwendet hast, als mißverständlich, nehme aber an, daß das jetzt geklärt ist.
Es ging um Reputation.

Die Vitae X oratorum muß ich noch nachschauen.
Re: Ein königlicher Büchernarr
Γραικύλος schrieb am 13.06.2020 um 13:43 Uhr (Zitieren)
Mir fällt ein vergleichbarer Fall ein: Ein Bekannter von mir hat sich einmal die Stephanus-Ausgabe von Platon gekauft, also die aus dem 16. Jhdt.
Philologisch ist das heute gar nicht mehr die beste Ausgabe, und der Bekannte war auch kein Philologe. Aber er war stolz wie Oskar und sah das Werk als die Krone seiner Bibliothek an. Es hat ihn obendrein zwar nicht 15 Talente, aber doch eine Menge Geld gekostet.
Re: Ein königlicher Büchernarr
Γραικύλος schrieb am 13.06.2020 um 14:11 Uhr (Zitieren)
Die Lektüre der Vitae X oratorum ergibt im Hinblick auf die Funktion des Lykurgos in der Verwaltung des Staatsschatzes [διοίκησις τῶν χρημάτων]:
[...] the law that bronze statues of the poets Aeschylus, Sophocles, and Euripides be erected, that their tragedies be written out an kept in a public depository [ἐν κοινῷ], and that the clerk of the State read them to the actors who were to perform their plays for comparison of the texts and that it be unlawful to depart from the authorized text in acting; [...]

Es handelte sich also um den per Dekret offiziellen, maßgebenden Text, jedenfalls für den Geltungsbereich des Dekrets.
Re: Ein königlicher Büchernarr
Γραικύλος schrieb am 13.06.2020 um 14:11 Uhr (Zitieren)
an kept --> and kept
Re: Ein königlicher Büchernarr
Γραικύλος schrieb am 13.06.2020 um 14:27 Uhr (Zitieren)
Der Redner Lykurg verfügte in seiner Eigenschaft als langjähriger Verwalter des Staatsschatzes:
[...] the law that bronze statues of the poets Aeschylus, Sophocles, and Euripides be erected, that their tragedies be written out and kept in a public depository [ἐν κοινῷ], and that the clerk of the State read them to the actors who were to perform their plays for comparison of the texts and that it be unlawful to depart from the authorized text in acting; [...]

(Moralia 841 f.)

Es handelte sich also um eine eine per Dekret für offiziell erklärte, maßgebliche Ausgabe der Tragödien des Aisychlos, Sophokles und Euripides. Das ist natürlich ein Schatz für jede Bibliothek.
 
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