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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Zwei Arten von Liebe (616 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 13.04.2020 um 18:06 Uhr (Zitieren)
Der Roman: "Aphrodite" von Pierre Louÿs.
Die Handlung spielt ca. 50 v.u.Z.
Berenike IV., Königin von Ägypten, liebt einen jungen Mann namens Demetrios. Ihre jüngere Schwester Kleopatra (die später so berühmte) weckt sie eines Morgens und beginnt mit ihr eine Diskussion über die Liebe.
An einer späteren Stelle des Romans äußert sich auch Demetrios selber zu diesem Thema – nicht gegenüber Berenike, sondern gegenüber einer Kurtisane namens Chrysis, die ihn ebenfalls liebt: er selber liebt weder Berenike noch Chrysis, und er erklärt, warum.
[...]
Berenike fuhr aus dem Schlaf hoch und öffnete zwei wunderschöne Augen: „Kleopatra ... Was machst du hier ... Was willst du von mir?“
Die Kleine wiederholte mit Nachdruck: „Warum ist dein Liebhaber nicht bei dir?“
„Er ist nicht ...?“
„Nein, du weißt es wohl.“
„Es ist wahr ... er ist nie da ... O Kleopatra, wie bist du grausam, mich zu wecken, um mir dies zu sagen!“
„Und warum ist er nie da?“
Berenike stieß einen kummervollen Seufzer aus: „Ich sehe ihn, wann er es will ... am Tag ... für einen Augenblick.“
„Du hast ihn gestern nicht gesehen?“
„Doch ... Ich bin ihm unterwegs in meiner Sänfte begegnet. Er ist eingestiegen.“
„Aber nicht bis zum Palast geblieben.“
„Nein ... nicht ganz; trotzdem sah ich ihn noch knapp bis vor dem Tor ...“
„Und du hast ihm gesagt ...“
„Oh! Ich war wütend ... ich habe ihm die bösesten Sachen gesagt ... ja, mein Liebling!“
„Wirklich?“ versetzte die Kleine mit einiger Ironie.
„Viel zu Böses ohne Zweifel, und er hat mir nicht geantwortet ... In dem Moment, als ich ganz rot vor Wut war, hat er mir eine lange Fabel erzählt, und weil ich sie nicht verstanden habe, wußte ich nicht, was ich hätte antworten können ... Er war schon aus der Sänfte gestiegen, als ich daran dachte, ihn festzuhalten.“
„Und du hast ihn nicht zurückrufen lassen?“
„Aus Angst, ihm zu mißfallen.“
„Kleopatra erhob sich voller Empörung, ergriff beide Schultern ihrer Schwester und sah ihr fest in die Augen: „Was sagst du da? Du bist Königin, du bist Göttin eines Volkes, du nennst die halbe Welt dein Eigentum, alles, was nicht Rom zugehört, gehört dir, du herrschst über den Nil und über das ganze Meer, du herrschst sogar über den Himmel, weil du mit den Göttern sprichst, vertrauter als jeder andere, und du vermagst über den Mann, den du liebst, nicht zu herrschen?“
„Herrschen ...“ erwiderte Berenike und senkte den Kopf, „es ist einfach gesagt, aber du siehst, man kann über einen Liebhaber nicht herrschen wie über einen Sklaven.“
„Und warum nicht?“
„Weil ... aber das kannst du nicht verstehen ... Lieben bedeutet, das Glück eines anderen demjenigen, das man selbst anstrebt, vorzuziehen ... Wenn Demetrios zufrieden ist, will ich es auch sein, koste es seine Anwesenheit und meine Tränen. Ich kann mir keine Freude wünschen, die nicht gleichzeitig die seine wäre, und alles, was ich ihm gebe, macht mich selig.“
„Du verstehst es nicht zu lieben“, sagte das Kind.
Berenike warf ihr ein trauriges Lächeln zu, dann streckte sie beide Arme zu beiden Seiten ihres Bettes aus, reckte ihre Brust und beugte ihren Rücken: „Ach, du unwissende kleine Jungfrau!“ seufzte sie. „Wenn du zum ersten Mal in einer liebevollen Umarmung in Ohnmacht fällst, dann wirst du verstehen, daß man niemals die Königin des Mannes, der dies bewirkt, sein wird.“
„Man ist es, wenn man es sein will.“
„Aber man kann es nicht mehr wollen.“
„Ich kann es wohl! Warum solltest du es nicht auch können, wenn du sogar die Ältere bist?“
Berenike lächelte wieder. „Und über wen, mein kleines Mädchen, übst du deine Herrschaft aus? Über welche deiner Puppen?“
„Über meinen Liebhaber!“ sagte Kleopatra. Und ohne abzuwarten, daß sich die Verblüffung ihrer Schwester in Worten äußern könnte, fuhr sie in wachsender Erregung fort: „Ja, ich habe einen Liebhaber! Ja, ich habe einen Liebhaber! Warum sollte ich nicht auch wie jede andere, wie du, wie meine Mutter und meine Tanten, wie die letzte ägyptische Frau, einen Liebhaber haben, da ich seit sechs Monaten Frau bin und du mir keinen Mann gönnst? Ja, ich habe einen Liebhaber, Berenike, ich bin kein kleines Mädchen mehr, ich weiß es! Ich weiß es! ... Schweig, ich weiß es besser als du ... Ich habe mir meine Arme fast gebrochen beim Drücken des nackten Rückens eines Mannes, der mein Gebieter zu sein meinte. Ich habe meine Zehen gekrümmt in dem Gefühl, aus dem Leben gerissen zu werden, und bin hundert Tode gestorben, was du Ohnmächtigwerden nennst; aber gleich danach, Berenike, war ich wieder am Leben! ... Schweig! Ich schäme mich, dich zur Herrscherin zu haben, die du die Sklavin von jemandem bist!“
Die kleine Kleopatra stand ganz aufrecht und machte sich so groß wie möglich. Sie nahm ihren Kopf in die Hände wie eine Königin aus Asien, die eine Tiara anprobiert.
Ihre Schwester, die ihr mit angezogenen Füßen auf dem Bett sitzend zugehört hatte, kniete sich nun hin, um ihr näher zu sein, und legte ihr die Hände auf die schmalen Schultern. „Du hast einen Liebhaber, Kleopatra?“ Sie sprach jetzt schüchtern, fast mit Hochachtung.
Die Kleine antwortete trocken: „Wenn du mir nicht glaubst, wirst du es schon sehen.“
Berenike seufzte. „Und wie oft siehst du ihn?“
„Dreimal am Tag.“
„Aber wo denn?“
„Du willst wirklich, daß ich es dir sage?“
„Ja.“
Kleopatra fragte jetzt ihrerseits: „Aber wie konntest du es nicht merken?“
„Mir entgeht alles, selbst das, was sich im Palast ab-spielt. Demetrios ist der einzige Mensch, mit dem ich mich zu beschäftigen verstehe. Ich habe dich nicht beaufsichtigt, es ist mein Versäumnis, mein Kind.“
„Beaufsichtige mich, wenn du willst. An dem Tag, an dem ich nicht mehr tun könnte, was ich will, würde ich mir das Leben nehmen. Es ist mir also alles egal.“
Kopfschüttelnd antwortete Berenike: „Du bist frei ... überdies wäre es zu spät, um dir die Freiheit zu verbieten ... Aber ... antworte mir, mein Liebling ... Du hast einen Liebhaber ... und du hältst ihn fest?“
„Ich habe meine Art, ihn festzuhalten.“
„Wer hat dir das beigebracht?“
„Oh, ich mir selbst. Entweder versteht man es instinktiv oder man wird es nie verstehen. Als ich sechs Jahre alt war, wußte ich bereits, wie ich später meinen Liebhaber festhalten würde.“
„Und du willst es mir nicht verraten?“
„Folge mir.“
Berenike stand langsam auf, zog eine Tunika und einen Mantel an, schüttelte ihr schweres Haar, weil es von den Ausdünstungen des Schlafs klebrig war, und die beiden verließen zusammen das Zimmer.
Zuerst durchquerte das junge Mädchen das Vestibül und ging geradewegs zu dem Bett, das sie vorhin verlassen hatte. Dort holte sie unter der Matratze aus frischen und trockenen Byssus einen ziselierten Schlüssel hervor. Dann dreht sie sich um: „Folge mir. Wir müssen eine Weile gehen“, sagte sie.
In der Mitte des Vestibüls stieg sie eine Treppe hinauf, folgte einer langen Säulenreihe, öffnete Türen, lief über Teppiche, Steinplatten, den glatten Marmor und über zwanzig Mosaike von zwanzig menschenleeren, stillen Sälen. Dann stieg sie eine Steintreppe hinab, trat über dunkle Schwellen, ließ dröhnende Tore hinter sich. Von Raum zu Raum lagen je zwei Wächter, Speere in der Hand, schlafend auf Matten. Irgendwann durchquerte sie einen Hof, der vom Vollmond beschienen war, und die Schatten einer Palme streichelten ihre Hüften. Berenike, in ihren blauen Mantel gehüllt, folgte ihr immer weiter.
Zuletzt kamen beide zu einer mächtigen Tür, die mit Eisen gepanzert war wie die Brust eines Kriegers. Kleopatra schob langsam den Schlüssel ins Schloß, drehte ihn zweimal um und stieß die Tür auf: Ein Mann, ein Riese, erhob sich in der dunklen Tiefe seines Kerkers.
Berenike sah ihn, spürte eine heftige Erregung, und den Kopf senkend, sagte sie mit sanfter Stimme: „Du, mein Kind, bist diejenige, die nicht zu lieben vermag ... wenigstens noch nicht ... Ich tat wohl recht daran, dir das zu sagen.“
„Liebe oder Liebe, ich ziehe die meine vor“, sagte die Kleine. „Der da gibt wenigstens nichts anderes als Lust.“
Dann stand sie ganz aufrecht an der Schwelle des Raums, und ohne einen Schritt nach vorne zu machen, sagte sie zu dem im Dunkeln stehenden Mann: „Komm, küsse meine Füße, du Hundesohn.“
Als er es getan hatte, küßte sie ihn auf die Lippen.

***

[...]
[Chrysis:] „Ich allein bin die Sklavin, Demetrios.“
[Demetrios:] „Ja, ob du oder ich, stets einer von uns beiden, sobald er den andern liebt. Sklaverei! Sklaverei! – Das ist der wahre Name der Leidenschaft. Ihr habt alle nur einen einzigen Traum, einen einzigen Gedanken im Sinn: Durch eure Verletzlichkeit die Stärke des Mannes zu brechen, durch eure Nichtigkeit seine Intelligenz zu beherrschen! Was ihr wollt, sobald euch die Brüste wachsen, ist nicht, lieben oder geliebt zu werden, sondern einen Mann an eure Fußknöchel zu binden, ihn zu erniedrigen, ihm den Kopf zu Boden zu beugen und eure Sandalen darauf zu setzen. Denn dann könnt ihr, ganz nach eurem Ehrgeiz, das Schwert, den Meißel oder den Zirkel zerstören, alles, was euch überragt, alles entmännlichen, was euch ängstigt. Herakles bei der Nase nehmen und ihn ans Spinnrad setzen! Aber wenn es euch nicht gelungen ist, seine Stirn oder seinen Charakter zu unterjochen, dann betet ihr die Faust an, die euch schlägt, das Knie, das euch zu Boden drückt, sogar die Zunge, die euch beschimpft! Der Mann, der sich geweigert hat, euch die nackten Füße zu küssen, befriedigt eure Verlangen, selbst wenn er euch Gewalt antut. Derjenige, der nicht geweint hat, als ihr sein Haus verließet, kann euch bei den Haaren wieder hineinzerren; eure Liebe wird aus den Tränen wiedergeboren, denn nur eines vermag, wenn ihr die Sklaverei dem Mann nicht auferlegen könnt, euch, ihr verliebten Frauen, zu trösten – das ist: sich ihm zu unterwerfen!“
„Oh! Schlage mich, wenn du willst! Aber danach liebe mich!“ Sie umarmte ihn so unvermutet, daß er keine Zeit hatte, die Lippen zurückzuziehen.
Er machte sich mit beiden Armen zugleich los: „Ich verachte dich. Lebe wohl“, sagte er.
[...]

(Pierre Louÿs: Dieses obskure Objekte der Begierde. Aphrodite. Zwei Romane. Zürich 2002, S. 336-342; 381 f.)
 
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