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Die sizilische Seuche (414 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 20.03.2020 um 16:29 Uhr (
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Diodorus Siculus berichtet über die Belagerung des von Dionysios I. beherrschten Syrakus durch die Kathager im Jahre 397
v.u.Z.:
[...]
Nach der Einnahme der Vorstadt und der Plünderung des Tempels der Demeter und Kore durch die Karthager befiel eine Seuche ihr Heer; das Unheil, welches die Gottheit über sie verhängte, wurde dadurch verschlimmert, daß Zehntausende von Menschen an ein und demselben Ort versammelt waren, die Jahreszeit den Ausbruch von Krankheiten förderte und außerdem jener Sommer ausnehmende Hitze mit sich brachte.
Auch die Örtlichkeit selbst scheint zu dem ungewöhnlichen Ausmaß des Verhängnisses beigetragen zu haben; hatten doch zuvor schon die Athener, welche den nämlichen Platz für ihr Lager nutzten1) , infolge einer Seuche starke Verluste erlitten, da das Gelände sumpfig war und eine Senke bildete.
Früh, noch vor Sonnenaufgang, ließ der kalte Seewind die Körper erstarren, mittags dann aber lastete eine brütende Hitze mit erstickender Wirkung auf der hier beengt zusammengedrängten Menge.
Zunächst befiel die Seuche die Libyer, und viele von ihnen starben dahin; die Leichen begrub man nur anfangs, späterhin wagte sich angesichts der Masse der Toten, und da auch die Krankenwärter von der Epidemie erfaßt wurden, niemand mehr den Befallenen zu nähern. Als nun auch noch die Pflege ausblieb, gab es keine Abhilfe mehr gegen das Verhängnis.
Aufgrund des Gestanks der unbestatteten Leichen und der vom Morast her aufsteigenden Fäulnis nahm die Krankheit ihren Anfang mit einem Katarrh, darauf bildeten sich Geschwüre im Rachen; es folgten Fieberanfälle, Nervenschmerzen im Rücken [περὶ τὴν ῥάχιν νεύρων πόνοι] sowie Schweregefühle in den Schenkeln, und schließlich kamen Dysenterie und Pusteln hinzu, welche die ganze Körperoberfläche bedeckten.
In der Mehrzahl der Fälle war dies der Verlauf der Krankheit, einige Infizierte verfielen indes ins Delirium und verloren gänzlich ihr Gedächtnis; besinnungslos irrten diese im Lager umher und schlugen auf jeden ein, dem sie begegneten [τινὲς δ‘ εἰς μανίαν καὶ λήθην τῶν ἁπάντων ἔπιπτον, οἳ περιπορευόμενοι τὴν παρεμβολὴν ἐξεστῶτες τοῦ φρονεῖν ἔτυπτον τοὺς ἀπαντῶντας]. Im allgemeinen konnten, so wie die Dinge lagen, auch die Ärzte angesichts der Heftigkeit der Erkrankung und der Schnelligkeit, mit welcher der Tod eintrat, keine Hilfe leisten: am fünften, meist am sechsten Tag starben die Menschen unter so qualvollen Schmerzen, daß die im Krieg Gefallenen von allen glücklich gepriesen wurden [δεινὰς ὑπομένοντες τιμωρίας, ὥσθ‘ ὑπὸ πάντων μακαρίζεσθαι τοὺς ἐν τῷ πολέμῳ τετελευτηκότας].
Wer den Kranken beistand, steckte sich mit der Seuche an, so daß das Los der Siechen furchtbar war, da sich niemand mehr um diese Unglücklichen kümmerte; ließen einander doch nicht nur Fremde im Stich – Brüder gaben ihre Brüder, Freunde ihre Vertrauten preis, alles aus schierer Angst um das eigene Leben [ἀδελφοὶ μὲν ἀδελφούς, φίλοι δὲ τοὺς συνήθεις ἠναγκάζοντο προίεσθαι διὰ τὸν ὑπὲρ αὑτῶν φόβον].
(Bibliotheké XIV 70 f.)
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1) bei ihrer sizilischen Expedition während des Peloponnesischen Krieges (415 – 413
v.u.Z.), als es zu einer vergeblichen Belagerung von Syrakus gekommen war
Re: Die sizilische Seuche
Γραικύλος schrieb am 20.03.2020 um 16:30 Uhr (
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Kathager --> Karthager