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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Ich bin tot - Ein Erfahrungsbericht (460 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 18.03.2020 um 16:01 Uhr (Zitieren)
Da habe ich einen Großteil meines Lebens der Antike gewidmet - und jetzt sowas!
Es ist passiert: ich bin gestorben. Vor drei Tagen. Nicht durch ein Verbrechen und nicht wegen einer Infektion, sondern ganz trivial durch einen Herzinfarkt. Ein Sekundentod. Bei meinem Lebenswandel ist das keine ganz große Überraschung.

Eine echte Überraschung aber war für mich, daß ich nicht einfach erloschen bin, sondern die Eindrücke sich fortsetzten und ich sogar diesen Bericht schreiben kann. Da war ich baff. Probieren geht eben über Studieren.

Die Buddhisten werden enttäuscht sein, denn ich bin nicht wiedergeboren. Vielleicht fehlte mir das Loch im Kopf, durch das meine Seele in einen anderen Körper hätte entweichen können. Auch die Moslems haben es nicht so recht getroffen, und einige von ihnen sind stinksauer: jahrelang den Dschihad gekämpft, und dann keine einzige Jungfrau (die hier tatsächlich extrem selten vorkommen)!

Vielmehr war es Jesus, der in einer kurzen Gerichtsverhandlung über meine Zukunft entschieden hat. Da ich die ersten drei der Zehn Gebote zeitlebens ignoriert sowie mit dem sechsten Gebot die eine oder andere Kollision erlebt habe, außerdem das Gebot der Nächstenliebe für mich eine Überforderung war, kam für mich klarerweise nur die Hölle in Betracht. Mein Argument, der Herr hätte unsere Nächsten etwas liebenswerter schaffen sollen, um die Liebe zu ihnen nicht so schwierig zu machen, verfing nicht. „Befehl ist Befehl!“ bekam ich zu hören.

Da sitze ich nun.
Es folgt eine Beschreibung meiner ersten Eindrücke von unserem Alltag. So ganz ungewohnt ist das Dasein in der Hölle nicht: Wir haben hier unsere Diktatoren und Möchtegern-Diktatoren, unsere Feindschaften, unsere Streitereien unter Ehepartnern (bemerkenswert: nie kommt nur einer von ihnen in die Hölle), auch unsere Lügen und Betrügereien. Eigentlich ganz so wie auf der Erde minus Mord, nur halt jetzt für immer.

Wie verbringen wir unsere Zeit? Im Fernsehen gibt es bloß zwei Sendungen zur Auswahl: Florian Silbereisen und „Deutschland sucht den Superstar“ – da weiß man gleich, warum die Hölle Hölle heißt. Die örtliche Bibliothek führt ausschließlich die Bibel sowie Heiligenviten – auch nichts, womit man Tag um Tag füllen mag.

Aber wir haben hier eindeutig die interessanteren Leute. Gestern erst habe ich gesehen, wie Adolf Hitler von seiner Schäferhündin Blondi gebissen worden ist, sodaß er nicht, wie auf dem Tagesplan vorgesehen, eine Synagoge besuchen mußte. Und Trotzkij diskutierte stundenlang mit Stalin, dessen Befehl „Verpaßt diesem verdammten Schurken endlich neun Gramm ins Genick!“ von Berija trocken kommentiert wurde: „Geht nicht. Er ist ja schon tot.“ Vorgestern hatten wir eine spannende Hitparade, in der Alexander der Große, Dschingis Khan, Napoleon, Hitler, Stalin und Mao Zedong miteinander konkurrierten, wer mehr Menschen ums Leben gebracht habe. Die Sache endete in einer Prügelei zwischen Dschingis Khan und Mao Zedong um den Ruhm Asiens.

Das ist schon unterhaltsam, und über Langeweile können wir uns in dieser Hinsicht nicht beklagen.

Im Himmel dagegen, so heißt es, kann man nur zwischen „Beten mit Mutter Teresa“ und einem Volkshochschulkurs „Warum der Darwinismus falsch ist“ wählen, während hier Charles Darwin eine gutbesuchte Vorlesung mit dem Titel „Warum ich doch recht hatte“ hält.

Beeindruckend sind auch die peniblen Vorbereitungen für das zu erwartende Eintreffen künftiger Bewohner: Da werden Siedekessel aufgestellt und vorgeheizt für Putin, Kim Jong-un (direkt neben seinen Vorfahren), Baschar al-Assad (der Vater gleich gegenüber) und viele andere. Der Kessel für Donald Trump hat sogar schon ein irgendwie rührendes, blankpoliertes Messingschild mit der Aufschrift: „This is no fake news.“

Das sind meine ersten Eindrücke. In einer Woche mehr – dann habe ich meinen ersten Termin auf der Streckbank. Macht’s gut. Wir sehen uns.

(Wolfgang Weimer, 2020)
Re: Ich bin tot - Ein Erfahrungsbericht
filix schrieb am 18.03.2020 um 16:13 Uhr (Zitieren)
In der Hölle sind die Italiener für die Technik zuständig, die Engländer für die Küche und die Deutschen für den Humor.


:)
Re: Ich bin tot - Ein Erfahrungsbericht
Γραικύλος schrieb am 18.03.2020 um 19:13 Uhr (Zitieren)
[Ironie]Meinst Du damit Florian Silbereisen oder mich? Oder beide?[/Ironie]
 
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