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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Zur Anonymität (714 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 06.03.2020 um 00:07 Uhr (Zitieren)
Die in Deutschland endlich erlangte und sogleich auf das Ehrloseste mißbrauchte Preßfreiheit sollte wenigstens durch ein Verbot aller und jeder Anonymität und Pseudonymität bedingt seyn, damit Jeder für Das, was er durch das weitreichende Sprachrohr der Presse öffentlich verkündet, wenigstens mit seiner Ehre verantwortlich wäre, wenn er noch eine hat; und wenn keine, damit sein Name seine Rede neutralisirte.

(Arthur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena II § 281)
Re: Zur Anonymität
filix schrieb am 06.03.2020 um 13:56 Uhr (Zitieren)
Jaja, ein Hundsfott, wer sich nicht nennt. Sollen wir nun daraus schließen, dass Schopenhauer mit seiner von dir mehr als unvollständig zitierten Hassrede heute, da sich die Debatte vom böswilligen Literatur-Recensenten (für den Eigentümer und Herausgeber in Kollektivhaftung genommen werden sollen) in Zeitschriften Richtung Hassposter (und notorischem Einsternebewerter) in sozialen Netzwerken verschoben hat, in Schäubles Lager wäre? Die Ähnlichkeit der Vermutungen über den Zusammenhang von Klarnamenpflicht, Scham und Mäßgigung als Grundlage der Gesetzgebung bar empirischer Grundlage, die Reduktion der Bedeutung der Anonymität in einer modernen Gesellschaft auf ihre missbräuchliche Verwendung über 150 Jahre Distanz hinweg ist jedenfalls frappierend.
Re: Zur Anonymität
Γραικύλος schrieb am 06.03.2020 um 14:56 Uhr (Zitieren)
Stark gekürzt, ja. Allerdings sehe ich nicht, daß Schopenhauer in dem Rest noch argumentativ zulegt. Nicht anonym aufzutreten, ist für ihn eine Sache der Ehre. Und er geht davon aus, daß sich Menschen im Schutz der Anonymität anders verhalten als ohne diesen.

Es kann sich jeder selbst die Frage stellen: Verhieltest du dich in deinen Äußerungen, z.B. im Internet, anders, wenn du sie mit Klarnamen tätigen müßtest? Falls ja: in welcher Weise?

Die Antworten (und die Begründungen!) mögen im Iran, in Rußland oder China anders ausfallen als in Europa.
Re: Zur Anonymität
filix schrieb am 06.03.2020 um 21:47 Uhr (Zitieren)
Allerdings sehe ich nicht, daß Schopenhauer in dem Rest noch argumentativ zulegt.

In der Tat, er beleidigt pauschal, ruft, solange es an Gesetzen fehlt, zur kollektiven öffentlichen Diffamierung durch die naturgemäß Anständigen auf, erklärt den ehrlosen Gegner zum vogelfreien Mr. Nobody und ergeht sich in Gewaltphantasien - anders gesagt: er hetzt und das ganz ungeniert unter seinem Klarnamen.

Womit wir schon bei einem Teil des Problems wären. Interessanter als die hypothetische Introspektion des Individuums scheint mir die empirische Untersuchung, wie Menschen sich heute unter ihrem Klarnamen im Netz tatsächlich äußern, obwohl sie das nicht müssten.

Nach einer Untersuchung1 der Universität Zürich ist es nämlich keineswegs so, dass die von Schopenhauer bis Schäuble getroffene Annahme, die Klarnamenpflicht beseitigte über eine mit der bürgerlichen Identität verknüpfte Scham- und Ehrkultur 99 von 100 litterarischen Schurkereien oder in unserem Zeitalter nennenswert die Enthemmung und Entfesselung des Hasses, auf sicherem Boden steht:

Die Auswertung von mehr als einer halben Million sozialpolitischer Kommentaren der deutschen Plattform www.openpetition.de zwischen 2013 und 2016 ergab demnach nicht nur, "dass die Verfasser von Hasskommentaren, die unter ihrem vollen Namen posten, sogar häufiger sind als anonyme Hasskommentatoren".

Anscheinend bedarf es dazu auch gar keiner speziellen Überwindung, zumal dem unter Klarnamen sich Äußernden oft noch Anerkennung für seinen Mut und seine Bereitschaft, zu seiner Meinung zu stehen, ganz unabhängig von deren Qualität zuteil wird, und diese sich in sozialen Netzwerken mit Gleichgesinnten verbinden, sodass ein Milieu gegenseitiger Be- und Verstärkung entsteht, während sonst Sanktionen kaum zu fürchten sind.

Wer sich im Recht wähnt und nur zur Wehr zu setzen meint gegen ihm Unerträgliches, denkt auch anders: "Wieso sollten sich Verfasser von Hassposts, die ihren Protest als moralische Pflicht rechtfertigen und sich für eine gerechte Sache einsetzen, verstecken?" Schopenhauer dürfte seinen Ausfall auch nicht anders gesehen haben.

Es ist also schon zweifelhaft ist, ob eine solche Maßnahme auch nur die behaupteten Effekte zeitigt, noch ehe man eine weitaus wichtigere Abwägung gegen die Vorteile der Anonymität diskutiert hat, überhaupt in einer Welt, wo die Verkettung von Informationen zu einer Person, der unkontrollierte Zugriff darauf und das fehlende oder nur schwer durchsetzbare Recht auf Vergessen, eine ganz andere Herausforderung für ein Individuum darstellt als um 1860.

Die im Jahre 2007 eingeführte Identifikationspflicht in Südkorea für Bürger, die sich im Internet äußern wollten, wurde übrigens 2012 nicht nur wegen Verfassungswidrigkeit, sondern auch wegen Wirkungslosigkeit hinsichtlich der Reduktion der Hasskommentore und Beleidigungen und der kontraproduktiven Begünstigung missbräuchlicher Verwendung der dadurch angesammelten Personendaten, die von Hackern entwendet und auf dem Schwarzmarkt gehandelt wurden, wieder abgeschafft.2

1 https://www.media.uzh.ch/de/medienmitteilungen/2016/Hasskommentatoren-verzichten-auf-Anonymit%C3%A4t.html[/sub]
2 https://www.heise.de/tp/features/Vermummungsverbot-im-Netz-4225015.html
Re: Zur Anonymität
filix schrieb am 06.03.2020 um 21:54 Uhr (Zitieren)
Kommentare .., Hasskommentare ...



Re: Zur Anonymität
Γραικύλος schrieb am 06.03.2020 um 23:24 Uhr (Zitieren)
Erstaunlich. Ich frage mich, ob das zutrifft bzw. verallgemeinerbar ist.
Im parallelen Lateinforum wird ja gehaßt und beleidigt, was das Zeug hält - aber nie unter einem Klarnamen.

Schopenhauer selbst, das muß man zugeben, hat immer unter seinem Namen gerüpelt und beleidigt. Das konnte er tun, weil er ein Spezialfall war: nämlich finanziell unabhängig.

Das können sich die rechtsextremen Polizisten und Berufssoldaten, von denen derzeit viel die Rede ist, wohl kaum leisten. Da braucht es schon die technischen Möglichkeiten von MAD und Verfassungsschutz, um sie zu identifizieren.
Re: Zur Anonymität
Γραικύλος schrieb am 06.03.2020 um 23:31 Uhr (Zitieren)
Das mit der
kontraproduktiven Begünstigung missbräuchlicher Verwendung der dadurch angesammelten Personendaten, die von Hackern entwendet und auf dem Schwarzmarkt gehandelt wurden

ist natürlich klar - von Polizei- und Überwachungsstaaten ganz abgesehen.
Selbst das Darknet besitzt ja den Vorteil, daß manche Menschen in solchen Staaten sich dort einigermaßen ungefährdet austauschen können.
Re: Zur Anonymität
filix schrieb am 07.03.2020 um 00:47 Uhr (Zitieren)
Was das Lateinforum angeht, erinnere ich mich an manch notorisch beleidigenden Auftritt unter, soweit sich das sagen lässt, Klarnamen. Darunter ein Arzt. Die in das Stadium eines zumeist abendlichen Rituals getretene Fehde fällt aber wohl unter Rache für eine persönliche Ehrverletzung, in deren Zug auch gehetzt wird, da gelten, das wird auch in dem verlinkten Artikel gestreift, etwas andere Regeln - je eher das eigene Verhalten sich als moralisch hochstehender Protest, als berechtigte Empörung oder Kritik an Missständen rechtfertigen lässt, desto ungenierter tritt es auf.

Neben dem in krimineller Absicht erfolgten Missbrauch der Personendaten ist auch an die Schutzfunktion der Anonymität für keineswegs verhetzend oder beleidigend formulierte Meinungsäußerung zu denken, insbesondere bei deutlichen Machtgefällen, sowie an die kommunikative Privatsphäre, deren Wahrung unter heutigen Bedingungen kaum garantiert werden kann. Wer würde von jemandem, der, an Krebs erkrankt, in der Angst, die Arbeit zu verlieren, sich im Netz darüber in Communitys austauschen möchte, von jemandem, der nur anonym über ihm widerfahrenen Missbrauch reden kann, verlangen, dies unter seinem Klarnamen zu tun? Sollen künftige Vermieter oder Arbeitgeber einsehen dürfen, welche Haltung man zum Mietrecht einnimmt, was man über Gewerkschaften, Polytheismsus oder die Flüchtlingspolitik denkt, über welche sexuellen Vorlieben man vor drei Jahren mit wem diskutiert hat usf.? Naiv scheint mir auch die Vorstellung, der nicht artikulierte Hass verschwände einfach spurlos und suchte sich keine anderen Ausdrucksformen.
Re: Zur Anonymität
Γραικύλος schrieb am 07.03.2020 um 10:47 Uhr (Zitieren)
Abschnitt 2: okay.

Hierzu:
Was das Lateinforum angeht, erinnere ich mich an manch notorisch beleidigenden Auftritt unter, soweit sich das sagen lässt, Klarnamen. Darunter ein Arzt.

Das habe ich anders erlebt bzw. in Erinnerung. Erstmal: nur ein Fall. Dann: Besagte Person trat anfangs unter dem auf, was man für einen Klarnamen halten kann. Dann merkte sie, offenbar älteren Jahrgangs, wie man sich in einem solchen Forum austoben kann, und sofort wurde die Verwendung des Klarnamens durch ein Alias ersetzt. Leider - vom Standpunkt besagter Person - ließ sich die ursprüngliche Angabe des Klarnamens nicht mehr tilgen. Aber die Angriffe & Pöbeleien erfolgten immer anonym, bis hin zu einem Spiel mit wechselnden Identitäten.

Es waren diese und ähnliche Erfahrungen im Lateinforum, die, da ich mich bei Facebook & Co. nicht bewege, meine Ansicht über die verhängnisvolle Seite der Anonymität geprägt haben.
Unter anderem ermöglicht sie eben auch, was hier noch nicht erwähnt wurde, ständig die Identitäten zu wechseln - bis hin zu den Meinungsbots, bei denen es überhaupt keine echte Person mehr ist, die sich äußert.

Mir scheint, daß Du das Licht betonst und ich den Schatten.
Re: Zur Anonymität
filix schrieb am 07.03.2020 um 13:47 Uhr (Zitieren)
Das habe ich anders erlebt bzw. in Erinnerung ...


Deine Darstellung der Vorgänge im Lateinforum ist gewiss präziser als meine Wahrnehmung, vermutlich, weil ich kaum je glauben wollte, dass die schlecht Maskierten und ihre Sockenpuppen sich ernstlich Hoffnung machten, wirklich anonym bzw. verwechselbar zu sein. Gegen ein moderates Maskenspiel (jenseits von auf Vernichtung des Gegenübers zielender Pöbelei und Hetze), in dem der Wechsel eine echte Verwandlung, eine neue Figur bedeutete, hätte ich schon aus Sympathie für diese literarische Strategie letztlich wenig (Anonymität erlaubt auch, einmal jemand anderes sein zu können) Wie du empfinde ich es aber als der Kommunikation abträglich, wenn es nur dazu benutzt wird, in einer Sachdiskussion Verwirrung zu stiften, um von den eigenen Irrtümern und Versäumnissen abzulenken oder Parteinahme Dritter zu fingieren.


Mir scheint, daß Du das Licht betonst und ich den Schatten.


Sagen wir so, ich neige zur Ansicht, dass man wohl, wie Freud das einmal irgendwo schrieb, das Wesen des Gesunden nur durch das Kranke wirklich verstehen verlernt, dass aber die Abwägung nie vom einen selbst besonders störenden Missbrauch einer Sache ausgehen sollte, sondern immer von ihren lichtvollen Aspekten, d.h. insgesamt einem möglichst vollständigen Bild der sozialen oder kulturellen Funktion vorzugsweise auf empirischer Grundlage.

Dass eine Klarnamenpflicht allein das Problem von (Meinungs)bots, hinter denen neben politischen Absichten oft handfeste ökonomische Manipulationsstrategien stehen, die durchaus im Interesse der Plattformbetreiber liegen können, behebt, bezweifle ich indes stark - wo die sich nicht durch ihr Kommunikationsverhalten technisch nicht versierten Usern gegenüber verraten, werden sie umso eher Akzeptanz finden, da sie (unter anderen verbrieften Klarnamen) noch mehr als wirkliche Individuen erscheinen.
 
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