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Ein politisches Experiment des Servius Tullius (599 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 18.02.2020 um 00:11 Uhr (
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Servius Tullius war der in vielen Details mythische sechste König Roms (578-534
v.u.Z.) und gilt durch viele Reformen als der zweite Gründer der Stadt. Zentral war seine Änderung in der Abstimmungsweise der Volksversammlung: die nach Vermögen eingeteilten Zenturiatskomitien entschieden nun in der Weise, daß alle Bürger ohne Vermögen (und damit ohne Steuern und ohne Wehrdienst) in einer einzigen Zenturie zusammengefaßt wurden, die auch noch als letzte abstimmte, also nur dann eine Rolle spielte, wenn die anderen Zenturien, die Steuern zahlten und Wehrdienst leisteten, keine Mehrheit erbracht hatten.
Da er auf diese Weise die gesamte Last der Risiken und Kosten den Reichen aufgebürdet hatte und dann sah, dass sie sich damit nicht abfinden wollten, versuchte er auf andere Art und Weise ihren Unmut zu besänftigen und ihren Zorn zu beschwichtigen, indem er ihnen ein Vorrecht zukommen ließ, das sie zur bestimmenden Kraft im gesamten Gemeinwesen machen sollte: Er schloss die Armen von den politischen Entscheidungen aus. Das setzte er um, ohne dass die Plebejer es merkten. Dieses Vorrecht bezog sich auf die Volksversammlungen, in denen die Entscheidungen von höchster Bedeutung vom Volk bestätigt wurden.
Schon früher wurde von mir ausgeführt, dass das Volk auf der Grundlage der alten Gesetze über drei höchst bedeutsame, entscheidende Bereiche zu bestimmen hatte: Amtsträger zu wählen, die für die innenpolitischen und militärischen Belange zuständig waren; Gesetze in Kraft zu setzen oder aufzuheben; die Führung und Beendigung eines Krieges zu beschließen. Die Meinungsfindung und Entscheidung darüber gestaltete es so, dass es nach Kurien abstimmte, und die Stimme der Bürger, die am wenigsten besaßen, zählte genauso viel wie die der Personen mit dem größten Vermögen. Da die Reichen aber, wie zu erwarten, in der Minderheit waren, setzten sich bei Abstimmungen die Armen durch.
Das erkannte Tullius und übertrug die Stimmenmehrheit auf die Reichen. Sooft er nämlich vorhatte, Amtsträger wählen, über ein Gesetz entscheiden oder einen Krieg erklären zu lassen, berief er die Zenturiats- anstatt der Kuriatskomitien ein. Zur Stimmabgabe rief er zuerst die Zenturien mit der höchsten Bewertung auf; zu ihnen gehörten die 18 der Kavallerie und die 80 der Infanterie.
Da diese um drei mehr waren als der Rest, setzten sie sich, wenn sie einer Meinung waren, gegen die anderen durch, und die Abstimmung war beendet . Falls sie aber insgesamt nicht derselben Auffassung waren, rief er anschließend die 22 Zenturien mit der zweithöchsten Bewertung auf. Waren die Stimmen dann immer noch verteilt, rief er die mit der dritthöchsten Bewertung auf, und an vierter Stelle die mit der vierthöchsten. Das tat er so lange, bis 97 Zenturien die gleiche Stimme abgaben. Wenn das aber bis zum fünften Aufruf nicht der Fall sein sollte, sondern die Stimmen der 192 Zenturien gleich verteilt waren, dann rief er die letzte Zenturie auf, der die Masse der mittellosen und deshalb von jedem Kriegsdienst und jeder Abgabe befreiten Bürger angehörte. Die Seite, der sich diese Zenturie anschloss, setzte sich durch. Das kam aber nur selten vor und war beinahe unmöglich. In der Regel waren die Abstimmungen nämlich nach dem ersten Aufruf zu Ende, nur bei wenigen kam es zum vierten. Der fünfte und letzte Aufruf war überflüssig.
Mit der Umsetzung dieser politischen Maßnahme und der Einräumung eines derart maßgeblichen Vorrechts an die Reichen überlistete er, wie gesagt, das Volk, ohne dass es etwas davon merkte, und schloss die Armen von politischen Entscheidungen aus. Denn alle nahmen an, sie hätten den gleichen Anteil an der politischen Mitbestimmung, da jeder Bürger Mann für Mann nach seiner Auffassung in seiner eigenen Zenturie gefragt wurde. Sie ließen sich aber dadurch täuschen, dass die gesamte Zenturie nur eine Stimme hatte, sowohl die mit wenigen Mitgliedern als auch die mit sehr vielen, ferner dadurch, dass die Zenturien mit der höchsten Bewertung als Erste ihre Stimme abgaben, die ja die Mehrheit hatten, obwohl sie weniger Personen umfassten, am meisten aber dadurch, dass die mittellosen Bürger nur eine einzige Stimme hatten und als Letzte aufgerufen wurden.
Dank dieser Maßnahme kam es den Reichen, die hohe Kosten tragen mussten und bei den Gefahren des Krieges keine Erholungspause bekamen, weniger in den Sinn, unzufrieden zu sein, da nun die wichtigsten Entscheidungen in ihrer Hand lagen und die gesamte Macht den Bürgern entzogen worden war, die nicht dieselben Leistungen erbrachten. Die Armen aber, die nur einen geringen Anteil an den politischen Entscheidungen hatten, waren eher bereit, mit Vernunft und Zurückhaltung die damit verbundene Zurücksetzung zu ertragen; dafür waren sie ja von Abgaben und Kriegsdienst befreit. Für die Stadt aber war das Ergebnis von Vorteil, dass die Personen, die über die in ihrem Interesse notwendigen Maßnahmen befinden sollten, mit denen, die den Löwenanteil an den Gefahren zugeteilt bekommen hatten und alle notwendigen Maßnahmen umsetzen sollten, identisch waren.
Diese politische Ordnung wurde von den Römern viele Generationen lang beibehalten. In unserer Zeit aber ist sie in Bewegung geraten und hat sich unter dem Druck bestimmter zwangsläufiger Entwicklungen zu einer volksfreundlicheren Form [εἰς τὸ δημοτικώτερον] hin verändert, nicht weil die Zenturien abgeschafft worden wären, sondern weil ihr Aufruf nicht mehr mit der in alten Zeiten üblichen Strenge erfolgt, wie ich oft während meiner Anwesenheit bei den Wahlen der Amtsträger feststellen konnte. [...]
(Dionysios Halikarnassos: Römische Frühgeschichte IV 20 – 21, 2; vgl. Livius I 42 f.)
Re: Ein politisches Experiment des Servius Tullius
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 18.02.2020 um 09:43 Uhr (
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Dagegen war das preußische (Dreiklassen-)Wahlrecht ja der Ausbund an Partizipation und Ausgewogenheit ;-)
Re: Ein politisches Experiment des Servius Tullius
Γραικύλος schrieb am 18.02.2020 um 12:40 Uhr (
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Ja, da haben die Stimmen des dritten Standes immerhin noch gezählt, wenn auch weniger.
Mich erstaunt die Betonung des Dionysios (die bei Livius kein Gegenstück hat), die Armen seien zufrieden gewesen damit, auch weil sie das Spiel nicht recht durchschaut hätten.