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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Der Mensch und das Wissen (584 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 28.01.2020 um 14:00 Uhr (Zitieren)
Πάντες ἄνθρωποι τοῦ εἰδέναι ὀρέγονται φύσει.

Alle Menschen streben von Natur nach Wissen.

So beginnt eines der berühmtesten Werke der Antike: die Metaphysik des Aristoteles.

Mir erschien das zweifelhaft. Ist das wirklich ein menschliches Grundanliegen?

Nun finde ich in Mustafa Khalifas "Das Schneckenhaus" eine Bestätigung dieser Ansicht.

Die Situation ist die folgende: Die Häftlinge in ihren Gemeinschaftszellen in Tadmor sind seit vielen Jahren völlig von der Umwelt abgeschnitten; insbesondere haben sie nichts zu lesen: keine Zeitungen, keine Bücher.
"Alle sehnten sich genau wie ich danach, zusammenhängende Buchstaben zu sehen, gedruckte Wörter!"

Nun ergibt sich bei einem der hin und wieder auftretenden Sandstürme der Umstand, daß eine Zeitungsseite sich in den Gittern des Zellenfensters verfängt.
Sie hereinzuangeln, ist strikt verboten, und ein bewaffneter Posten hat Einblick in die Zelle. Dieser hat sich freilich vor dem Sandsturm zurückgezogen.
Sollen sie es wagen, das Zeitungsblatt herunterholen? Einer aus der speziellen Häftlingsgruppe, die "die Opferbereiten" heißt und gefährliche Tätigkeiten übernimmt, riskiert es und erwischt tatsächlich die Zeitungsseite.
Der Opferbereite lief mit der Zeitung zur Toilette. Freude erfaßte die Zelle, echte Freude, viele gaben sich die Hand, umarmten sich und gratulierten sich gegenseitig. Es war ein weiterer Triumph.
Nachdem Nassim mich umarmt hatte, sagte er zu mir:
"Du weißt schon, daß das erste Wort, das vom Heiligen Koran offenbart wurde, hieß: 'Lies'?"
"Ich weiß. Und du weißt auch, daß das Evangelium mit den Worten beginnt: 'Am Anfang war das Wort'?"
"Ich weiß. Aber, mein lieber Regisseur1), was sagt dir das?"
"Erwartest du jetzt von mir, daß ich große Worte spucke? Wie in Filmen und Romanen? Also gut: Es sagt mir, daß der Mensch bereit ist, sein Leben für das Wissen zu opfern."
"Richtig. Gut gemacht."

(a.a.O., S. 221)

Die Zeitungsseite enthält Werbung und Sportnachrichten.

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1) Der Protagonist hatte als Filmregisseur in Frankreich gelebt, bevor er in seine Heimat Syrien zurückgekehrt und dort verhaftet worden war.
Re: Der Mensch und das Wissen
filix schrieb am 28.01.2020 um 14:31 Uhr (Zitieren)
Ich hätte wohl geantwortet: Für die durch die Lektüre ermöglichte Flucht in die Welt, die die Zeichen erstehen lassen, die also wirklich da draußen ist, nicht bloß imaginiert, und Nachricht gibt von ihrer tröstlichen Banalität zwischen Werbung und Sport.
Re: Der Mensch und das Wissen
Γραικύλος schrieb am 28.01.2020 um 14:35 Uhr (Zitieren)
Das ist eine analysierende Antwort; ihr Selbstverständnis aber greift höher: der Heilige Koran, das Johannes-Evangelium; Aristoteles (Philosophie) kennen sie vermutlich nicht.
Re: Der Mensch und das Wissen
filix schrieb am 28.01.2020 um 14:39 Uhr (Zitieren)
Aber nicht ohne Ironie.
Re: Der Mensch und das Wissen
Γραικύλος schrieb am 28.01.2020 um 15:02 Uhr (Zitieren)
Übrigens: Daß die Zeitungsseite nur Werbung und Sportnachrichten enthält, stellen sie natürlich erst fest, als die Aktion vollendet ist. Erhofft hatten sie sich anderes.
(Man hofft auf Kultur, Politik, Wissenschaft ... und findet Werbung mit Sport.)
Re: Der Mensch und das Wissen
filix schrieb am 28.01.2020 um 15:08 Uhr (Zitieren)
Der Eros liegt doch zunächst darin: "zusammenhängende Buchstaben zu sehen, gedruckte Wörter", nicht, um in zeitgenössischer Weise zu sprechen, wertvollem Content. Das ist eine Offenbarung an sich. Darum auch die Anspielung auf Koran und Evangelien, Aristoteles gehört nicht in die Liste.
Re: Der Mensch und das Wissen
Γραικύλος schrieb am 28.01.2020 um 16:43 Uhr (Zitieren)
Das gedruckte Wort schon als Offenbarung an sich - so habe ich das noch nicht gesehen.
Der zitierte Text bestätigt Deine Interpretation ... mit zwei Einschränkungen, die ich dem Text entnehme:

1. "Es war ein weiterer Triumph." Ein weiterer. Die anderen bestanden darin, die von der Gefängnisleitung und ihren Vollzugsorganen willkürlich gesetzten Regeln ausgetrickst zu haben. Man muß sich das ja so vorstellen, daß in einer solchen Einrichtung ein ständiger, meist stummer Kampf der Insassen gegen die Autorität, der sie unterworfen sind, stattfindet; und dieser Punkt ging einmal an sie, denn sie hatten die Zeitung. Das ist "an sich" schon ein Triumphgefühl.

2. Das Gespräch zwischen Nassim und dem Protagonisten enthält, und zwar noch bevor sie die Seite gelesen haben, eine eigene Interpretation des Vorgangs: "daß der Mensch bereit ist, sein Leben für das Wissen zu opfern". Nicht für das Wort Gottes (das wird m.E. nur als Legitimation ihrer Hochschätzung angeführt und ist inhaltlich von der Seite einer Tageszeitung ja auch nicht zu erwarten), nein, für das Wissen an sich, das sie sich erhoffen und das dann in der Form von Sportnachrichten etc. zu ihnen kommt.
Und in der Hochschätzung des Wissens habe ich dann den Bezug zu Aristoteles gesehen, den sie nicht herstellen können, weil sie ihn nicht kennen.
Eine Seite der Metaphysik des Aristoteles, selbst eine des Kommunistischen Manifests hätten sie natürlich mit gleicher Begeisterung willkommen geheißen ... und vielleicht mit noch größerer Faszination gelesen.
Re: Der Mensch und das Wissen
filix schrieb am 29.01.2020 um 15:33 Uhr (Zitieren)
Es ist ohne Frage ein Triumph, die Peiniger ausgetrickst, die Beute erwildert zu haben, der in die Lektüre eingeht - ich sah unlängst eine Dokumentation über amerikanische Isolationshaft, wo das Verbot, zwischen den Einzelzellen zu kommunizieren, auf findige Weise unterlaufen wird, sodass sich eine regelrechte Kassiberpost, die Nachrichten, Drogen aller Art und Klingen (um sich selbst zu verletzen) transportiert, entwickelt hat. Manche erfolgreiche Zustellung der über den Zellengang flitzenden Sendungen wird von aufgeregten Blicken und Lachen begleitet oder beklatscht.

Die dem Regisseur in einem Dialog, der ein wenig von einem Lehrer-Schüler-Gespräch hat, abgerungene Interpretation sehe ich nach wie vor nicht ohne Ironie (auf Seiten der Teilnehmer), auch ist die Frage, was Wissen (nebenbei: welches Wort steht im Original?) hier eigentlich bedeutet und woher es diese Aufladung erfährt, die in gewissen Grenzen unwichtig macht, was da nun geschrieben steht, sodass in so einer Situation, denke ich, fast jedes gedruckte Wort den Charakter einer heiligen Schrift, wofür der Koran, die Evangelien, nicht aber Aristoteles ein Beispiel ist (darauf wollte ich hinaus), annimmt.
 
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