Γραικίσκος schrieb am 09.08.2013 um 14:23 Uhr (Zitieren)
Ambrose Bierce hat unter diesem Titel eine Reihe von Fabeln im Stile Aesops verfaßt, allerdings mit einem Bierce-typischen Einschlag.
Hier ist eine von ihnen:
Re: AESOPUS EMENDATUS
Φιλομαθής schrieb am 10.08.2013 um 10:55 Uhr (Zitieren)
Worauf bezieht sich das? Waren Jupiters Nachkommen nicht im allgemeinen recht wohlgestaltet?
Re: AESOPUS EMENDATUS
Γραικίσκος schrieb am 10.08.2013 um 11:18 Uhr (Zitieren)
Aus unserer Perspektive. Jupiter sieht und urteilt aus seiner, also aus göttlicher Sicht. Vgl. Heraklit fr. B 83, wo ausdrücklich von einem Affen gesprochen wird.
Re: AESOPUS EMENDATUS
Φιλομαθής schrieb am 10.08.2013 um 12:11 Uhr (Zitieren)
Stimmt, darauf könnte sich die Fabel beziehen.
(Etwas schief erscheint mir die Sache dennoch: Wenn der Affe darauf besteht, dass es keinen gattungsübergreifenden ästhetischen Maßstab gibt, somit für die Beurteilung des Affennachwuchses nur die Affenperspektive gelten darf, kann er auch nicht über Jupiters Kinder urteilen wollen. Akzeptiert er aber eine auf Jupiter ausgerichtete Stufenleiter der schönen Gestalt: vor wem würde er ihn bloßstellen, da doch Jupiters Sprösslinge ihm selbst immer noch am nächsten kämen, alle anderen also überträfen?)
Re: AESOPUS EMENDATUS
Γραικίσκος schrieb am 10.08.2013 um 12:54 Uhr (Zitieren)
Das könnte der Affe meinen: Wenn hier jemand sich seines Nachwuchses schämen muß, dann eher du, Jupiter, denn du hast mit (ästhetisch) Rangniedrigeren rangniedrigere und daher häßlichere Kinder gezeugt. Deine Kinder stehen unter dir, hingegen meine Kinder stehen nicht unter mir.
Daß Schönheit relativ innerhalb einer hierarchischen Ordnung sei, meint Heraklit ja.
Oder?
Re: AESOPUS EMENDATUS
Φιλομαθής schrieb am 11.08.2013 um 11:33 Uhr (Zitieren)
Durchaus, eine hierarchische Stufung ist deutlich erkennbar: Der Mensch ist zwischen den Affen (menschenähnlich, aber weniger als ein Mensch) und den Gott (menschenähnlich, aber weit mehr als ein Mensch) gestellt.
Aber wenn es darum gehen soll, was Heraklit meinte, würde ich den Satz als den Versuch verstehen, mittels der Proportionalitätsgleichung
Mensch : Gott ≙ Affe : Mensch*
anschaulich zu machen, dass die Götter außerhalb des menschlichen Vorstellungsbereichs ständen bzw. alle Gottesvorstellungen und -darstellungen notwendig menschlichem Maß unterworfen blieben und den Göttern unangemessen, ohne dass jedoch (wie bei Xenophanes) ein Anthropomorphismus grundsätzlich abgelehnt würde.
Mit Bezug auf Bierce kann man vielleicht sagen, dass von Jupiters Nachkommenschaft leibhaftig nur die (im Rahmen menschlicher Ästhetik geschaffenen) Statuen in den Museen existieren. Die Fabel ist ja offenbar nicht in mythischer Zeitlosigkeit angesiedelt, sondern in der (Bierceschen) Gegenwart.
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*) Ganz ähnlich, die Glieder variierend, verhält sich Frg. 79:
ἀνήρ : δαίμων ≙ παῖς : ἀνήρ
Re: AESOPUS EMENDATUS
Γραικίσκος schrieb am 11.08.2013 um 16:19 Uhr (Zitieren)
Eine adäquate Interpretation von Heraklit - wozu man sicher, die Du es tust, mehrere Fragmente heranziehen müßte - wollte ich in diesem Zusammenhang nicht wagen; mir ging es nur um das Problem im Verständnis der Fabel von Bierce, die in der Tat eine Schwierigkeit beinhaltet.
Daß der Affe meint, von Jupiters Nachwuchs existierten nur (noch) Statuen in Museen ist möglich. Erklärt das die offensichtliche Beschämung Jupiters?
Nun, immerhin leben die Affenkinder leibhaftig; es mag also so sein. Leider erklärt Bierce nicht, was er meint. Leider? Tja, das macht Literatur ja auch interessant, daß sie mehrere Deutungen zuläßt.