Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Scheitern als Lösung (632 Aufrufe)
Φιλομαθής schrieb am 07.06.2013 um 22:42 Uhr (
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Ὅπερ οὖν περὶ Ἀπελλοῦ τοῦ ζωγράφου λέγεται, τοῦτο ὑπῆρξε τῷ σκεπτικῷ. φασὶ γὰρ ὅτι ἐκεῖνος ἵππον γράφων καὶ τὸν ἀφρὸν τοῦ ἵππου μιμήσασθαι τῇ γραφῇ βουληθεὶς οὕτως ἀπετύγχανεν ὡς ἀπειπεῖν καὶ τὴν σπογγιὰν εἰς ἣν ἀπέμασσε τὰ ἀπὸ τοῦ γραφείου χρώματα προσρῖψαι τῇ εἰκόνι· τὴν δὲ προσαψαμένην ἵππου ἀφροῦ ποιῆσαι μίμημα.
καὶ οἱ σκεπτικοὶ οὖν ἤλπιζον μὲν τὴν ἀταραξίαν ἀναλήψεσθαι διὰ τοῦ τὴν ἀνωμαλίαν τῶν φαινομένων τε καὶ νοουμένων ἐπικρῖναι, μὴ δυνηθέντες δὲ ποιῆσαι τοῦτο ἐπέσχον· ἐπισχοῦσι δὲ αὐτοῖς οἷον τυχικῶς ἡ ἀταραξία παρηκολούθησεν ὡς σκιὰ σώματι.
Sextus Empiricus, Πυρρώνειοι ὑποτυπώσεις Α, 28–29
Re: Scheitern als Lösung
Γραικίσκος schrieb am 08.06.2013 um 13:54 Uhr (
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Nacherzählung:
Der Maler Apelles verzweifelte an seinem Versuch, den Schaum eines Pferdes naturgetreu auf ein Bild zu bringen. Resigniert und wütend nahm er seinen Schwamm zum Säubern der Pinsel und warf ihn gegen das Bild.
Siehe da!, der Schaum war perfekt getroffen.
So auch die Skeptiker: Sie sind gescheitert bei dem Versuch, die Seelenruhe (ἀταραξία) durch die Erkenntnis des Unterschiedes zwischen den φαινόμενα und den νοούμενα zu finden; und indem sie aufgaben, fanden sie die Seelenruhe.
Re: Scheitern als Lösung
Φιλομαθής schrieb am 08.06.2013 um 14:55 Uhr (
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Ja, so passt es. Und falls es jemand nicht glaubt, noch eine Wort-für-Wort-Übersetzung hinterher:
Was nun aber über den Maler Apelles berichtet wird, das ist [ebenfalls] dem Skeptiker zuteil geworden. Man sagt nämlich, dass er, als er ein Pferd malte und den Schaum des Pferdes durch das Gemälde nachbilden wollte, so wenig Glück hatte, dass er aufgab und den Schwamm, in den er die Farben vom Pinsel abgestrichen hatte, auf das Bild warf: und, als dieser es berührt hatte, das Abbild des Schaums des Pferdes erschuf.
Und die Skeptiker hofften nun, dass die Ataraxie (Seelenruhe) wiedererlangt werde durch Untersuchung der Unterschiedlichkeit (Unvereinbarkeit) von Phainomena (Erscheinungen) und Noumena (ihren gedanklichen Entsprechungen, Ideen), aber als sie das nicht vollbringen konnten, enthielten sie sich eines Urteils: aber als sie sich enthielten, gesellte sich ihnen wie zufällig die Ataraxie zu, wie der Schatten sich dem Körper zugesellt.
Re: Scheitern als Lösung
filix schrieb am 08.06.2013 um 21:16 Uhr (
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Dem Skeptiker gelingt also ein ähnlich glücklicher Treffer, der ja beim Maler eine aus Frustration geborene Abreaktion (formal betrachtet fast
action painting avant la lettre, dessen Ergebnis sich jedoch sofort in ein mimetisches Regime fügt, nicht als Spur der Geste überdauert wie in der Moderne) ist, die dem für missglückt gehaltenen Werk gilt, dieses aber gerade dadurch vollendet? Dann ist allerdings nicht die Aufgabe, das Scheitern, sondern die Chance, die sich in einer bestimmten Weise, darauf zu reagieren, eröffnet, der springende Punkt - hier wird der Vergleich merkwürdig, denn dass die Enthaltung des Urteils dem Ärger und dem Schuss ins Schwarze des Malers sich vergleichen ließe, scheint zweifelhaft. Er müsste vielmehr die emotionale Struktur der Reaktion auf das eigene Unvermögen, auf das schon gescheitert geglaubte Unternehmen herausarbeiten, durch die sich ebenso jäh und vollendet die Ataraxie einstellen soll wie aus dem porigen Abdruck des Schwammes auf dem Bildträger der perfekte Schaum (vor dem Maul) des Pferdes
emergiert.Und ist es nicht die Freude über das Glücken des ursprünglichen Vorhabens auf Umwegen, die im Schützen und Maler Apelles unmittelbar zurückbleibt? Was entspricht dem auf Seiten der Skepsis: ein sekundäres Hochgefühl, das die Praxis, sich erst gar nicht mehr in das aussichtslose Unternehmen, zur wahren Erkenntnis vorzustoßen, verwickeln zu lassen, stetig begleitet?
Re: Scheitern als Lösung
Φιλομαθής schrieb am 09.06.2013 um 11:08 Uhr (
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Die emotionale Verfassung der Akteure wird, das muss man zugeben, bei diesem Vergleich nicht hinreichend gewürdigt. Was S. E. offenbar illustrieren wollte, ist, dass ein vollkommenes Kunstwerk, eine unanfechtbare Denkhaltung genau dadurch hervorgebracht werden können, dass Maler bzw. Philosoph nicht mehr tun, was Maler bzw. Philosophen eben gewöhnlich tun, weil ihnen die Aporie, in die die hergebrachten Methoden führen, bewusst geworden ist. Das Gelingen ist in beiden Fällen ein unvorhersehbares Ereignis, nicht absichtlich provozierbar und darum auch nicht reproduzierbar.
Hinzukommen mag, dass die Entdeckung des für die Skeptiker grundlegenden Zustands der Urteilsenthaltung/Epoché als absichts- und voraussetzungslose Entdeckung, nicht als Ergebnis einer Schlusskette dargestellt werden musste, um sie nicht der Gefahr auszusetzen, in Widerspruch mit sich zu geraten. (Etwa durch Anwendung des 2. Tropos [τὸν εἰς ἄπειρον ἐκβάλλοντα - vom Regressus ins Unendliche] der späteren Skeptiker, PH 1, 166.)