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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Christen berufen sich auf Zarathustra (126 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 01.10.2026 um 13:20 Uhr (Zitieren)
Porphyrios, Das Leben des Plotin 80 f.:
Es gab dort zu seiner [sc. Plotins] Zeit zahlreiche Christen, darunter auch als von der antiken Philosophie beeinflußte Sektierer Adelphios und Aquilinus mit ihrem Anhang, welche zahlreiche Schriften des Alexander aus Libyen, des Philokomos, des Demostratos und des Lydos besaßen, ferner auch Offenbarungsschriften des Zoroaster, Zostrianos, Nikotheos, Allogenes, Messos und anderer ähnlicher Leute ins Feld führten: sie führten viele irre, und waren doch selber nur irregeführt [ἐξηπάτων καὶ αὐτοὶ ἠπατημένοι], und lehrten, Platon sei nicht bis in die Tiefe der geistigen Wesenheit vorgedrungen.

Daraufhin gab er [sc. Plotin] selbst ausführliche Widerlegungen in seinen Vorlesungen, verfaßte ferner die Schrift[,] die wir „Gegen die Gnostiker“ betitelt haben; das übrige zu kritisieren überließ er uns. Amelius schrieb gegen den Traktat des Zostrianos und brachte es bis auf 40 Bücher; ich, Porphyrios, habe zahlreiche Gegengründe gegen das Buch des Zoroaster festgestellt, ich wies nach[,] daß das Buch ganz gefälscht und jung ist und erst von den Begründern der Sekte fingiert[,] um glauben zu machen, ihre Lehren stammten vom alten Zoroaster, die sie doch erst von eigenen Gnaden in Geltung gesetzt hatten.

(Plotins Schriften. 5 Bde. Hrsg. v. Richard Harder. Darmstadt o.J.; Nachdruck der Ausgabe Hamburg 1956-1971; Bd. Vc, S. 34 f.)

Re: Christen berufen sich auf Zarathustra
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 01.10.2026 um 14:03 Uhr (Zitieren)
Pardon, mein Bester, aber die Überschrift empfinde ich als tendenziös. Wie das Zitat belegt, blieb die Zusammenstellung / der Gebrauch von Lehrschriften dieser damaligen christlichen Gruppen, die man wohl der Gnosis zurechnen darf, nicht unwidersprochen.
Wenn schon, dann bitte 'beriefen'.
Re: Christen berufen sich auf Zarathustra
Γραικύλος schrieb am 01.10.2026 um 14:33 Uhr (Zitieren)
Ja, das war eine Sekte, die mittels einer Fälschung eine Beziehung hergestellt hat.
Bloße Vergangenheit ist das freilich nicht. Aktuell beruft sich die auf Rudolf Steiner und sein "Fünftes Evangelium" beruhende sog. Christengemeinschaft darauf, Christus sei die Inkarnation Zarathustras.

https://rsarchive.org/Lectures/GA148/German/19131122.html

Man kann nun sagen, auch dieses "Fünfte Evangelium" sei eine Fälschung. Oder eine Schauung, wie die Anhänger versichern.

Ob es eine Beziehung zwischen Rudolf Steiner und dieser frühchristlichen Sekte gibt, weiß ich nicht.
Re: Christen berufen sich auf Zarathustra
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 01.10.2026 um 14:42 Uhr (Zitieren)
Umso tendenziöser ist die Überschrift, wenn Du Sekten heranziehst, die für alles mögliche stehen können (Anthroposophie, Zoroaster-Jünger), und dort das Etikett 'Christen' draufpappst.

Ich möchte nicht mit Dir streiten, sondern nur darauf hinweisen, daß man - bei aller berechtigten Kritik am Christentum - nicht dermaßen übers Ziel hinausschießen sollte.
Re: Christen berufen sich auf Zarathustra
Γραικύλος schrieb am 01.10.2026 um 14:51 Uhr (Zitieren)
Sie nannten und nennen sich Christen!
Selbstverständlich möchte ich nicht behaupten, sie gehörten zum christlichen Mainstream. Es ist eine Position im christlichen Spektrum.
Re: Christen berufen sich auf Zarathustra
Γραικύλος schrieb am 01.10.2026 um 14:55 Uhr (Zitieren)
Eine präzisere Überschrift müßte lauten: "Es gab und gibt Christen, die sich auf Zarathustra berufen". Das wäre allerdings m.E. eher eine These als eine Überschrift.
Nun, wer hier liest - es sind ja nur wenige -, wird problemlos merken, daß es darauf hinausläuft.
Aber es wissen die wenigsten davon, oder?
Re: Christen berufen sich auf Zarathustra
Patroklos schrieb am 01.10.2026 um 15:02 Uhr (Zitieren)
Bei Rudolf Steiner fällt mir ein, dies beruhigendermaßen leicht abschweifend gesagt, dass die erste Waldorfschule durch die Generösität eines Zigarettenfabrikanten zustande kam. (Die Marke hieß Waldorf-Astoria, benannt nach dem New Yorker Hotel. Astor, lat. Falke.)
Re: Christen berufen sich auf Zarathustra
βροχή schrieb am 01.10.2026 um 16:41 Uhr (Zitieren)
und dort das Etikett 'Christen' draufpappst



@στρουθίον οἰκιακόν

danke, dein Einwand ist berechtigt. Das Etikett bewirkt eine Pauschalisierung.
Re: Einige Christen berufen sich auf Zarathustra
Γραικύλος schrieb am 01.10.2026 um 16:51 Uhr (Zitieren)
Ist es so besser?
Re: Einige Christen berufen sich auf Zarathustra
Γραικύλος schrieb am 01.10.2026 um 16:58 Uhr (Zitieren)
Achtung! Bei jedem neuen Kommentar erscheint wieder der alte Titel. Daran kann ich nichts ändern.
Re: Christen berufen sich auf Zarathustra
info schrieb am 01.10.2026 um 17:07 Uhr (Zitieren)
Christen berufen sich in der Regel nicht direkt auf den Religionsstifter Zarathustra selbst, sondern auf den Zoroastrismus (die persische Religion, die von Zarathustra begründet wurde) und dessen prägenden Einfluss auf das frühe Judentum und das spätere Christentum.

Dieser Einfluss vollzog sich über mehrere Jahrhunderte hinweg im Nahen Osten.
Wann, wo und wie dieser Einfluss stattfand

1. Babylonisches Exil (586–539 v. Chr. | Babylon & Persien)

Was geschah: Nach der Eroberung Jerusalems wurde die jüdische Oberschicht nach Babylon deportiert. Dort gerieten die Exilierten in direkten Kontakt mit der persischen Kultur und dem Zoroastrismus.

Bedeutung: Als Kyros der Große (ein Zoroastrier) 539 v. Chr. Babylon eroberte, erlaubte er den Juden die Rückkehr und den Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem (im Alten Testament in Esra 1 gewürdigt). In dieser Epoche wandelte sich die jüdische Theologie nachhaltig.

2. Entstehung der Apokalyptik (ca. 400 v. Chr. – 1. Jh. n. Chr. | Judäa & Hellenistischer Raum)

Was geschah: Konzepte aus dem Zoroastrismus hielten Einzug in die jüdische Literatur der intertestamentarischen Zeit (z. B. im Buch Daniel).

Bedeutung: Der scharfe Dualismus zwischen Gut und Böse, ein personifizierter Widersacher (Satan / Ahriman), das Endzeitgericht und die Rettung durch einen Messias wurden Teil des religiösen Fundaments, in dem Jesus von Nazaret aufwuchs und lehrte.

3. Die Weisen aus dem Morgenland (ca. 6–4 v. Chr. | Bethlehem / Neues Testament)

Was geschah: Im Matthäusevangelium (Kapitel 2) besuchen "Weise aus dem Morgenland" das neugeborene Jesuskind.

Bedeutung: Das griechische Wort im Urtext lautet Magoioi (Magier). Dies war im antiken Sprachgebrauch die genaue Bezeichnung für die zoroastrischen Priester Persiens. Im christlichen Narrativ erweisen damit die Priester Zarathustras dem christlichen Erlöser die Ehre.

Die konkreten Einflüsse auf den christlichen Glauben

Ethischer Dualismus: Der kosmische Kampf zwischen dem Licht/Guten (Ahura Mazda) und der Finsternis/Bösen (Ahriman). Im frühen Judentum war Gott für alles verantwortlich; erst nach dem Perserkontakt entwickelte sich die Vorstellung von Satan als eigenständigem Widersacher.

Eschatologie (Endzeitlehre): Zarathustra lehrte als einer der Ersten ein universelles Endgericht, die Auferstehung der Toten, die Trennung von Gerechten und Ungerechten sowie eine finale Läuterung der Welt.

Messias-Konzept: Im Zoroastrismus gibt es die Figur des Saoschyant – eines Retters, der von einer Jungfrau geboren wird und am Ende der Zeiten das Böse besiegt.
Re: einige Christen berufen sich auf Zarathustra
βροχή schrieb am 01.10.2026 um 17:08 Uhr (Zitieren)
. .. viel besser, danke
Re: einige Christen berufen sich auf Zarathustra
βροχή schrieb am 01.10.2026 um 17:25 Uhr (Zitieren)
... hat sich überschritten, mein post ging an Γραικύλος
Re: Christen berufen sich auf Zarathustra
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 01.10.2026 um 17:27 Uhr (Zitieren)
Danke, Γραἰκυλε, keine Beanstandung mehr :-)
Re: einige Christen berufen sich auf Zarathustra
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 01.10.2026 um 17:40 Uhr (Zitieren)
... natürlich ;-/
Re: Christen berufen sich auf Zarathustra
info schrieb am 01.10.2026 um 18:01 Uhr (Zitieren)
Schriften des Alexander aus Libyen, des Philokomos, des Demostratos und des Lydos besaßen, ferner auch Offenbarungsschriften des Zoroaster, Zostrianos, Nikotheos, Allogenes, Messos und anderer ähnlicher Leute ins Feld führten:


Wer waren die genannten Autoren und Schriften?

Porphyrios unterscheidet in seiner Notiz zwei Arten von Schriften, mit denen die Gnostiker damals auftraten:

Pseudepigraphen antiker Weiser (Zoroaster, Zostrianos, Nikotheos, Allogenes, Messos):

Zoroaster (Zarathustra): Den gnostischen Gruppen dienten geschätzte antike Offenbarungsgestalten als Autoritäten, um ihren Lehren hohes Alter und göttlichen Ursprung zuzuschreiben.

Zostrianos, Allogenes, Nikotheos: Diese Namen stehen für gnostische Offenbarungsschriften. Die Texte Zostrianos und Allogenes („Der Fremde“) wurden 1945 in der Bibliothek von Nag Hammadi auf Griechisch/Koptisch wiederentdeckt. Sie beschreiben mystische Himmelsreisen und Visionen.

Schriften christlich-gnostischer Lehrer (Alexander aus Libyen, Philokomos, Demostratos, Lydos):

Dies waren zeitgenössische Lehrer oder Anhänger gnostischer Sekten (wie der Sethianer oder Archontiker), die in Rom auftraten und versuchten, Platons Philosophie mit ihrer eigenen Erlösungstheologie zu verschmelzen.

2. Worüber schrieben sie? (Der Inhalt der Lehren)

In diesen Werken ging es im Kern um eine gnostische Geheimlehre über den Ursprung der Welt und die Rettung der Seele:

Der transzendente Gott vs. der fehlerhafte Schöpfer (Schöpfer-Dualismus):

Die Schriften behaupten, dass der höchste, wahre Gott völlig unerkennbar und geistig ist.

Die materielle Welt hingegen sei nicht von diesem höchsten Gott geschaffen worden, sondern von einem untergeordneten, unvollkommenen oder gar bösen Schöpfergott (dem Demiurgen / Yaldabaoth).

Der göttliche Funke und die mystische Himmelsreise:

Der Mensch besitzt nach diesen Texten einen göttlichen, geistigen Funken in sich, der in der materiellen Welt gefangen ist.

Schriften wie Zostrianos und Allogenes schildern den Aufstieg des Erleuchteten durch verschiedene himmlische Sphären (Aionen), um durch spirituelle Erkenntnis (Gnosis) zur Einheit mit dem Höchsten zurückzukehren.

Gegen die klassische Philosophie und das traditionelle Christentum:

Die Autoren nutzten platonische Begriffe, verdrehten sie aber nach Ansicht Plotins: Während Platon den Kosmos als schön und göttlich geordnet sah, betrachteten diese Gnostiker die materielle Welt als ein Gefängnis.

3. Warum erwähnte Porphyrios das?

In Plotins Philosophieschule in Rom saßen viele Hörer, die von diesen gnostischen Strömungen fasziniert waren. Plotin und Porphyrios sahen darin eine Verfälschung der echten platonischen Philosophie.

Plotin schrieb eine eigene Gegenrede: Plotins berühmte Schrift Gegen die Gnostiker (Enneade II, 9) richtete sich genau gegen diesen Personenkreis.

Entlarvung als Fälschungen: Porphyrios betont stolz, dass er und seine Mitschüler durch kritische Textanalyse nachwiesen, dass die angeblichen „Offenbarungen des Zoroaster“ moderne Fälschungen gnostischer Sekten waren, um Unwissende zu täuschen.
Re: Einige Christen berufen sich auf Zarathustra
Γραικύλος schrieb am 02.10.2026 um 14:56 Uhr (Zitieren)
Das griechische Wort im Urtext lautet Magoioi (Magier)

Nicht wirklich, oder?
Re: einige Christen berufen sich auf Zarathustra
βροχή schrieb am 02.10.2026 um 15:30 Uhr (Zitieren)


oioioi...


μάγοι ἀπὸ ἀνατολῶν

Quelle
https://greeknewtestament.net/mt2-1
Re: Christen berufen sich auf Zarathustra
Patroklos schrieb am 02.10.2026 um 15:45 Uhr (Zitieren)
Danke für den Erkenntnissonnenaufgang.
Da habe ich nie dran gedacht:Anatolien.
(Habe ich nicht bemerkt/registriert im Buch von Peter Bamm: Frühe Stätten der Christenheit.)
 
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