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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Die Bitten des verzweifelten Gelimer (122 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 27.09.2026 um 18:50 Uhr (Zitieren)
Prokop, Vandalenkriege II 6, 27-34:

533 war der letzte Vandalenkönig Gelimer von Belisar, dem Feldherrn Kaiser Justinians, geschlagen worden und hatte sich auf die Burg Papua (Nordafrika) zurückgezogen, wo er von dem Heruler Pharas in byzantinischem Dienst belagert wurde. Pharas forderte ihn in einem freundlichen Brief zur Kapitulation unter ehrenhaften Bedingungen auf.
Als Gelimer den Brief gelesen hatte, brach er in lautes Weinen aus und schrieb folgende Antwort: „Ich bin dir zwar für den erteilten Rat sehr zu Dank verpflichtet, halte es aber doch für unerträglich, einem Feinde (1) untertan zu sein, der es unredlich mit mir meint; Rache möchte ich vielmehr an ihm nehmen, wenn Gott mir gnädig wäre. Denn obschon ihm von mir weder in Wort noch in Tat je etwas Böses geschah, fand er doch den Vorwand für einen gänzlich unbegründeten Krieg und brachte mich, indem er Belisar, weiß Gott woher losließ, in diese verzweifelte Lage. Dabei kann auch ihm, der ein Mensch ist und als Kaiser regiert, sehr wohl etwas zustoßen, was er sich nicht wünschen möge.

Weiter vermag ich nicht zu schreiben, da mir das augenblickliche Unglück jedes klare Denken geraubt hat. So leb‘ denn wohl, lieber Pharas, und schicke mir auf meine Bitte eine Leier, ein Brot und einen Schwamm zu!“

Als Pharas diese Botschaft las, war er eine Zeitlang in Verlegenheit und konnte den Schluß des Briefes nicht verstehen, bis ihm dann der Überbringer erklärte, Gelimer bitte um ein Brot, da er ein solches sehen und verzehren wolle; denn seitdem er auf den Berg Papua gestiegen sei, habe er kein gebackenes Brot mehr zu Gesicht bekommen. Einen Schwamm aber brauche er, weil sein eines Auge durch Schmutz entzündet und sehr geschwollen sei. Als guter Leierspieler endlich habe er einen Gesang auf sein augenblickliches Unglück verfaßt, und den wolle er nun unter Klagen und Tränen mit Saitenklang vortragen.

Auf diese Worte hin ward Pharas von tiefem Schmerz ergriffen und bejammerte das menschliche Schicksal [Φάρας περιαλγήσας τε καὶ τύχην τὴν ἀνθρωπείαν]. Er entsprach dann auch der schriftlichen Bitte und sandte Gelimer alles, was er sich wünschte. In seiner Wachsamkeit aber ließ er nicht nach, sondern führte die Belagerung eher noch schärfer als bisher durch.

(Prokop: Vandalenkriege. Griechisch-Deutsch hrsg. v. Otto Veh. München 1971, S. 208-211)

(1) Kaiser Justinian
Re: Die Bitten des verzweifelten Gelimer
Quoth schrieb am 27.09.2026 um 23:24 Uhr (Zitieren)
Für Empathie gibt es im Krieg keinen Platz, und wenn sie auftaucht, wird sie schnell zur folgenlosen Nebensache.
Re: Die Bitten des verzweifelten Gelimer
Γραικύλος schrieb am 28.09.2026 um 15:56 Uhr (Zitieren)
Immerhin hat Pharas ihm alles Gewünschte geschickt. Ob das für den traurigen Gelimer eine Nebensache war?
Re: Die Bitten des verzweifelten Gelimer
Quoth schrieb am 29.09.2026 um 17:00 Uhr (Zitieren)
Zitat von Γραικύλος am 27.9.26, 18:50In seiner Wachsamkeit aber ließ er nicht nach, sondern führte die Belagerung eher noch schärfer als bisher durch.
Die freundliche Geste bleibt Dekoration, das Militärische wird sogar noch verschärft - es geht weiterhin nur um Sieg oder Niederlage.
Re: Die Bitten des verzweifelten Gelimer
Γραικύλος schrieb am 29.09.2026 um 17:12 Uhr (Zitieren)
Der Krieg ist der Krieg, in dem es darum geht, dem Feind den eigenen Willen aufzuzwingen.
Aber dem Krieg mit Respekt vor dem Feind geht es um den Sieg, dem ohne einen solchen um die Vernichtung des Feindes.

Soweit ich sehe, kannte die Antike beides.

Gelimer bittet den Stärkeren um etwas, und das bekommt er.
Ich habe nicht das Gefühl, daß dies für ihn bloße Dekoration war. So wenig wie der Umstand, daß Achill dem Priamos den Leichnam seines Sohnes zur Bestattung übergeben hat.
Re: Die Bitten des verzweifelten Gelimer
Quoth schrieb am 01.10.2026 um 22:07 Uhr (Zitieren)
Im Ersten Weltkrieg soll es bei der Luftwaffe noch Ritterlichkeit gegeben haben, daran fühle ich mich erinnert, siehe z.B. hier:
https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Udet#Udets_Kampf_gegen_Georges_Guynemer
Der Rote Baron (Manfred v. Richthofen) wurde von den Engländern mit militärischen Ehren beigesetzt.
Und auch in Renoirs Film "Die große Illusion" spielt diese Ritterlichkeit eine große Rolle.
Re: Die Bitten des verzweifelten Gelimer
Γραικύλος schrieb am 01.10.2026 um 22:55 Uhr (Zitieren)
An so etwas habe ich gedacht. Ja, Ritterlichkeit nennt man das wohl.

Ein anderes Beispiel von einer antiken Belagerung:
[quote]When Demetrius was besieging the Rhodians he seized in one of the suburbs a painting of the artist Protogenes in which he portrayed Ialysus. The Rhodians sent a herald to him and besought him to spare the painting. He replied that he would sooner destroy the statues and portraits of his father than that painting. And coming to terms with the Rhodians, he left his great siege-engine, the City-taker [ἑλέπολις], with them to serve as a token of his prowess and of their courage.
Re: Die Bitten des verzweifelten Gelimer
βροχή schrieb am 02.10.2026 um 05:03 Uhr (Zitieren)
Ritterlichkeit ist ein Zeichen von Stärke und Übermacht. Der viel stärkere kann es sich leisten, dem Feind etwas zu gewähren, ohne dass dieser dadurch die Oberhand bekommen könnte.
So ist es auch, wenn Feinde in den Kerker kommen statt aufs Schafott. Der Herrscher ist stark genug, sie leben zu lassen, kann aber jederzeit seine Meinung ändern.
Re: Die Bitten des verzweifelten Gelimer
Γραικύλος schrieb am 02.10.2026 um 07:58 Uhr (Zitieren)
Ritterlichkeit ist ein Zeichen von Stärke und Übermacht.

Eher halte ich sie für ein Prinzip, das man schon zu Beginn des Kampfes einnimmt, wenn noch gar nicht feststeht, wer sich als der Stärkere erweisen wird.
Allerdings steht der Schwächere unter einem stärkeren Druck, unritterlich zu kämpfen. Kann er tun, muß er aber nicht.
Re: Die Bitten des verzweifelten Gelimer
Bukolos schrieb am 03.10.2026 um 09:48 Uhr (Zitieren)
Ist es in dieser Szene nicht der unterlegene Gelimer, der durch die gewünschten Dinge seinen herausgehobenen sozialen - nennen wir ihn "ritterlichen" - Status unterstreicht und so eine dem adäquate Behandlung nach seiner Kapitulation vorbereitet? Der Vandale kommuniziert geradezu überdeutlich, dass der Habitus des Germanenkönigs mit dem der byzantinischen Elite durchaus kompatibel ist: Er ist Christ (wenn auch Arianer) und bevorzugt daher Brot als Speise. Sein Körper ist sorgfältige Pflege gewohnt und reagiert empfindlich auf eine unhygienische Umgebung. Und schließlich: Musische Betätigung ist ihm ein unverzichtbares Bedürfnis.
 
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