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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Zur Sprache Homers (113 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 15.09.2026 um 14:25 Uhr (Zitieren)
Paul Feyerabend, Naturphilosophie (postum 2009):
[...] So entsteht (1) eine Kombination von stabilen und variablen Elementen, die für die weitere Entwicklung von Wichtigkeit ist.

Diese Kombination machen sich nun nämlich jene Dichter zunutze, die durch die Verwirrungen des ‚dunklen Zeitalters‘ an fremde Küsten verschlagen in schriftloser Zeit die gemeinsame mykenische Vergangenheit besingen. Allein auf ihr Gedächtnis angewiesen schaffen sie eine Sprache und eine Ausdrucksform, die der mündlichen Komposition und der Erhaltung des Komponierten im Gedächtnis am besten dient. Diese Sprache übernimmt die Formeln der Höfe, Dokumente, Kataloge, die der Sänger nur selten verläßt und die er aus Zwang, nicht aus freier Wahl verwendet.
Zu diesem sozialen Zwang gesellt sich der für das Rezitieren noch viel wichtigere Zwang des Rhythmus, der verlangt, daß eine Wendung sich dem Versmaß füge, und die für das Gedächtnis wichtige Ökonomie, die die Zahl der zu erlernenden Formeln auf ein Mindestmaß herabdrückt. Wenn Sinn und Rhythmus aufeinanderstoßen, dann überwiegt oft der Rhythmus und drängt den Sinn beiseite.

"So wird Zeus vom Ratgeber zum Sturm-Berggott und zum väterlichen Gott – aber nicht, weil er sich in einer bestimmten Weise verhält, sondern weil das Versmaß es verlangt. Er ist nicht nephelegerata Zeus, wenn er Wolken sammelt, sondern wenn er die metrische Einheit vv-vv- ausfüllt. Ebenso hat Achilles, dessen Namen das genaue metrische Äquivalent von Odysseus ist (v--), mit Zeus das ziemlich allgemeine Epithet dios gemein. Und Menelaos und Diomedes erhalten das seltsame Epithet ‚von großem Kriegsgeschrei‘ nicht, weil sie lauter sind als alle anderen, sondern weil ihre metrisch identischen Namen eine Zeile, die mit ---vv-v beginnt, auf sehr brauchbare Weise mit boen agathos (Menelaos), boen agathos (Diomedes) beenden können. Ein solches Epithet ist nun (vom Versmaß abgesehen) dem Sinn nach weder besonders passend noch völlig unpassend. An anderen Stellen bringt jedoch die Formel ihr Adjektiv in überraschende Zusammenhänge. So ist Ägist, als einziger unter allen Leuten, ‚schuldlos‘, Aphrodite ist ‚lachend‘, wenn sie sich tränenreich beklagt (Il. V, 375). Wenn Helena das ‚geliebte Weib‘ des Rivalen sein will, der sie gewinnt (Il. III, 138), so bedeutet das weder Rohheit noch Hinterhältigkeit auf Seiten des Sprechers. ‚Geliebt‘ paßt [metrisch] zu ‚Weib‘." (2)

Wir sehen – die Dichter haben „keine Wahl, sie denken auch gar nicht an die Möglichkeit einer Wahl. Für einen vorgegebenen Teil der Zeile bestimmt das Formelvokabular sogleich eine schon fertige Kombination von Worten, und zwar für jeden Fall des Substantivs und für jedes Thema“ (3). Zum Zwang des Rhythmus gesellt sich der Zwang der Ökonomie.
[...]

(Paul Feyerabend: Naturphilosophie. Frankfurt/Main 2009, S. 126 f.)

(1) in der höfischen Dichtung des Vorderen Orients und Mykenes
(2) Richmond A. Lattimore: The Iliad of Homer. Chicago 1951, S. 39 f.
(3) Denys L. Page: History and the Homeric Iliad. Los Angeles 1959, S. 242

Re: Zur Sprache Homers
Patroklos schrieb am 15.09.2026 um 16:23 Uhr (Zitieren)
Sehr klug. So auch auf vielen Gebieten, Architektur etwa. FUNCTION FOLLOWS FORM.
 
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