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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Ein halber Ödipus (121 Aufrufe)
Bukolos schrieb am 13.09.2026 um 09:44 Uhr (Zitieren)
Ab Juni kommenden Jahres soll, wenn alles gutgeht, der Pergamonaltar der Öffentlichkeit wieder zugänglich sein. Dem Gründungsheros von Pergamon, Telephos, ist der Fries im Inneren des Altars gewidmet. Sein Mythos weist einige Parallelen zur Ödipussage auf. Im Folgenden sei die Mythenerzählung gemäß Hyginus, wiedergegeben, die möglicherweise den Inhalt eines Sophokles-Dramas abbildet. Sie weicht in Teilen von der auf dem Fries dargestellten Version des Mythos ab.

99. Auge

1 Auge Alei filia ab Hercule compressa cum partus adesset, in monte Parthenio peperit et ibi eum exposuit. eodem tempore Atalante Iasii filia filium exposuit ex Meleagro natum.

Auge, die Tochter des Aleos, war von Herakles vergewaltigt worden. Als sie mit einem Kind niederkommen sollte, brachte sie es auf dem Berg Parthenion zur Welt und setzte es dort aus. Zur selben Zeit setzte Atalante, die Tochter des Iasos, einen Sohn aus, der von Meleagros gezeugt worden war.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pergamon_Altar_-_Telephus_frieze_-_panel_2%2B3.jpg

2 Herculis autem filium cerua nutriebat. hos pastores inuentos sustulerunt atque nutrierunt, quibus nomina imposuerunt Herculis filio Telephum, quoniam cerua nutrierat, Atalantes autem Parthenopaeum, quoniam uirginem simulans se in monte Parthenio eum exposuerat.

Der Sohn des Herakles aber wurde von einer Hirschkuh gesäugt. Als Bauern die beiden gefunden hatten, nahmen sie sie als ihre Kinder an und zogen sie auf. Dem Sohn des Herakles gaben sie den Namen Telephos, weil er von einer Hirschkuh gesäugt worden war.* Dem Sohn der Atalante gaben sie den Namen Parthenopaios, weil sie ihn, um ihre Jungfräulichkeit vorzutäuschen, auf dem Berg Parthenion ausgesetzt hatte.

3 ipsa autem Auge patrem suum timens profugit in Moesiam ad regem Teuthrantem, qui cum esset orbus liberis hanc pro filia habuit.

Auge selbst aber floh, weil sie ihren Vater fürchtete, nach Mösien [sonst: Mysien] zum König Teuthras, der sie als Tochter annahm, denn er hatte keine Kinder.

100. Teuthras

1 Teuthrantem regem in Moesia Idas Apharei filius regno priuare uoluit; quo cum Telephus Herculis filius ex responso quaerens matrem cum comite Parthenopaeo uenisset, huic Teuthras regnum et filiam Augen in coniugium daturum promisit si se ab hoste tutasset.

Idas, der Sohn des Aphareus, wollte Teuthras, den König über Mösien, der Herrschaft berauben. Als Telephos, der Sohn des Herakles, der seine Mutter suchte, aufgrund eines Orakels zusammen mit seinem Gefährten Parthenopaios dorthin kam, versprach Teuthras ihm das Königreich zu überlassen und seine Tochter Auge zur Frau zu geben, wenn er ihn vor dem Feind schützte.

2 Telephus condicionem regis non praetermisit, cum Parthenopaeo Idam uno proelio superauit; cui rex pollicitam fidem praestitit, regnumque et Augen matrem inscientem in coniugium dedit; quae cum mortalem neminem uellet suum corpus uiolare, Telephum interficere uoluit inscia filium suum.

Telephos ließ sich das Angebot des Königs nicht entgehen. Gemeinsam mit Parthenopaios besiegte er Idas in einer einzigen Schlacht. Der König hielt ihm gegenüber das zugesicherte Versprechen und überließ ihm das Königreich und gab ihm Auge, die nicht wusste, dass sie seine Mutter war, zur Frau. Da sie nicht wollte, dass irgendein Sterblicher sich an ihrem Körper vergehe, wollte sie Telephos, den eigenen Sohn - was sie nicht wusste -, umbringen.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pergamon_Altar_-_Telephus_frieze_-_panel_16%2B17.jpg

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pergamon_Altar_-_Telephus_frieze_-_panel_17%2B18.jpg

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pergamon_Altar_-_Telephus_frieze_-_panel_20%2B21.jpg

3 itaque cum in thalamum uenissent, Auge ensem sumpsit ut Telephum interficeret. tum deorum uoluntate dicitur draco immani magnitudine inter eos exisse, quo uiso Auge ensem proiecit et Telepho inceptum patefecit.

Und so griff Auge, als sie ins Schlafzimmer gegangen waren, zum Schwert, um Telephos zu töten. Da soll nach dem Willen der Götter, heißt es, eine Schlange von gewaltiger Größe zwischen ihnen hervorgekommen sein. Als Auge sie erblickte, warf sie das Schwert fort und offenbarte Telephos ihre Absicht.

4 Telephus re audita inscius matrem interficere uoluit; illa Herculem uiolatorem suum implorauit et ex eo Telephus matrem agnouit et in patriam suam reduxit.

Als Telephos die Sache vernommen hatte, wollte er sie töten, ohne zu wissen, dass es sich um seine Mutter handelte. Sie flehte zu Herakles, ihrem Vergewaltiger, und Telephos erkannte daraufhin seine Mutter und brachte sie in seine Heimat zurück.

* Volksetymologische Deutung: θηλάζειν + ἔλαφος.
Re: Ein halber Ödipus
Bukolos schrieb am 13.09.2026 um 14:15 Uhr (Zitieren)
Ja, es war schon öfter von Telephos die Rede. Allerdings enthalten die verlinkten Quellen keinen Hinweis auf den hierbei entscheidenden Punkt: den unwissentlichen (Beinahe-)Sex mit der eigenen Mutter.
Re: Ein halber Ödipus
Γραικύλος schrieb am 13.09.2026 um 15:42 Uhr (Zitieren)
Das ist wahr, und für diese Ergänzung danke ich.
 
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