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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Die Heilige Schar #2 (83 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 19.08.2026 um 12:35 Uhr (Zitieren)
Plutarch, Pelopidas 18 f.:
Bis zur Schlacht bei Chaironeia (6) soll die heilige Schar unbesiegt geblieben sein. Als nach der Schlacht Philippos die Gefallenen besichtigte und an die Stelle kam, wo die Dreihundert lagen, wie sie alle den feindlichen Speeren entgegengeschritten und miteinander hingesunken waren, da soll er gestaunt und, als er vernahm, daß das die Schar der Liebenden und Geliebten sei, geweint und gerufen haben: „Verflucht soll sein, wer glaubt, daß diese Männer etwas Schimpfliches tun oder leiden [Ἀπόλοιντο κακῶς οἱ τούτους τι ποεῖν ἢ πάσχειν αἰσχρὸν ὑπονοοῦντες]!“

19. Überhaupt hat zu der Institution der Männerliebe bei den Thebanern nicht, wie die Dichter behaupten, die Leidenschaft des Laios den Anstoß gegeben (7), sondern ihre Gesetzgeber haben in dem Bestreben, ihre leidenschaftliche, ungezügelte Natur von Kind an zu mildern und zu erweichen, überall bei Scherz und Ernst die Flötenmusik eingeführt und ihr Rang und Würde gegeben, dazu in den Ringschulen die Entwicklung leidenschaftlicher Liebesverhältnisse gefördert, um die jungen Leute seelisch miteinander zu verbinden.

Mit Recht haben sie zu diesem Zweck auch die der Sage nach von Ares und Aphrodite entstammte Göttin Harmonia in ihrer Stadt miteingebürgert in der Überzeugung, daß, wo das Streitbare und Kriegerische sich mit dem Gewinnenden und Liebenswürdigen vereint und bindet, alles sich harmonisch zur ausgeglichensten, wohlgeordnetsten Gemeinschaft findet.

Diese heilige Schar hatte Gorgidas auf die ersten Glieder verteilt und innerhalb der ganzen schwerbewaffneten Phalanx in die vorderste Reihe gestellt, womit er die besondere Tapferkeit der Männer nicht zur rechten Geltung kommen ließ und ihre Kraft nicht zu einer gemeinsamen Tat vereinte, da sie aufgelöst und unter die Masse der Minderwertigen aufgeteilt war.

Nachdem aber ihre Tapferkeit bei Tegyrai (8) durch ihren glorreichen, heldenhaften Kampf ins rechte Licht gerückt worden war, verteilte Pelopidas sie nicht mehr, noch riß er sie auseinander, sondern verwendete sie als Einheit und setzte sie bei den bedeutendsten Kämpfen am entscheidenden Punkte ein. Denn wie die Pferde im Gespann zu zweien schneller laufen, als wenn sie einzeln geritten werden, nicht weil sie durch den stärkeren Druck der größeren Menge die Luft leichter durchschneiden, sondern weil der Wetteifer miteinander und der Siegeswille den Mut befeuert, so glaubte er, daß die Tapferen, wenn einer dem andern den Wetteifer zu rühmlichen Taten einflößte, am brauchbarsten und am bereitwilligsten zu gemeinsamer Leistung sein würden.

(Plutarch, Große Griechen und Römer. 6 Bde. Herausgegeben von Konrat Ziegler. München 1979; Bd. 3, S. 279-281)

(6) 338 v.u.Z, gegen Philipp von Makedonien
(7) Laios, der mythische König von Theben, Sohn des Labdakos und Vater des Oedipus, raubte aus Liebe den schönen Chrysippos, Sohn des Pelops, und galt daher als einer der frühesten Vertreter der Päderastie.
(8) 375 v.u.Z.

Re: Die Heilige Schar #2
Quoth schrieb am 19.08.2026 um 14:38 Uhr (Zitieren)
Bis heute spielt die Kameradschaft unter Soldaten eine Riesenrolle ("Ich hatt`einen Kamerade, einen bessren findst du nit ...), aber dass sie sich zu homoerotischer Leidenschaft steigert, dürfte eher die Ausnahme sein. Auch Frau und Kinder daheim können den Kampfeswillen enorm steigern. Was die Frage aufwirft: Waren die Kämpfer der Heiligen Schar womöglich zugleich Familienväter?
Re: Die Heilige Schar #2
Γραικύλος schrieb am 19.08.2026 um 15:07 Uhr (Zitieren)
In dem Film, auf den ich kürzlich hingewiesen habe:

https://www.albertmartin.de/altgriechisch/forum/?view=12649

wurde die Existenz dieser Truppe zur Widerlegung des Klischees benutzt, Homosexuelle seien verweichlicht und daher als Soldaten ungeeignet.

Zu der Frage, ob die Kämpfer womöglich auch Familienväter waren, könnte man den archäologischen Befund eines Massengrabes am Ort der letzten Schlacht (Chaironeia) heranziehen, wo die Skelette von ca. 400 Männern gefunden worden sind, von denen anscheinend etliche die Arme umeinander gelegt haben. Wahrscheinlich handelte es sich um diese Heilige Schar, und jedenfalls sind sie nicht familienweise bestattet worden.
Re: Die Heilige Schar #2
Γραικύλος schrieb am 19.08.2026 um 15:14 Uhr (Zitieren)
Wie es mit Homosexualität unter Soldaten steht, dazu kann ich nur eine Vermutung äußern: Homosexuelle werden - wie andere Menschen auch - Bereiche suchen, in denen sie auf Sexualpartner treffen, also in diesem Falle: Männer.

Da bietet sich das Militär durchaus an, vor allem dann, wenn es noch keine einschlägigen Clubs o.ä. gibt.

Das Besondere an der Heiligen Schar wäre dann nur der Umstand, daß sie als geschlossene Einheit eingesetzt wurden.

(Daß die SA, zumindest bis 1934, auf der Führungsebene von alten Militärkameraden durchsetzt und homosexuell war, weißt Du natürlich.
Hitler gab vor, über diese Nachricht entsetzt zu sein - sein Duzfreund Ernst Röhm! -, weshalb der Volksmund spottete: "Wie wird es ihn erst überraschen, wenn er erfährt, daß Goebbels einen Klumpfuß hat?")
Re: Die Heilige Schar #2
Patroklos schrieb am 19.08.2026 um 15:55 Uhr (Zitieren)
Zu den zivilen Bereichen in England gehörte das Cottaging, ein Tarnwort.
https://en.wikipedia.org/wiki/Cottaging?wprov=sfti1#
Re: Die Heilige Schar #2
Γραικύλος schrieb am 19.08.2026 um 18:14 Uhr (Zitieren)
Kann man das vielleicht sagen? Wo sich Männer knubbeln, das treten Homosexuelle auf - in der katholischen Kirche und beim Militär.
Es ist ein Verdacht meinerseits, aber es erscheint mir naheliegend.
Re: Die Heilige Schar #2
Patroklos schrieb am 19.08.2026 um 18:31 Uhr (Zitieren)
Absehen könnten wir vom Bauwesen und von der Müllabfuhr.
Insbesondere die frühere Seefahrt ist freilich ein Sonderfall. Ebenso Jungeninternate.
Re: Die Heilige Schar #2
βροχή schrieb am 19.08.2026 um 20:58 Uhr (Zitieren)
Wo hetera-Partner fehlen, agieren Menschen homosexuell, Bsp. Gefängnis, Internat, Kloster... Militär, Seefahrt...
Kameradschaft ist aber was anderes, eine andere Ebene. Das lässt sich nicht auf sexuelles reduzieren.
 
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