Γραικύλος schrieb am 28.07.2026 um 17:43 Uhr (Zitieren)
Ein Sappho-Fragment:
(Sappho: Lieder. Hrsg. v. Max Treu. München 41968, S. 40 f.)
Re: Das Alter im Fragment
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 28.07.2026 um 18:41 Uhr (Zitieren)
Tja, wie heißt es so (nein: nicht schön, sondern) treffend: Altern ist nichts für Feiglinge.
Aber Sapphos Verse sind natürlich um Klassen bildhafter und klangvoller!
Re: Das Alter im Fragment
Patroklos schrieb am 28.07.2026 um 19:44 Uhr (Zitieren)
Es fehlt:
Das Bewusstsein/Empfinden der verbleibenden Zeit. (Gestern etwa bei einem Begräbnis)
Re: Das Alter im Fragment
Γραικύλος schrieb am 29.07.2026 um 09:46 Uhr (Zitieren)
Wobei sich dem Müden die Frage nicht so stellt: Wieviel Zeit bleibt mir noch?, sondern: Wie lange muß ich das noch aushalten?
Re: Das Alter im Fragment
Bukolos schrieb am 29.07.2026 um 12:51 Uhr (Zitieren)
Man sollte vielleicht erwähnen, dass das meiste in den Zitaten nicht Überliefertes ist, sondern sich der ergänzenden Phantasie Max Treus verdankt. Andreas Bagordo ist in seiner Übersetzung deutlich zurückhaltender in Bezug auf die Rekonstruktion. Die ziterten Ausschnitte lesen sich darin so:
Zum zweiten Fragment gehört noch der Name Gongyla, den wir auch aus Fr. 22 Voigt kennen, was die Vermutung nahelegt, dass die in den Zeilen geäußerte Todessehnsucht im Zusammenhang mit dem Verlust der Geliebten steht, also eher nicht auf altersbedingten Lebensüberdruss rückführbar ist.
Re: Das Alter im Fragment
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 29.07.2026 um 16:34 Uhr (Zitieren)
Heidenei, das wußte ich nicht, daß diese Fragmente soo bruchstückhaft sind, da braucht es wirklich Phantasie (womit ich nicht sagen möchte, daß die Treuschen Ergänzungen völiig aus der Luft gegriffen sind).
Damit steht meine obige Bemerkung zur Sprachkraft Sapphos wenigstens für dieses Stück Lyrik auf einigermaßen unsicherem Boden ...
Danke, Bukolos, fürs Geraderücken!
Re: Das Alter im Fragment
Γραικύλος schrieb am 29.07.2026 um 17:07 Uhr (Zitieren)
Die Überlieferungssituation bei Sappho ist tatsächlich desolat. Aber ich schätze die Bemühungen von Philologen, einen Sinn zu rekonstruieren - so hypothetisch das auch sein mag - nicht gering.
Zumal es über die Bedeutung Sapphos in der Antike wenig Meinungsverschiedenheiten gab. Platon bezeichnete sie als die zehnte Muse. Es muß etwas Eindrucksvolles dort gestanden haben.
[Pinytos; Anthologia Graeca VII 16]
Leider ist das nicht wahr.
Re: Das Alter im Fragment
Γραικύλος schrieb am 29.07.2026 um 17:11 Uhr (Zitieren)
[Platon; Anthologia Graeca IX 506]
Re: Das Alter im Fragment
Bukolos schrieb am 30.07.2026 um 18:31 Uhr (Zitieren)
Das zuletzt zitierte Frg. 95 Voigt gab übrigens einem anderen Gelegenheit zu einer imagistischen Nachschöpfung: Ezra Pound schrieb auf Basis der ersten drei Zeilen das Gedicht Papyrus (in: Lustra, London 1916, S. 49).
Mit dem dorischen Dialekt Sapphos lässt sich diese Interpretation der lesbaren Zeichenfolge des Fragments (ΗΡΑ[ | ΔΗΡΑΤ . [ | ΓΟΓΓΥΛΑ . [) freilich nicht in Einklang bringen; man mag sich hier auf Harold Bloom berufen: "Great writing is always at work strongly (or weakly) misreading previous writing."
Re: Das Alter im Fragment
Γραικύλος schrieb am 30.07.2026 um 19:51 Uhr (Zitieren)
Hat Thalia je ein Stück, Klio je ein Epos, Euterpe je ein lyrisches Gedicht geschrieben? Nein, sie sind stumm wie Fische! Sappho aber dichtet, und so bruchstückhaft ihre Hinterlassenschaft auch ist, aber es gibt eine!
Re: Das Alter im Fragment
Γραικύλος schrieb am 30.07.2026 um 22:35 Uhr (Zitieren)
Das kann ich mir nur so erklären, daß man den ersten Teil des Satzes betont und den zweiten für nicht so entscheidend hält.
Re: Das Alter im Fragment
Γραικύλος schrieb am 30.07.2026 um 22:40 Uhr (Zitieren)
Sappho als Muse, das hat Platon übrigens nicht exklusiv:
[Antipatros von Sidon; Anthologia Graeca VII 14]
Re: Das Alter im Fragment
Γραικύλος schrieb am 30.07.2026 um 22:43 Uhr (Zitieren)
[anonym; Anthologia Graeca IX 571]
Man kann es fast einen Topos nennen.
Re: Das Alter im Fragment
Bukolos schrieb am 31.07.2026 um 02:56 Uhr (Zitieren)
Selbstverständlich letzteres. Danke!
Stumm wurden sie gewiss nicht gedacht. Die Musen bildeten ja die autoritative Instanz, die für die Wahrhaftigkeit eines Textes garantierte. Der Dichter degradierte sich geradezu zu ihrem Medium. Beispielhaft für dieses Konzept von Inspiration ist der zweite Musenanruf der Ilias am Beginn des Schiffskatalogs:
In diesem Sinne ist es klar als Aufwertung der sapphischen Texte zu verstehen, wenn für diese ein Wegfall medialer Vermittlung behauptet wird, auch wenn dies der Selbstdarstellung der Dichterin widerspricht, die sich unter die μοισοπόλων, die Musendiener:innen zählte.