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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Das Alter im Fragment (167 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 28.07.2026 um 17:43 Uhr (Zitieren)
Ein Sappho-Fragment:
............
.. weckt das Alter den Jammer ..
.... zittrige Füße, kraftlos
werden die Knie
und es furcht die Haut allenthalben schon das
Alter ...... (Eros)
fliegt den Jungen nach und verfolgt ...

(Sappho: Lieder. Hrsg. v. Max Treu. München 41968, S. 40 f.)
Re: Das Alter im Fragment
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 28.07.2026 um 18:41 Uhr (Zitieren)
Tja, wie heißt es so (nein: nicht schön, sondern) treffend: Altern ist nichts für Feiglinge.
Aber Sapphos Verse sind natürlich um Klassen bildhafter und klangvoller!
Re: Das Alter im Fragment
Patroklos schrieb am 28.07.2026 um 19:44 Uhr (Zitieren)
Es fehlt:
Das Bewusstsein/Empfinden der verbleibenden Zeit. (Gestern etwa bei einem Begräbnis)
Re: Das Alter im Fragment
Γραικύλος schrieb am 29.07.2026 um 09:46 Uhr (Zitieren)
Wobei sich dem Müden die Frage nicht so stellt: Wieviel Zeit bleibt mir noch?, sondern: Wie lange muß ich das noch aushalten?
Sieh, ein Gott sandte ein Zeichen mir, verstehn
kann es jeder. - Als Bote trat
zu mir Hermes, ein Helfer aller Müden.
Und ich sprach: „Herre, willkommen bist du mir!
Bei der Göttin dort drunten! Hier
find ich nirgendmehr Freude, zuviel (litt ich).
In mir lebt wie eine Sehnsucht: tot zu sein
und die taufrischen Ufer des
Acheron, die von Lotosgrün umkränzten
bald zu sehn, und zu des Hades Haus hinab
(dann zu kommen,) zu suchen (..),
auf daß niemand .....................“

Re: Das Alter im Fragment
Bukolos schrieb am 29.07.2026 um 12:51 Uhr (Zitieren)
Man sollte vielleicht erwähnen, dass das meiste in den Zitaten nicht Überliefertes ist, sondern sich der ergänzenden Phantasie Max Treus verdankt. Andreas Bagordo ist in seiner Übersetzung deutlich zurückhaltender in Bezug auf die Rekonstruktion. Die ziterten Ausschnitte lesen sich darin so:
... Jammer ...
... zitternd ...
... die Haut (trocknet) das Alter nunmehr (aus) ...
... verwickelt ...
... fliegt folgend ...

gewiss ein Zeichen ...
allen und besonders ... [Her-
mes kam ...
Ich sagte: o Herr ...
nicht, um die glückselige ...
gar nicht gefällt mir, verworren zu sein ...
Eine Lust zu sterben [besitzt mich und
die lotusblühenden, taufrischen [U
fer zu sehen des Acher[on

Zum zweiten Fragment gehört noch der Name Gongyla, den wir auch aus Fr. 22 Voigt kennen, was die Vermutung nahelegt, dass die in den Zeilen geäußerte Todessehnsucht im Zusammenhang mit dem Verlust der Geliebten steht, also eher nicht auf altersbedingten Lebensüberdruss rückführbar ist.
Re: Das Alter im Fragment
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 29.07.2026 um 16:34 Uhr (Zitieren)
Heidenei, das wußte ich nicht, daß diese Fragmente soo bruchstückhaft sind, da braucht es wirklich Phantasie (womit ich nicht sagen möchte, daß die Treuschen Ergänzungen völiig aus der Luft gegriffen sind).
Damit steht meine obige Bemerkung zur Sprachkraft Sapphos wenigstens für dieses Stück Lyrik auf einigermaßen unsicherem Boden ...

Danke, Bukolos, fürs Geraderücken!
Re: Das Alter im Fragment
Γραικύλος schrieb am 29.07.2026 um 17:07 Uhr (Zitieren)
Die Überlieferungssituation bei Sappho ist tatsächlich desolat. Aber ich schätze die Bemühungen von Philologen, einen Sinn zu rekonstruieren - so hypothetisch das auch sein mag - nicht gering.

Zumal es über die Bedeutung Sapphos in der Antike wenig Meinungsverschiedenheiten gab. Platon bezeichnete sie als die zehnte Muse. Es muß etwas Eindrucksvolles dort gestanden haben.
Erde bedeckt hier den Leib und den stummen Namen der Sappho,
unberührbar von Zeit lebt in den Liedern ihr Geist.

[Pinytos; Anthologia Graeca VII 16]

Leider ist das nicht wahr.
Re: Das Alter im Fragment
Γραικύλος schrieb am 29.07.2026 um 17:11 Uhr (Zitieren)
Ἐννέα τὰς Μούσας φασίν τινες. ὡς ὀλιγώρως..
ἠνίδε καὶ Σαπφὼ Λεσβόθεν ἡ δεκάτη.

Manche erzählen uns wohl, es gebe neun Musen. Wie töricht!
Hat denn Lesbos uns nicht Sappho als zehnte gebracht?

[Platon; Anthologia Graeca IX 506]
Re: Das Alter im Fragment
Bukolos schrieb am 30.07.2026 um 18:31 Uhr (Zitieren)
Das zuletzt zitierte Frg. 95 Voigt gab übrigens einem anderen Gelegenheit zu einer imagistischen Nachschöpfung: Ezra Pound schrieb auf Basis der ersten drei Zeilen das Gedicht Papyrus (in: Lustra, London 1916, S. 49).
Spring ...
Too long ...
Gongula ...

Mit dem dorischen Dialekt Sapphos lässt sich diese Interpretation der lesbaren Zeichenfolge des Fragments (ΗΡΑ[ | ΔΗΡΑΤ . [ | ΓΟΓΓΥΛΑ . [) freilich nicht in Einklang bringen; man mag sich hier auf Harold Bloom berufen: "Great writing is always at work strongly (or weakly) misreading previous writing."
Re: Das Alter im Fragment
Γραικύλος schrieb am 30.07.2026 um 19:51 Uhr (Zitieren)
Sappho schreibt dorisch, nicht aiolisch?
Re: Das Alter im Fragment
Quoth schrieb am 30.07.2026 um 22:10 Uhr (Zitieren)
Komische Idee, Sappho zur zehnten Muse zu machen. Musen inspirieren, aber sie bringen selber nichts hervor. Oder sehe ich das falsch?
Re: Das Alter im Fragment
Quoth schrieb am 30.07.2026 um 22:34 Uhr (Zitieren)
Hat Thalia je ein Stück, Klio je ein Epos, Euterpe je ein lyrisches Gedicht geschrieben? Nein, sie sind stumm wie Fische! Sappho aber dichtet, und so bruchstückhaft ihre Hinterlassenschaft auch ist, aber es gibt eine!
Re: Das Alter im Fragment
Γραικύλος schrieb am 30.07.2026 um 22:35 Uhr (Zitieren)
Musen inspirieren, aber sie bringen selber nichts hervor.

Das kann ich mir nur so erklären, daß man den ersten Teil des Satzes betont und den zweiten für nicht so entscheidend hält.
Re: Das Alter im Fragment
Γραικύλος schrieb am 30.07.2026 um 22:40 Uhr (Zitieren)
Sappho als Muse, das hat Platon übrigens nicht exklusiv:
Sappho, die sterbliche Muse, die bei den unsterblichen Musen
Ruhmvoll Gepriesne – sie ruht, Erde Aioliens, in dir.
Aphrodite und Eros umhegen sie beide, und Peitho
flocht den ewigen Kranz der Piëriden mit ihr,
Hellas zur Wonne, zum Ruhm für dich. – O ihr waltenden Moiren,
die ihr am Rocken im Kreis dreifach den Faden bestellt,
warum spanntet ihr nicht der Sängerin ewiges Leben,
da sie des musischen Sangs ewige Gaben uns schuf?

[Antipatros von Sidon; Anthologia Graeca VII 14]
Re: Das Alter im Fragment
Γραικύλος schrieb am 30.07.2026 um 22:43 Uhr (Zitieren)
Machtvoll rauschte das Lied des thebanischen Pindar, es strömte
süß wie Honig der Sang von des Simonides Mund;
funkelnder Glanz ziert Ibykos‘ Lied und Stesichoros‘ Weisen;
köstlich war Alkman, und hold tönte Bakchylides‘ Sang;
unwiderstehlich berückten Anakreons Klänge; Alkaios,
Schwan von Lesbos, erhob bunt sein aiolisches Lied.
Diesen gesellte sich Sappho, doch nicht als neunte; im Reigen
lieblicher Musen gebührt ihr als der zehnten der Platz.

[anonym; Anthologia Graeca IX 571]

Man kann es fast einen Topos nennen.
Re: Das Alter im Fragment
Bukolos schrieb am 31.07.2026 um 02:56 Uhr (Zitieren)
Zitat von Γραικύλος am 30.7.26, 19:51Sappho schreibt dorisch, nicht aiolisch?

Selbstverständlich letzteres. Danke!
Zitat von Quoth am 30.7.26, 22:34Nein, sie sind stumm wie Fische

Stumm wurden sie gewiss nicht gedacht. Die Musen bildeten ja die autoritative Instanz, die für die Wahrhaftigkeit eines Textes garantierte. Der Dichter degradierte sich geradezu zu ihrem Medium. Beispielhaft für dieses Konzept von Inspiration ist der zweite Musenanruf der Ilias am Beginn des Schiffskatalogs:
Sagt mir anitzt, ihr Musen, olympische Höhen bewohnend:
Denn ihr seid Göttinnen, und wart bei allem, und wißt es;
Unser Wissen ist nichts, wir horchen allein dem Gerüchte:
Welche waren die Fürsten der Danaer, und die Gebieter?
Nie vermöcht' ich das Volk zu verkündigen, oder zu nennen;
Wären mir auch zehn Kehlen zugleich, zehn redende Zungen,
Wär unzerbrechlicher Laut, und ein ehernes Herz mir gewähret: Wenn die olympischen Musen mir nicht, des Ägiserschüttrers Töchter die Zahl ansagten, wie viel vor Ilios kamen.

(Ilias 2, 484 ff., Übersetzung: Voß)

In diesem Sinne ist es klar als Aufwertung der sapphischen Texte zu verstehen, wenn für diese ein Wegfall medialer Vermittlung behauptet wird, auch wenn dies der Selbstdarstellung der Dichterin widerspricht, die sich unter die μοισοπόλων, die Musendiener:innen zählte.
 
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