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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #1 (153 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 15.07.2026 um 10:34 Uhr (Zitieren)
Augustinus, De civitate Dei I 19:
So wäre denn einleuchtend bewiesen, daß im Fall einer Vergewaltigung, bei der Wunsch und Wille, keusch zu bleiben, keineswegs durch Zustimmung zur Übeltat sich gewandelt hat, nur der Mann frevelt, der die Vergewaltigung begeht, nicht dagegen die Frau, welche sie unfreiwillig erleiden muß. Werden dieser Beweisführung immer noch diejenigen zu widersprechen wagen, gegen die wir die Heiligkeit nicht nur der Seele, sondern auch der Leibes der in Gefangenschaft vergewaltigten christlichen Frauen verteidigt haben?

Sicherlich spenden sie der Keuschheit der Lucretia, jener vornehmen altrömischen Frau, hohes Lob. Als ihr der Sohn des Königs Tarquinius in sträflicher Leidenschaft Gewalt angetan hatte, teilte sie das Verbrechen des jugendlichen Frevlers ihrem Gatten Collatinus und ihrem Verwandten Brutus, edlen und tapferen Männern, mit und verpflichtete sie zur Rache. Darauf nahm sie sich selbst das Leben. (1) Denn sie konnte den Schmerz über das Schändliche, das ihr angetan war, nicht ertragen.

Was sagen wir dazu? Sollen wir sie ehebrecherisch nennen oder keusch? Ob wohl irgend jemandem die Antwort auf diese Frage schwer fällt? Trefflich und wahrheitsgemäß hat hierzu jemand den Ausspruch getan: „Merkwürdig, es waren zwei, aber nur einer hat Ehebruch begangen.“ Ausgezeichnet und durchaus wahr! Er sah bei dem Einswerden der beiden Leiber die unreine Lust des einen und den keuschen Willen der anderen, faßte nicht die leibliche Seite des Vorgangs, sondern die seelische, wo alles ganz anders war, ins Auge und sagte darum mit Recht: „Es waren zwei, aber nur einer hat Ehebruch begangen.“

Aber was soll das nun, daß sie, die keinen Ehebruch begangen hat, doch härter bestraft wurde? Denn jener wurde nur mit seinem Vater aus der Vaterstadt vertrieben, aber sie traf die härteste aller Strafen, die Todesstrafe. Ist es keine Unkeuschheit, wenn eine Frau gegen ihren Willen vergewaltigt wird, so ist es auch keine Gerechtigkeit, wenn eine keusche Frau bestraft wird. Euch rufe ich an, römische Gesetze und Richter! Habt ihr es doch unter Strafe gestellt, selbst einen Verbrecher nach begangener Freveltat ohne vorheriges Urteil zu töten. Brächte man also die Klage vor euer Gericht und bewiese euch, daß nicht nur ein unverurteiltes, sondern auch keusches und unschuldiges Weib getötet worden sei, würdet ihr dann den, der das getan hat, nicht mit gebührender Strenge bestrafen?

(Augustinus; Vom Gottesstaat. Hrsg. v. Wilhelm Timme und Carl Andresen. 2. Bde. Zürich/München ²1978; Bd. 1, S. 34-37)

(1) Vgl. Livius I 58-60
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #1
βροχή schrieb am 15.07.2026 um 12:24 Uhr (Zitieren)
Denn sie konnte den Schmerz über das Schändliche, das ihr angetan war, nicht ertragen.

Das ist wahrsccheinlich zutreffend. Eine Vergewaltigung ist nicht nur körperlich verletzend, sie hinterlässt auch massive psychiscche Schäden. Wenn der Suizid darauf zurück geht, wurde sie ermordet, der Vergewaltiger ist ein Mörder, indem er eine unerträgliche psychische Verletzung ihr zufügte.

aber sie traf die härteste aller Strafen, die Todesstrafe.

Nein, ihr wurde eine tödliche Verletzung zugefügt, das ist etwas anderes als eine Strafe. Wie kann man das verwechseln :(





Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #1
Γραικύλος schrieb am 15.07.2026 um 13:02 Uhr (Zitieren)
Augustinus deutet Lucretias Tat wohl als eine Strafe, die sie sich selbst auferlegt hat.

Man muß mal die Berichte bei Livius und Dionysios von Halikarnassos genau lesen, ob ihr Verhalten so gedeutet wird bzw. so gedeutet werden kann.

FürAugustinus' folgende Argumentation ist sie die Voraussetzung - darauf baut er auf.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #1
βροχή schrieb am 15.07.2026 um 13:55 Uhr (Zitieren)
eine Strafe, die sie sich selbst auferlegt hat


Sich selber absichtlich zu strafen? Das wäre dann eine Buße?
Wenn man davon ausgeht, dass mit einer Strafe ein Fehlverhalten bestraft wird, was wäre ihr Fehler gewesen? Wie hätte sie sich richtig verhalten sollen, um nicht bestraft zu werden?

Was ist da die Logik?



Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #1
Γραικύλος schrieb am 15.07.2026 um 14:12 Uhr (Zitieren)
Dazu äußert Augustinus im noch folgenden Textteil eine Vermutung.
(eine typisch männliche und noch heute gängige)

Wie er in I 20 darstellt, ist für ihn auch eine Selbsttötung ein SelbstMORD und damit ein Verstoß gegen das 5. Gebot. Wie schon gesagt: diese Deutung hat Augustinus in das Christentum eingeführt und damit für lange Zeit den Suizid tabuisiert. Wer sich selbst umbringt, ist nicht schuldlos.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #1
βροχή schrieb am 15.07.2026 um 14:26 Uhr (Zitieren)

Dass die Strafe gleichzeitig das zu strafende ist, ist unlogisch.

Auf Selbstmord steht die Todesstrafe,
dieser Spruch passt in die Rubrik Paradoxien.

Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #1
Γραικύλος schrieb am 15.07.2026 um 14:39 Uhr (Zitieren)
Das geht nun nicht.

Traditionell vollzieht Gott die Strafe am Suizidenten: im Jenseits.
Auf Erden bedeutete der Suizid Verweigerung des christlichen Begräbnisses sowie Vermögensverlust und damit Bestrafung der Verwandten; außerdem war der Versuch strafbar.
(Ich weiß nicht, wie es früher war, aber heute kommen auf einen Suizid zehn Versuche.)
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #1
Γραικύλος schrieb am 15.07.2026 um 14:41 Uhr (Zitieren)
Nicht daß ich das alles plausibel fände, aber wir reden ja hier über Augustinus und die von ihm begründete Tradition.

Interessant ist, wie er aus dieser Perspektive Lucretia deutet.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #1
Γραικύλος schrieb am 15.07.2026 um 14:45 Uhr (Zitieren)
Notabene: Augustinus hat den Rang eines Kirchenvaters.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #1
βροχή schrieb am 15.07.2026 um 16:37 Uhr (Zitieren)
Traditionell vollzieht Gott die Strafe am Suizidenten: im Jenseits.


Das hat er nicht gemeint, sondern die Todesstrafe:
aber sie traf die härteste aller Strafen, die Todesstrafe.

Folglich ist es nicht der Suizid, der bestraft wird, sondern die Opferrolle in der Vergewaltigung.
Sie hätte das verhindern können durch effektive Wachen (Personenschutz 24/7) und/oder durch eine Selbstverteidigungsausbildung und -training.

Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #1
Γραικύλος schrieb am 15.07.2026 um 16:49 Uhr (Zitieren)
Warte es doch ab, wie Augustinus sich diesen Suizid als Todesstrafe vorstellt. Teil 2 kommt morgen.
Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #1
βροχή schrieb am 15.07.2026 um 17:33 Uhr (Zitieren)
... achso, es kommt noch ein weiterer Teil.

Re: Reflexionen über den Selbstmord der Lucretia #1
Γραικύλος schrieb am 15.07.2026 um 17:49 Uhr (Zitieren)
#1 --> #2
 
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