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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Latein und Tod (226 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 14.07.2026 um 17:04 Uhr (Zitieren)
Spikulierte Läsion 30 mm im oberen Lappen des linken Lungenflügels. Die Struktur zeigt eine sehr hohe metabolische Aktivität bis SUV 15.1.

Ohne jedes Wort dieser sterilen, medizinischen Sprache zu verstehen, die offenbar zum Ziel hat, gleichzeitig aufzudecken und zu verschleiern, weiß ich, dass die Dinge mehr als hoffnungslos sind.

Spitzenfibrose beidseitig ... Pleurale Läsion mit hoher metabolischer Aktivität ... Vielzahl von Läsionen unterschiedlicher Größe in beiden Teilen der Leber mit bis zum 55 mmm und hoher m. Aktivität, die größeren mit massiver zentraler Nekrose ... Vielzahl metabolisch aktiver Knochenmetastasen im linken Oberschenkelknochen und Oberschenkelhals, im rechten Oberschenkelknochen und Oberschenkelhals ... Suspekte Propagation in den Spinalkanal ...

Bisher wusste ich nur, dass das Lateinische eine tote Sprache ist.
Jetzt aber weiß ich, dass es die Sprache des Todes ist. Der Tod spricht Latein.

(Georgi Gospodinov: Der Gärtner und der Tod. Berlin 2026, S. 35 f.)
Re: Latein und Tod
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 14.07.2026 um 18:20 Uhr (Zitieren)
Mit Verlaub, da jammert einer über den Gebrauch einer differenzierten und hochspezifischen Fachsprache - erkennbar für fachinterne Verwendung. Nicht zuletzt wohl, um ein (wenig zündendes) Bonmot anzubringen.
Was der Gute denn zu einem Fachtext einer Arbeitsgruppe von bspw. Chemikern (dort wahrscheinlich Englisch-lastig) oder Psychiatern (Griechisch-lastig?) sagen würde?
Re: Latein und Tod
Γραικύλος schrieb am 14.07.2026 um 23:33 Uhr (Zitieren)
Der Autor - kein Unbekannter übrigens - schildert das Sterben seines Vaters, und in diesem Zusammenhang hat er offenbar als Angehöriger diese (keinesfalls nur internen) Arztberichte zu lesen bekommen.
Er steht auch nicht an, an anderer Stelle gute Ärzte zu loben. Ein guter Arzt ist nicht zuletzt einer, der mit Patienten und deren Angehörigen gut kommuniziert ... statt sich hinter entemotionalisiertem Fachjargon zu verschanzen, der, ja, "offenbar zum Ziel hat, gleichzeitig aufzudecken und zu verschleiern".
Re: Latein und Tod
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 15.07.2026 um 00:41 Uhr (Zitieren)
Ein Arztbericht ist ein Bericht von Ärztenü für Ärzte, da geht es um die möglichst präzise Diagnose, die die Grundlage für therapeutischen oder palliativen Eingriff (auch weiterbehandelnder Kollegen m/w/d) bildet. Ein Urteil über die Qualität des berichtenden Arztes, das mangelnde Zuwendung beklagt, verfehlt m. E. den an einen Arztbericht anzulegenden Maßstab und kreidet dem Bericht etwas an (Verschleierung), was nur der Fachfremde so empfinden kann, für den jedoch der Bericht nunmal nicht abgefaßt wird. Oder hat der Autor diesen Bericht etwa gesprächsweise, aus dem Munde des Arztes vernommen?

Re: Latein und Tod
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 15.07.2026 um 00:50 Uhr (Zitieren)
Und zur (aus einer, wie ich finde, verengten Sichtweise heraus konstruierten) Pointe, die das tote Latein als Sprache des Todes apostrophiert: auch ein Befund, der eine heilbare Krankheit benennt, wird dazu lateinische Termini heranziehen …

Re: Latein und Tod
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 15.07.2026 um 01:15 Uhr (Zitieren)
Zuletzt muß man hier eigentlich nicht gesondert darauf hinweisen, daß Wörter der Fachsprache - ich halte Jargon hier für fehl am Platze - wie metabolisch, Metastase, Nekrose griechischer Herkunft sind.
Re: Latein und Tod
βροχή schrieb am 15.07.2026 um 06:03 Uhr (Zitieren)
In Arztberichten wäre Emotion fehl am Platz. Das heißt nicht, dass Emotionslosigkeit ein Merkmal hoher Qualität wäre. Wenn in Arztberichtes etwas verschleiert wird, dann ist es Halbwissen bis Unwissen. Arztberichte sind nicht selten mit fachlichen Fehlern behaftet, die zu Fehlbehandlung führen. Da wäre die Nachvollziehbarkeit für den Patienten von Vorteil.

Re: Latein und Tod
Quoth schrieb am 15.07.2026 um 09:03 Uhr (Zitieren)
Aufgabe der Medizin ist es nun einmal, in erster Linie das vom Gesundnormalen Abweichende zu benennen, insofern ist ihre lateinisch-griechische Fachsprache eben ein Benennen dessen, was auch zum Tod führen kann bzw. der Maßnahmen zur Gefahrenabwehr. Spitzenreiter ist da für mich die lateinisch-griechisch hybride Appendektomie!
Re: Latein und Tod
Patroklos schrieb am 15.07.2026 um 11:11 Uhr (Zitieren)
ars medica brevis, mors aeterna.
Re: Latein und Tod
Quoth schrieb am 15.07.2026 um 11:43 Uhr (Zitieren)
Eine andere lateinische Fachsprache war die der Juristen. Zu ihrem Schaden verzichteten sie darauf und sprachen Deutsch - aber man verstand sie trotzdem nicht ... Das war und ist ärgerlich!

Zum medizinischen Vernacular: Es dient auch, gerade während der Visite mehrerer Ärzte und Pflegepersonen, dazu, sich zu verständigen, ohne dass dem Patienten gleich klar wird, wie bedrohlich die Befunde oder Anweisungen sind.
Re: Latein und Tod
Patroklos schrieb am 15.07.2026 um 11:53 Uhr (Zitieren)
Das ist recht literarisch anzusehen. Mit Nachsicht, undogmatisch.

Er schloss ein Studium der bulgarischen Philologie an der Universität Sofia ab und promovierte später in Neuer Bulgarischer Literatur am Institut für Literatur der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften mit einer Dissertation zu Poesie und Medien. Kino, Radio und Werbung bei Wapzarow und den Dichtern der 1940er Jahre.
Re: Latein und Tod
βροχή schrieb am 15.07.2026 um 12:14 Uhr (Zitieren)
Es dient auch, gerade während der Visite mehrerer Ärzte und Pflegepersonen, dazu, sich zu verständigen, ohne dass dem Patienten gleich klar wird, wie bedrohlich die Befunde oder Anweisungen sind.


Das halte ich allmälich für einen Mythos.
Der Patient empfindet unverständliches oft noch bedrohlicher als es ist.

Die Unverständlichkeit dient mehr dem Schutz der Ärzte vor Durchschaubarkeit mgl. Fehler u. Versäumnisse, als dem Schutz des Patienten vor Beunruhigung.
Wenn der Patient alles versteht, will der womgl. mitreden da es ihn ja unmittelbar betrifft, umgotteswillen, wohin würde das führen!



Re: Latein und Tod
Γραικύλος schrieb am 15.07.2026 um 13:10 Uhr (Zitieren)
Gospodinov schildert Gedanken und Gefühle beim Sterben seines Vaters. Da können solche Eindrücke schonmal aufkommen: welche Wirkung dieses "Latein" auf den Moribunden und seine Verwandten hat ... und wie seltsam-distanziert sich manche Ärzte verhalten.

Ein anderer Arzt, den Gospodinov erwähnt, kommuniziert mit ihm, indem er schweigt und gemeinsam eine Zigarette raucht.

Das erscheint ihm (und auch mir) menschlicher und nicht so distanziert.

Sprache kann trennen, Schweigen kann (!) verbinden.
Re: Latein und Tod
info schrieb am 15.07.2026 um 13:22 Uhr (Zitieren)
Der Autor - kein Unbekannter übrigens

Georgi Gospodinow Georgiew (bulgarisch Георги Господинов Георгиев, englisch transkr. Georgi Gospodinov Georgiev; * 7. Januar 1968 in Jambol, Bulgarien) ist ein bulgarischer Schriftsteller. Sein aus Prosa, Lyrik, Dramen sowie Drehbüchern bestehendes Gesamtwerk fand auch international Anerkennung. Sein Debütroman Natürlicher Roman wurde mittlerweile in 23 Sprachen übersetzt und für seinen Roman Zeitzuflucht erhielt er 2023 den International Booker Prize.
...
Internationales Ansehen erlangte Gospodinow durch seinen Debütroman Natürlicher Roman (1999). Das Magazin The New Yorker beschreibt diesen als „zügelloses, experimentierfreudiges Debüt“ und The Times bezeichnete das Buch als ein „humorvolles, melancholisches und höchst eigenwilliges Werk“.

https://de.wikipedia.org/wiki/Georgi_Gospodinow
Re: Latein und Tod
Patroklos schrieb am 15.07.2026 um 13:26 Uhr (Zitieren)
Ob es Arzt und Patienten förderlich ist? Doch heißt:
Speech is silver, silence is golden.
Re: Latein und Tod
Γραικύλος schrieb am 15.07.2026 um 13:49 Uhr (Zitieren)
In diesem Falle: Schweigen und gemeinsames Rauchen.
Das besagte früher einmal etwas.

(Ich erinnere mich gut an "Die Geschichte eines Gewissens" von Ambrose Bierce.)

Wie man das gleiche heute ausdrückt, weiß ich nicht.
 
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