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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Der Fall Lucretia #2 (122 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 11.07.2026 um 14:05 Uhr (Zitieren)
Titus Livius I 58-60:
Der Reihe nach gaben alle ihr Wort. Sie trösteten die Tiefbekümmerte, indem sie die Schuld von ihr, die gezwungen worden war, auf den abwälzten, der das Verbrechen begangen hatte: der Geist sündige, nicht der Leib, und wo es keine Absicht gegeben habe, da gebe es auch keine Schuld [mentem peccare, non corpus, et unde consilium afuerit, culpam abesse].

„Seht ihr zu“, sagte sie, „was jener verdient. Ich kann mich zwar von der Sünde freisprechen, der Strafe aber will ich mich nicht entziehen; und es soll künftig keine Frau, die ihre Ehre verloren hat, unter Berufung auf Lucretia weiterleben [nec ulla deinde impudica Lucretiae exemplo vivet].“ Damit stieß sie sich ein Messer, das sie unter ihrem Kleid verborgen hatte, ins Herz, sank über der Wunde zusammen und fiel sterbend zu Boden. Ihr Mann und ihr Vater schrien auf.

59. Während jene von Trauer überwältigt waren, zog Brutus das Messer aus der Wunde der Lucretia, hielt es bluttriefend vor sich und rief: „Bei diesem Blut, das bis zu Entehrung durch den Königssohn das reinste war, schwöre ich, und ich rufe euch, ihr Götter, zu Zeugen, daß ich L. Tarquinius Superbus mitsamt seinem verruchten Weib und seiner ganzen Nachkommenschaft mit Schwert und Feuer und jeder möglichen Gewalt verfolgen und nicht zulassen werde, daß diese oder jemand anders in Rom als Könige herrschen.“

Darauf reichte er das Messer dem Collatinus, dann dem Lucretius und dem Valerius; diese konnten sich das Wunder nicht erklären, wie der neue Geist in die Brust des Brutus gekommen war. Ihre Trauer schlug dann ganz und gar in Zorn um, und als Brutus sie aufrief, jetzt gleich das Königtum zu stürzen, folgten sie ihm als ihrem Führer.
Sie trugen die Leiche der Lucretia aus dem Haus und brachten sie auf den Marktplatz. Durch die Verwunderung über diese unerhörte Tat und die Empörung darüber zogen sie, wie es zu gehen pflegt, die Menschen herbei.

(Titus Livius, Römische Geschichte. Bd. 1: I-III. Hrsg. v. Hans Jürgen Hillen. Darmstadt 1987, S. 150-157)

Re: Der Fall Lucretia #2
Quoth schrieb am 11.07.2026 um 23:01 Uhr (Zitieren)
Unter dem Titel "Von unserem Gewissen" sehr nah an Livius als Nr. 135 auch in den Gesta Romanorum, die sich allerdings als Quelle auf Augustinus beziehen (der die Geschichte wahrscheinlich dem Livius nacherzählt hat).
Re: Der Fall Lucretia #2
Quoth schrieb am 11.07.2026 um 23:21 Uhr (Zitieren)
Unter dem Titel "Von unserem Gewissen" sehr nah an Livius als Nr. 135 auch in den Gesta Romanorum, die sich allerdings als Quelle auf Augustinus beziehen (der die Geschichte wahrscheinlich dem Livius nacherzählt hat).
Re: Der Fall Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 12.07.2026 um 00:09 Uhr (Zitieren)
Die Quelle bei Augustinus müßte "De civitate Dei" I 19 sein.
Re: Der Fall Lucretia #2
βροχή schrieb am 12.07.2026 um 06:22 Uhr (Zitieren)

. Seht ihr zu“, sagte sie, „was jener verdient. Ich kann mich zwar von der Sünde freisprechen, der Strafe aber will ich mich nicht entziehen; und es soll künftig keine Frau, die ihre Ehre verloren hat, unter Berufung auf Lucretia weiterleben



Das ist der Kern der Frauenverachtung. Die Frau wird zum Gegenstand gemacht und erklärt sich damit einverstanden.



Re: Der Fall Lucretia #2
βροχή schrieb am 12.07.2026 um 06:31 Uhr (Zitieren)
Eine Frau ohne Ehre soll sterben, wenn nicht freiwillig, wird nachgeholfen. Genau das ist noch heute die Mentalität der Kultur der Ehrenmorde.

Es ist kein Affekt, wie er durch die psychische Verletzung eines (ggf. ehemaligen) Partners ausgelöst wird, sondern kaltblütig Gesetz.

Heutige Ehrenmorde nach solchem vorsinnflutlichem ungeschriebenen Gesetz werden als Affekttaten verharmlost



Re: Der Fall Lucretia #2
βροχή schrieb am 12.07.2026 um 06:39 Uhr (Zitieren)
Der Unterschied: der Affekttäter hat ein Unrechtsbewusstsein.
Der Ehrenmörder gehorcht einem für ihn höher als die juristischen Gesetze stehenden Gesetz, unabhängig von seinen Emotionen. Er tötet auch, wenn er keine unerträgliche psychische Verletzung erlitten hat, sogar wenn er Mitleid mit dem Opfer verspürt (Vater, Bruder).
Re: Der Fall Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 12.07.2026 um 11:03 Uhr (Zitieren)
Einen Ehrenmord kenne ich nicht aus der römischen Tradition; und im Falle der Lucretia versuchen die Angehörigen, sie von der Selbsttötung abzuhalten: Sie sprechen sie frei von Schuld.
Re: Der Fall Lucretia #2
Quoth schrieb am 12.07.2026 um 11:38 Uhr (Zitieren)
Zitat von Γραικύλος am 12.7.26, 0:09Die Quelle bei Augustinus müßte "De civitate Dei" I 19 sein.

... so verschiebt sich die Interpretation bei dem Kirchenvater Augustinus. Dieser lehnt Lucretias Begründung für den Selbstmord ab und unterstellt Lucretia im Zusammenhang mit seiner entschiedenen Verurteilung des Selbstmordes eine Mitschuld sowie ein Motiv. So soll sie insgeheim an der Vergewaltigung Gefallen gefunden haben. Daraufhin soll sie, von Scham befallen, den Selbstmord zur Vertuschung gewählt haben.
https://de.wikipedia.org/wiki/Lucretia
Lässt sich das für einen Blick ins Original bestätigen?
Re: Der Fall Lucretia #2
Quoth schrieb am 12.07.2026 um 11:40 Uhr (Zitieren)
Korr.: für > durch
Re: Der Fall Lucretia #2
βροχή schrieb am 12.07.2026 um 14:05 Uhr (Zitieren)
@und im Falle der Lucretia versuchen die Angehörigen, sie von der Selbsttötung abzuhalten

... das Zitat zeigt doch, dass sie einen gesellschaftlichen Codex verinnerlicht hat. Dieser Codex ist so strikt, dass die Besitzer der Frau, die Tötung noch nicht einmal selbst vollziehen müssen.

In Indien begehen noch heute Witwen Selbstmord, und falls sie es verweigern, passiert ein tragischer Unfall mit dem Herd.

Suizid ist nicht immer der freie Wille des Opfers.

Re: Der Fall Lucretia #2
βροχή schrieb am 12.07.2026 um 14:07 Uhr (Zitieren)
Sry. unklarer Bezug, ich meine das Zitat von Lucretia sh. 12.07.2026 um 06:22 Uhr

Re: Der Fall Lucretia #2
βροχή schrieb am 12.07.2026 um 14:12 Uhr (Zitieren)
. Interpretation bei dem Kirchenvater Augustinus. Dieser lehnt Lucretias Begründung für den Selbstmord ab und unterstellt Lucretia im Zusammenhang mit seiner entschiedenen Verurteilung des Selbstmordes eine Mitschuld sowie ein Motiv.


... auch er benutzt sie mur, wenn auch für andere Zwecke. Schuld am Selbstmord sind jene, die ihr den damaligen Ehrenkodex alternativlos einimpften.







Re: Der Fall Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 12.07.2026 um 15:02 Uhr (Zitieren)
Was kann man bei einer weitgehend legendenhaften Frau, deren Details/Motive zudem von Männern überliefert worden sind, über die 'tatsächlichen' Motive sagen?
Insgesamt wird hier sicherlich von Männern ein Welt- und Wertebild propagiert.

Da setzt der Augustinus (muß ich noch nachschauen) möglicherweise den Punkt aufs "i".

Wenn Männer zu wissen behaupten, was Frauen bewegt, ist Vorsicht angesagt (et vice versa).
Re: Der Fall Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 12.07.2026 um 15:24 Uhr (Zitieren)
Augustinus bringt das I 19 als Frage, als Möglichkeit ins Spiel, daß Lucretia "dem jungen Mann, der in sie eindrang, insgeheim zustimmte" und deshalb später sich selbst eine Mitschuld gegeben hat - mit dem Zusatz: "nur sie selbst konnte das wissen".

Dies ohne näheren Anhaltspunkt vorzutragen, ist dennoch nicht frei von Infamie.
Re: Der Fall Lucretia #2
βροχή schrieb am 12.07.2026 um 16:32 Uhr (Zitieren)


Im Zitat (12.07.2026 um 06:22 Uhr)
spricht Lucretia selbst. Sie bekennt sich als unschuldig, will aber dennoch bestraft werden, wg. der Ehre.

Was ich schrieb bezieht sich darauf. Sie fühlt sich nicht schuldig, sondern entehrt.



Re: Der Fall Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 12.07.2026 um 16:39 Uhr (Zitieren)
Im Zitat (12.07.2026 um 06:22 Uhr)
spricht Lucretia selbst.

Mit der Einschränkung, daß es ein Mann ist (Livius), der ihr dies in den Mund legt; und Reden bei antiken Historikern sind in aller Regel fingiert.
Inwieweit Lucretia überhaupt eine reale historische Person war, ist sehr fraglich.
Re: Der Fall Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 12.07.2026 um 18:18 Uhr (Zitieren)
Was Augustinus an Lucretia ablehnt, ist ihr Suizid. Er ist ja derjenige, welcher die Verurteilung des "Selbstmordes" in die christliche Religion eingeführt hat.
Re: Der Fall Lucretia #2
Γραικύλος schrieb am 12.07.2026 um 18:22 Uhr (Zitieren)
De civitate Dei I 20: Das fünfte Gebot untersagt auch den Selbstmord.
Re: Der Fall Lucretia #2
βροχή schrieb am 12.07.2026 um 21:10 Uhr (Zitieren)
.sind in aller Regel fingiert.
Inwieweit Lucretia überhaupt eine reale historische Person war, ist sehr fraglich.


Dann hoffe ich doch sehr, dass sie fiktiv ist. Einer Frau aus fleischundblut wünsche ich ihre Erlebnisse nicht.
Aber, natürlich ist auch das Wunschdenken, meines. Mit anderem Vorzeichen gepolt, als das der fingierenden antiken Männer.



 
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