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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Träume von gemeinsamem Leiden (74 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 10.07.2026 um 10:01 Uhr (Zitieren)
Artemidoros, Das Traumbuch III 51:
Πάσχειν δὲ δοκεῖν τὰ αὐτὰ ἄλλῳ ᾡτινοῦν γνωρίμῳ, οἷον τὸν αὐτὸν πόδα ἢ τὴν αὐτὴν χεῖρα ἢ ἄλλο τι μέρος τοῦ σώματος τὸ αὐτὸ πάσχειν καὶ ὅλως συννοσεῖν ἢ συναλγεῖν, κοινωνῆσαι σημαίνει τῶν ἁμαρτημάτων ἐκείνῳ.

Träumt man dieselben Leiden wie irgendein Bekannter auszustehen, z.B. an demselben Fuß, an derselben Hand oder an einem anderen Körperteil, oder überhaupt dieselbe Krankheit oder dieselben Schmerzen zu haben, so wird man sich dieselben Verfehlungen zuschulden kommen lassen wie jener.

Es gleichen nämlich die körperlichen Krankheiten und einzelnen Gebrechen den Zügellosigkeiten und unvernünftigen Leidenschaften der Seele, und wer dieselben Leiden hat, begeht ganz natürlich dieselben Verfehlungen [ὁ δὲ τὰ αὐτὰ πάσχων εἰκότως ἂν συνεξαμαρτάνοι].

Ich kenne jemand, der auf dem rechten Fuß lahmte und dem es träumte, sein Haussklave [οἰκέτης] sei an demselben Fuß gelähmt und hinke genauso wie er. Er ertappte ihn bei seiner Geliebten, für die er selbst Feuer und Flamme war. Und das war es, was ihm das Traumgesicht prophezeite, daß sein Sklave dieselbe Schwäche wie er selbst habe.

Re: Träume von gemeinsamem Leiden
Patroklos schrieb am 10.07.2026 um 14:30 Uhr (Zitieren)
Den ersten Absatz hätte Freud kaum schöner ausdrücken können.
Re: Träume von gemeinsamem Leiden
βροχή schrieb am 10.07.2026 um 14:53 Uhr (Zitieren)

... und wenn es kein Traum ist, sondern wirklich passiert?

jmd. verletzt sich durch eigenes Ungeschick einen Fuß.
Direkt am nächsten Tag verletzt sich der Partner durch Ungeschick seinen Fuß fast genau gleich.

Re: Träume von gemeinsamem Leiden
Patroklos schrieb am 10.07.2026 um 15:43 Uhr (Zitieren)
Sehr brave Parallele.
Für Freuds Freude an der Sexualität habe ich eine These (Erklärung?), die freilich unter uns bleiben sollte.
Freuds Vater war in dritter Ehe verheiratet, als Sigmund 1856 geboren wurde. Zur Zeit der sigmundschen Pubertät war seine Mutter, Amalia, Mitte 30 (geb. 1835). Freud hatte zwei Halbbrüder aus der ersten Ehe des Vaters, die etwa 20 Jahre älter waren als Sigmund. Amalia war 20 Jahre jünger als ihr Mann (geb. 1815).
Re: Träume von gemeinsamem Leiden
βροχή schrieb am 10.07.2026 um 15:52 Uhr (Zitieren)

... mit Freud kenne ich mich nicht so gut aus. Ehrlich gesagt, ich mag ihn nicht besonders.

Diese Sache mit den Füßen kann kaum auf Freud fußen, weil es nicht mental sondern real ist.

Re: Träume von gemeinsamem Leiden
info schrieb am 10.07.2026 um 17:08 Uhr (Zitieren)
Interpretation aus Sicht der verschiedenen modernen psychologischen Schulen:

Klassische Psychoanalyse (Freud’sche Sicht)

Sigmund Freud würde diesen Traum als klassisches Beispiel für Wunscherfüllung, Projektion und Verschiebung betrachten.

Das gemeinsame Hinken: In der Psychoanalyse symbolisieren körperliche Gebrechen oder Schwächen in Träumen oft moralische, psychologische oder sexuelle Unzulänglichkeiten. Der Träumende ist sich seiner eigenen Schwäche (seiner verzehrenden Leidenschaft für die Geliebte) bewusst.

Verschiebung: Der Träumende kann seine eigene Verletzlichkeit oder den Kontrollverlust bezüglich dieser Frau rational schwer akzeptieren. Um diese Angst zu bewältigen, verlagert (verschiebt) das Unterbewusstsein das Gebrechen auf den Haussklaven.

Projektion: Indem er träumt, dass der Sklave genauso lahmt wie er selbst, sagt sein Unterbewusstsein: „Ich bin nicht der Einzige, der bei dieser Frau schwach wird; er ist genau wie ich.“ Der Traum bringt einen tief vergrabenen Verdacht an die Oberfläche oder spiegelt den unbewussten Wunsch wider, den Sklaven auf frischer Tat zu ertappen, um die eigene obsessive Leidenschaft zu relativieren.

Analytische Psychologie (Jung’sche Sicht)

Carl Jung würde den Traum über die Konzepte des Schattens und der Identifikation erklären.

Der Sklave als Schatten: In der Jung’schen Analyse repräsentieren Traumfiguren oft Anteile der eigenen Psyche und weniger die realen Personen. Ein Diener oder Sklave symbolisiert häufig die niederen, triebhaften oder verdrängten Anteile des Selbst – den sogenannten Schatten.

Der psychologische Spiegel: Das identische Hinken signalisiert eine absolute psychologische Identifikation zwischen dem Herrn und dem Sklaven. Die Psyche des Träumenden nutzt das Bild des Sklaven, um ihm vor Augen zu führen: Trotz deines höheren sozialen Status reduzieren dich deine unkontrollierten Leidenschaften auf genau dieselbe Stufe wie deinen Diener. Der Traum ist ein Kompensationsmechanismus, der dem Ego des Träumenden Selbsterkenntnis bringen will: „Sieh hin, was dich beherrscht.“

Kognitive und Evolutionäre Psychologie

Moderne Kognitionspsychologen betrachten Träume als eine Art und Weise, wie das Gehirn soziale Dynamiken, Bedrohungen und Ängste im Schlaf verarbeitet (oft als Bedrohungssimulationstheorie bezeichnet).

Erkennung sozialer Bedrohungen: Der Träumende ist Feuer und Flamme für die Frau. In einem gemeinsamen Haushalt stellt eine solche Konstellation eine Zone starker Konkurrenz dar. Das Gehirn des Träumenden hat im Wachzustand höchstwahrscheinlich subtile Hinweise, Blicke oder minimale Verhaltensänderungen des Sklaven wahrgenommen, die das Bewusstsein tagsüber ignoriert hat.

Konsolidierung: Im REM-Schlaf hat das Gehirn diese unbewussten Reize verarbeitet, die potenzielle romantische Bedrohung erkannt und in eine Metapher verpackt: Der Sklave teilt deine Schwachstelle. Die „Prophezeiung“ war also keine Mystik, sondern eine hochpräzise, unbewusste Berechnung des Gehirns basierend auf realen Beobachtungen.

Fazit:
Während Artemidor glaubte, der Traum sage voraus, dass der Sklave die Schwäche des Herrn teilt, folgert die moderne Psychologie: Der Träumende wusste längst, dass sie dieselbe Schwäche teilen, und sein Gehirn hat diese verdrängte Realität im Schlaf sichtbar gemacht.
Re: Träume von gemeinsamem Leiden
Patroklos schrieb am 10.07.2026 um 17:47 Uhr (Zitieren)
Brevity is the source of wit.
Re: Träume von gemeinsamem Leiden
βροχή schrieb am 10.07.2026 um 18:07 Uhr (Zitieren)

... soul of wit?


Re: Träume von gemeinsamem Leiden
Patroklos schrieb am 10.07.2026 um 18:11 Uhr (Zitieren)
Ja, wohl auch, bzw. ursprünglich. The SOURCE is Shakespeare.
Re: Träume von gemeinsamem Leiden
βροχή schrieb am 10.07.2026 um 21:24 Uhr (Zitieren)
... genau, er prägte das Sprichwort :)

 
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