Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Die dicke Luft Böotiens (139 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 18.05.2026 um 00:22 Uhr (
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An einen Sittlichkeitsapostel
Die dicke Luft Böotiens weht im Hause;
Verschlafen glotzt so mancher Kunstbanause,
Indes die Redner nacheinander wühlen
In sogenannten Sittlichkeitsgefühlen:
O welch ein Reichtum von Charakterstrenge
Verbarg sich doch in dieser bunten Menge!
Schaut euren Tugendhelden an, ihr Wähler!
Er ist nur heimlich unkeusch, wie Pennäler,
Bei Tag errötet er vor einem Kaktus,
Schimpft wie ein Rohrspatz über jenen Aktus,
Womit der Herr Papa sich einst erletzte,
Und leider Gottes ihn ans Licht versetzte –
Wie so ein Bursche sich doch nur gebärdet,
Weil sein entzündlich Blut er meint gefährdet!
Und weil der Trottel sieht an Milos Venus
Den Marmor nicht, nur hint‘ und vorn‘ das Genus
Will andern er den Anblick frech verwehren.
Geh in ein Kloster, Hänfling! Laß dich scheren!
Und such im alten Testament die Beize,
Die du trotz allem Schimpfen liebst. – Uns laß die Reize,
Die wir in Werken uns’rer Dichter suchen,
Wir, die nicht Pfaffen sind und nicht Eunuchen.
Du magst auf deine Art in Büchern schnüffeln,
Das Schwein sucht Rosen nicht, es sucht nach Trüffeln.
Peter Schlemihl, 1899
[Facsimile Querschnitt durch den Simplicissimus. Hrsg. v. Christian Schütze. München/Bern/Wien 1963, S. 57]
Zum Hintergrund: Spott auf eine von dem Reichstagsabgeordneten Heinze eingebrachte Gesetzesvorlage zur Bekämpfung der Unsittlichkeit, die offenbar auch durch die antike Kunst droht.
Peter Schlemihl = Ludwig Thoma
Re: Die dicke Luft Böotiens
Γραικύλος schrieb am 18.05.2026 um 11:00 Uhr (
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Falls jemand weiß, worauf "die dicke Luft Böotiens" anspielt - ich weiß es nicht.
Re: Die dicke Luft Böotiens
Bukolos schrieb am 18.05.2026 um 11:46 Uhr (
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Bis in die erste Hälfte des 20. Jhs. verwendete man die Bezeichnung
Böotier für unkultivierte, schwerfällige Menschen.
www.woerterbuchnetz.de/DWB2/BÖOTIER
Vgl. dazu Plutarch (
De esu carnium 995e):
τοὺς γὰρ Βοιωτοὺς ἡμᾶς οἱ Ἀττικοὶ καὶ παχεῖς καὶ ἀναισθήτους καὶ ἠλιθίους μάλιστα διὰ τὰς ἀδηφαγίας προσηγόρευον. «Οὗτοι δ' αὖ σῦς» καὶ ὁ Μένανδρος «οἳ γνάθους ἔχουσι», καὶ ὁ Πίνδαρος (Ol. 6, 88) «γνῶναί τ' ἔπειτα <ἀρχαῖον ὄνειδος ἀλαθέσιν | λόγοις εἰ φεύγομεν, Βοιωτίαν ὗν.>»
Uns Böotier nannten die Athener vorzugsweise wegen ihrer [recte: unserer] Gefräßigkeit Dickbäuche und Dummköpfe. <Kratinus sagte von ihnen :> Das sind die Schweine <von Böotien>; und Menander: Die mit den großen Kinnbacken; sogar Pindar: "Erkennen sollen sie, <ob wir dem alten Schimpf 'böotisches Schwein' entgehen.>" (Übers. C. F. Schnitzer) Re: Die dicke Luft Böotiens
Patroklos schrieb am 18.05.2026 um 12:22 Uhr (
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Ludwig Thoma verdanken wir immerhin die stilbildenden Briefe des Jozef Filser (Briefwexel)).
Re: Die dicke Luft Böotiens
Γραικύλος schrieb am 18.05.2026 um 14:24 Uhr (
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Danke für die Auskunft zu den Böotiern ... und den Hinweis auf den Briefwexel.
Re: Die dicke Luft Böotiens
Γραικύλος schrieb am 18.05.2026 um 17:43 Uhr (
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Ich hoffe, hieran hatten außer mir auch andere, "die nicht Pfaffen sind und nicht Eunuchen", ihren Spaß.