Eine Satire auf die Ausrottung der Juden #7 (234 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 27.04.2026 um 23:51 Uhr (Zitieren)
Fortsetzung des Kladderadatsch-Artikels aus dem Jahre 1875:
(Facsimile Querschnitt – Kladderadatsch. Hrsg. v. Liesel Hartenstein. Bern o.J., S. 110)
(10) Friedrich Julius Stahl (gest. 1861), jüdischer, aber getaufter Rechtsphilo-soph, Jurist und Politiker
(11) jüdischer, ebenfalls getaufter Journalist, Theologe und Schriftsteller; er betätigte sich in der judenchristlichen Mission.
(12) Abgeordneter der radikalen Linken
Ein Text, dessen Wiedervorstellung hier eigentlich nur einen Erkenntniswert hat: Auch die so gern zur "guten alten Zeit" romantisierte Epoche von Reichsgründung bis Weltkrieg hat es als solche nie gegeben, sie war bereits mit dem vergiftet, was unser Leben noch heute überschattet. Warum konnte man sich nicht an die Liberalität von Voß in seiner "Luise" halten:
Re: Eine Satire auf die Ausrottung der Juden #7
Γραικύλος schrieb am 03.05.2026 um 11:09 Uhr (Zitieren)
Daß das letzte Viertel des 19. Jhdts. von einer sich verschärfenden Judenfeindschaft geprägt war, die sich nun nicht mehr nur gegen die Religion, die man wechseln kann (Antijudaismus), richtete, sondern gegen die Rasse, die man nicht wechseln kann (Antisemitismus), das war mir bekannt.
Gelernt habe ich an diesem Text zweierlei:
1. Man konnte damals schon den Gedanken denken, die Juden auszurotten - ein Gedanke, den nicht einmal die Nazis von Anfang an hatten, sondern erst seit Kriegsbeginn, als die Option der erzwungenen Auswanderung/Vertreibung ausfiel.
2. Dieser Text ist ein Beispiel dafür, daß manche weder die Juden noch die Antisemiten mochten - ein Phänomen, das ich bis dahin nur von Nietzsche kannte.
Re: Eine Satire auf die Ausrottung der Juden #7
βροχή schrieb am 03.05.2026 um 12:38 Uhr (Zitieren)
... aus der Rubrik „Man liebt den Verrat, aber nicht den Verräter“ (Cäsar)
Re: Eine Satire auf die Ausrottung der Juden #7
Γραικύλος schrieb am 03.05.2026 um 13:37 Uhr (Zitieren)
Ich kann es nur vermuten. Bei Nietzsche habe ich den Eindruck, daß er "den Juden" vorgeworfen hat, eine verhängnisvolle, "lebensfeindliche" Priesterreligion eingeführt und an das Christentum weitergegeben zu haben (vgl. "Zur Genealogie der Moral"), während er den rassistischen Antisemiten (u.a. seiner Schwester) schlicht Dummheit, intelektuelle Defizite vorgehalten hat.
Aber bei Nietzsche weiß man nie so ganz sicher, was er meint, zumal er sich nicht gerne auf einen Standpunkt festlegen läßt.
Re: Eine Satire auf die Ausrottung der Juden #7
Γραικύλος schrieb am 03.05.2026 um 13:43 Uhr (Zitieren)
Vom "Willen zur Macht" her gedacht, ist eine Priesterreligion eine solche, die durch Einfluß auf die Psyche, das Gewissen Macht über Gläubige zu erringen sucht, wobei die zentrale Idee in der Erfindung der Sünde besteht, also einem Verstoß gegen Gottes Willen, über dessen Interpretation und Schadensbehebung die Priester verfügen.
Gegenüber der heidnischen Antike erscheint mir das in der Tat als etwas Neues.
Re: Eine Satire auf die Ausrottung der Juden #7
Bukolos schrieb am 03.05.2026 um 13:53 Uhr (Zitieren)
Unter uns an den antiken Kulturen Interessierten darf in dem Zusammenhang auf die positive Rolle hingewiesen werden, die Mommsen im Berliner Antisemitismusstreit gespielt hat.
Das Zitat übrigens wird in antiken Quellen Augustus (der von seinem Adoptivvater das Cognomen Caesar übernommen hatte) zugeschrieben.
Re: Eine Satire auf die Ausrottung der Juden #7
Γραικύλος schrieb am 03.05.2026 um 14:37 Uhr (Zitieren)
Ich finde das Zitat bei Plutarch, Romulus 17 - in der Tat auf Caesar Augustus bezogen.
Gedenken wir Th. Mommsens.
Daß er über das Christentum gesagt hat: "Es war eben eine plebejische Religion, und so war auch ihr Stil plebejisch." (Vorlesung Römische Kaisergeschichte, WS 1885/86 und SS 1886 [Mitschrift Sebastian Hensel], zeigt gleichwohl, daß er ein aristokratisches Empfinden hatte: Sie schreiben schlecht, diese Christen.
Re: Eine Satire auf die Ausrottung der Juden #7
βροχή schrieb am 03.05.2026 um 16:17 Uhr (Zitieren)
Mommsen beteiligte sich an einer Gegenbewegung zum Antisemitismus
Γραικύλος schrieb am 03.05.2026 um 16:47 Uhr (Zitieren)
Was soll man dazu sagen? Es ist nicht besser geworden.
Re: Eine Satire auf die Ausrottung der Juden #7
Γραικύλος schrieb am 03.05.2026 um 17:01 Uhr (Zitieren)
Wenn sich jemand einmal von der Einsicht, daß er sich irren könnte, verabschiedet hat, gibt es nichts mehr zu diskutieren. Dann ist jedes Argument verschwendet.