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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Eine Satire auf die Ausrottung der Juden #7 (234 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 27.04.2026 um 23:51 Uhr (Zitieren)
Fortsetzung des Kladderadatsch-Artikels aus dem Jahre 1875:
Das Judenthum war in der Presse, im Handel und Wandel, in der Börse und im Leben vernichtet worden. Auch getaufte Juden waren der Verfolgung nicht entgangen. Stahls (10) Asche war ausgegraben und in alle Winde zerstreut worden; Paulus Cassel (11) hatte zu Schiff nach England fliehen müssen. Vieles hatte sich in Deutschland verändert. Hamburg zählte nur noch 500 Einwohner, und überall lag der Hasenfellhandel gänzlich danieder.

Nun kam der Tag, an welchem die Führer der Altfeudalen die Führer der Ultramontanen aufforderten, ihnen die Hälfte der ungeheuren Beute abzuliefern. „Hier!“ – war die Antwort, begleitet von der Uebergabe eines verdächtigen Markstücks, eines zweifelhaften Theelöffels und eines offenbar unächten Streichholzdöschens.
„Und das Andre?“ – brüllten die Feudalen.
„Liegt im Schooß der allerheiligsten Kirche!“ – war die mit kühler Salbung gegebene Antwort.

Ein peinlicher Streit zwischen den Anstiftern der Verfolgung drohte sich zu entspinnen, als eine furchtbare Stimme mit den Worten: „Mein ist das Geld und mir gehört es zu!“ – dazwischen donnerte. Zugleich glänzte alles von rothen Fahnen. Es war – wer hätte es nicht schon errathen? – Hasselmann (12), welcher mit 700,000 Knüttelträgern und 77,777 Petroleusen auftrat, um das Ergebniß des Ganzen mit freundlicher Gewalt einzuheimsen.

Die Schilderung des letzten Acts der Tragödie, der mit dem Eingreifen Hasselmanns beginnt, wollen unsere Leser uns vorläufig noch gütigst erlassen.

(Facsimile Querschnitt – Kladderadatsch. Hrsg. v. Liesel Hartenstein. Bern o.J., S. 110)

(10) Friedrich Julius Stahl (gest. 1861), jüdischer, aber getaufter Rechtsphilo-soph, Jurist und Politiker
(11) jüdischer, ebenfalls getaufter Journalist, Theologe und Schriftsteller; er betätigte sich in der judenchristlichen Mission.
(12) Abgeordneter der radikalen Linken

Re: Eine Satire auf die Ausrottung der Juden #7
Quoth schrieb am 02.05.2026 um 22:13 Uhr (Zitieren)
Ein Text, dessen Wiedervorstellung hier eigentlich nur einen Erkenntniswert hat: Auch die so gern zur "guten alten Zeit" romantisierte Epoche von Reichsgründung bis Weltkrieg hat es als solche nie gegeben, sie war bereits mit dem vergiftet, was unser Leben noch heute überschattet. Warum konnte man sich nicht an die Liberalität von Voß in seiner "Luise" halten:
O Himmelswonne! Wir freun uns.
Alle, die Gutes gethan nach Kraft und redlicher Einsicht,
Und zu höherer Kraft vorleuchteten; freun uns mit Petrus
Moses, Konfuz und Homer, dem liebenden, und Zoroaster,
Und, der für Wahrheit starb, mit Sokrates, auch mit dem edlen
Mendelsohn! Der hätte den Göttlichen nimmer gekreuzigt!

Re: Eine Satire auf die Ausrottung der Juden #7
Γραικύλος schrieb am 03.05.2026 um 11:09 Uhr (Zitieren)
Daß das letzte Viertel des 19. Jhdts. von einer sich verschärfenden Judenfeindschaft geprägt war, die sich nun nicht mehr nur gegen die Religion, die man wechseln kann (Antijudaismus), richtete, sondern gegen die Rasse, die man nicht wechseln kann (Antisemitismus), das war mir bekannt.

Gelernt habe ich an diesem Text zweierlei:

1. Man konnte damals schon den Gedanken denken, die Juden auszurotten - ein Gedanke, den nicht einmal die Nazis von Anfang an hatten, sondern erst seit Kriegsbeginn, als die Option der erzwungenen Auswanderung/Vertreibung ausfiel.

2. Dieser Text ist ein Beispiel dafür, daß manche weder die Juden noch die Antisemiten mochten - ein Phänomen, das ich bis dahin nur von Nietzsche kannte.
Re: Eine Satire auf die Ausrottung der Juden #7
βροχή schrieb am 03.05.2026 um 12:38 Uhr (Zitieren)
daß manche weder die Juden noch die Antisemiten mochten - ein Phänomen ....


... aus der Rubrik „Man liebt den Verrat, aber nicht den Verräter“ (Cäsar)
Re: Eine Satire auf die Ausrottung der Juden #7
Γραικύλος schrieb am 03.05.2026 um 13:37 Uhr (Zitieren)
Ich kann es nur vermuten. Bei Nietzsche habe ich den Eindruck, daß er "den Juden" vorgeworfen hat, eine verhängnisvolle, "lebensfeindliche" Priesterreligion eingeführt und an das Christentum weitergegeben zu haben (vgl. "Zur Genealogie der Moral"), während er den rassistischen Antisemiten (u.a. seiner Schwester) schlicht Dummheit, intelektuelle Defizite vorgehalten hat.

Aber bei Nietzsche weiß man nie so ganz sicher, was er meint, zumal er sich nicht gerne auf einen Standpunkt festlegen läßt.
Re: Eine Satire auf die Ausrottung der Juden #7
Γραικύλος schrieb am 03.05.2026 um 13:43 Uhr (Zitieren)
Vom "Willen zur Macht" her gedacht, ist eine Priesterreligion eine solche, die durch Einfluß auf die Psyche, das Gewissen Macht über Gläubige zu erringen sucht, wobei die zentrale Idee in der Erfindung der Sünde besteht, also einem Verstoß gegen Gottes Willen, über dessen Interpretation und Schadensbehebung die Priester verfügen.

Gegenüber der heidnischen Antike erscheint mir das in der Tat als etwas Neues.
Re: Eine Satire auf die Ausrottung der Juden #7
Bukolos schrieb am 03.05.2026 um 13:53 Uhr (Zitieren)
Unter uns an den antiken Kulturen Interessierten darf in dem Zusammenhang auf die positive Rolle hingewiesen werden, die Mommsen im Berliner Antisemitismusstreit gespielt hat.

Das Zitat übrigens wird in antiken Quellen Augustus (der von seinem Adoptivvater das Cognomen Caesar übernommen hatte) zugeschrieben.
Re: Eine Satire auf die Ausrottung der Juden #7
Γραικύλος schrieb am 03.05.2026 um 14:37 Uhr (Zitieren)
Ich finde das Zitat bei Plutarch, Romulus 17 - in der Tat auf Caesar Augustus bezogen.

Gedenken wir Th. Mommsens.

Daß er über das Christentum gesagt hat: "Es war eben eine plebejische Religion, und so war auch ihr Stil plebejisch." (Vorlesung Römische Kaisergeschichte, WS 1885/86 und SS 1886 [Mitschrift Sebastian Hensel], zeigt gleichwohl, daß er ein aristokratisches Empfinden hatte: Sie schreiben schlecht, diese Christen.
Re: Eine Satire auf die Ausrottung der Juden #7
βροχή schrieb am 03.05.2026 um 16:17 Uhr (Zitieren)
Mommsen beteiligte sich an einer Gegenbewegung zum Antisemitismus

https://de.wikipedia.org/wiki/Verein_zur_Abwehr_des_Antisemitismus

Es waren damals nicht alle Antisemiten.

Re: Eine Satire auf die Ausrottung der Juden #7
Γραικύλος schrieb am 03.05.2026 um 16:47 Uhr (Zitieren)
Allerdings musste der Mitinitiator des Vereins Theodor Mommsen schon 1894 resigniert feststellen, dass den Antisemiten mit Vernunftargumenten nicht beizukommen war:[7]

„Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, daß man da überhaupt mit Vernunft etwas machen kann. Ich habe das früher auch gemeint und immer wieder gegen die ungeheure Schmach protestiert, welche Antisemitismus heißt. Aber es nutzt nichts. Es ist alles umsonst. Was ich Ihnen sagen könnte, was man überhaupt in dieser Sache sagen kann, das sind doch immer nur Gründe, logische und sittliche Argumente. Darauf hört doch kein Antisemit. Die hören nur auf den eigenen Haß und den eigenen Neid, auf die schändlichen Instinkte. Alles andere ist ihnen gleich.“

Was soll man dazu sagen? Es ist nicht besser geworden.
Re: Eine Satire auf die Ausrottung der Juden #7
Γραικύλος schrieb am 03.05.2026 um 17:01 Uhr (Zitieren)
Wenn sich jemand einmal von der Einsicht, daß er sich irren könnte, verabschiedet hat, gibt es nichts mehr zu diskutieren. Dann ist jedes Argument verschwendet.
 
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