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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Bismarck in Hexametern #2 (186 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 23.04.2026 um 14:31 Uhr (Zitieren)
Freundlich nickte der Fürst; dem geglätteten Kasten enthob drauf
Jener ein zierliches Rohr, dem ähnlich, welches der schwer nur
Hörende Sterbliche braucht, die zerflatternden Töne zu sammeln,
Knüpfte das Ende des Drahtes daran und reicht‘ es dem Fürsten.
Dieser erhob es zum Ohr und lauschte gespannt in die Mündung.
Heller und heller erschien sein Gesicht, dann sprach er mit Lachen:
„Wirklich, es geht! Wer hätte gedacht, im friedlichen Pommern
Je zu vernehmen die Rufer im Streit in dem Saale des Landtags?
Wirr erst klang es, wie Brausen des Meers, wenn der herbstliche Nordwind
Drängt ans Gestade der Flut; doch deutlicher werden die Töne.
Jetzo erkenn‘ ich das scharfe Organ – fürwahr es ist Windthorst (3)!
Ueber den Nothzustand und die gräuliche Kirchenverfolgung
Spricht er, natürlich voll Ernst; dazwischen ertönen des Lachens
Schallende Salven, erquicklich dem Ohre des gläubigen Witzbolds!
Jetzt bricht er ab, ein Andrer versetzt mir den Draht schon in Schwingung.
Das muß Schorlemer sein! Haha, da tönt schon die Glocke
Gellend dazwischen, ernst redet ihm zu der verständige Rudolf.
Jetzt noch Lasker sogar? Hilf Himmel, das wird mir bedenklich!
Zwei Minuten noch setz‘ ich daran, dann schließ‘ ich für heute;
Lasker ist brav, doch ergeht er sich oft in bedenklicher Länge.
Doch was ist das? Wo will er hinaus? Er rückt mir den Welfen-
Fonds (4) auf den Leib? Längst könne der Staat schon seiner entrathen,
Lauter ertöne die Stimme des Landes, es könne nicht ferner
Mehr so bleiben; gefährdet schon sei die Moral der Regierung!
Sicherheit müsse man haben, daß nicht – er spreche im Namen
Seiner Partei! --- Ich danke, ihr Herrn, für diese Erfindung,
Welche die friedlichen Tage mir stört des erquicklichen Urlaubs!“

Sprach’s und warf auf den Boden mit Macht die gedrechselte Röhre,
Daß sie zerbarst, und in Wimmern erstarb die gediegene Rede.
Zornig bäumte sich auf das dreigetheilte Vermächtniß,
Welches das scheidende Haar auf dem mächtigen Haupte zurückließ; (5)
Aber wie Donnergepolter ertönt‘ es unter dem Schnauzbart:
„Packen Sie ein, meine Herrn, und sagen Sie Stephan, ich danke,
Danke recht sehr für das Ding! Adieu, und glückliche Reise!“ –

Zagend enteilten dem hohen Gemach die verdrießlichen Männer,
Die mit dem Fernhinsprecher gesandt der erfindende Stephan.
Aber der Kanzler ergriff voll Unmuths wieder die Pfeife;
Mächtige Wolken verstreut‘ er ringsum, draus blickt‘ er hernieder,
Wie von dem Haupt des Olymps der Gebieter der Götter und Menschen,
Wenn aus dem dunklen Gewölk er die zündenden Blitze versendet.

(Facsimile Querschnitt – Kladderadatsch. Hrsg. v. Liesel Hartenstein. Bern o.J., S. 117)

(3) Führer der katholischen Zentrumspartei in der Zeit des Kulturkampfes
(4) Aus dem beschlagnahmten Vermögen der hannoverschen Welfen hatte Bismarck einen Reptilienfonds gebildet.
(5) Der Kladderadatsch karikierte Bismarck stets mit drei einzelnen Haaren auf der ansonsten kahlen Stirn.

Re: Bismarck in Hexametern #2
Patroklos schrieb am 23.04.2026 um 15:17 Uhr (Zitieren)
Heinrich von Stephan:
Am 26. Oktober 1877 ließ er erste Fernsprechversuche in Berlin zwischen dem Generalpostamt und dem Generaltelegrafenamt durchführen. Dieses Datum gilt als Geburtstag der Telefonie in Deutschland.
Bismarck lauscht einer Debatte im Reichstag. Wann, von wo aus; falls eine tatsächliche Debatte gemeint ist. Bismarck ist auch abwesend anwesend….
Re: Bismarck in Hexametern #2
Γραικύλος schrieb am 23.04.2026 um 15:46 Uhr (Zitieren)
Zumindest in der Fiktion hört Bismarck von Varzin aus zu. Übrigens einer Debatte im (preußischen) Landtag. (s. #1)
Beachtenswert erscheint mit auch v. Stephans Sprachpurismus, dem wir u.a. den Fern(hin)sprecher verdanken, soweit wir nicht Telephon sagen (s. #1).

Meine Vermutung: Der Kladderadatsch hat sich aktuell zur Einführung der neuen Erfindung eine witzige Situation ausgedacht. In Hexametern.

Das Ergebnis geht in die Richtung von Ambrose Bierce (in seinem "Wörterbuch des Teufels"):
Telephon, subst. neutr.
Eine Erfindung des Teufels, welche die von Gott geschenkte Möglichkeit, sich Menschen vom Leibe zu halten, zum Teil wieder zunichte macht.
Re: Bismarck in Hexametern #2
Patroklos schrieb am 23.04.2026 um 16:03 Uhr (Zitieren)
Könnten wir wg des Termins der Telefon-Verbindung den Reichstag in Erwägung ziehen?
Re: Bismarck in Hexametern #2
Patroklos schrieb am 23.04.2026 um 16:16 Uhr (Zitieren)
Sorry, im Text steht ja Landtag.
Aber komisch ist es schon.
Re: Bismarck in Hexametern #2
Γραικύλος schrieb am 23.04.2026 um 16:45 Uhr (Zitieren)
Ich weiß nicht, ob z.B. Windthorst Mitglied des Reichs- und des Landtages war. Aber "Landtag" steht nunmal im Text.
Re: Bismarck in Hexametern #2
Persephone schrieb am 23.04.2026 um 22:38 Uhr (Zitieren)
Der neobarocke Zirkus Stephan, wie der Spottname für das einstige Dienstgebäude des Generalpostamtes in Berlin mal lautete, beherbergt heute ein sehr interessantes Museum für Kommunikation. Die wahre Stärke der Sammlung, so mein Eindruck bei meinem Besuch, liegt bei Exponaten der Zeit, in der die Verse spielen. Stephan verdanken wir übrigens auch die Ansichtskarte: https://rheinland.museum-digital.de/object/11335
 
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