Γραικύλος schrieb am 22.04.2026 um 13:45 Uhr (Zitieren)
(Ernst Fischer: Bibliophilie. Stuttgart 2025, S. 29)
Re: Diskret wartet das Buch
Γραικύλος schrieb am 22.04.2026 um 13:55 Uhr (Zitieren)
Ein guter Diener ist vor allem eines: diskret. Hingegen unsere elektronischen Helfer, KI eingeschlossen, plaudern alles über uns aus.
Re: Diskret wartet das Buch
Persephone schrieb am 22.04.2026 um 16:29 Uhr (Zitieren)
Das Buch und die physische Bibliothek sind auf ihre eigene Weise geschwätzig. Sie plaudern ungeniert über Besitzverhältnisse und soziale Distinktion; Abnutzungsspuren, Marginalien und beiläufige Einlagen verraten Dauer und Intensität der geistigen Auseinandersetzung. Dass mancher Leser bei der Lektüre gerne Rotwein trank, Raucher war oder seinen Besitz mit Stempeln markierte, erfährt man noch Jahrzehnte nach seinem Tod - zu einem Zeitpunkt, an dem digitale Dateien wahrscheinlich längst gelöscht, überschrieben oder unlesbar geworden sind. Interessen und Weltanschauungen treten durch die Werke selbst, ihre thematische Häufung und ihre Anordnung wie in einer offenliegenden Akte hervor.
Die vermeintliche Diskretion des Analogen ist also keine Eigenschaft des Mediums, sondern das Nebenprodukt einer sozialen Exklusivität der Nutzungspraxis, die durch eine für Laien beherrschbar wirkende Zugangskontrolle geschützt wird. Der diskrete Diener weiß, wann er zu reden, zu schweigen oder zu lügen hat; Bücher hingegen sind passive, ungeschützte Datenexponenten, sobald jemand hinsieht.
Das heißt nicht, dass es keinen Unterschied gäbe. Aber gegen den intimen Verrat an ihrem Besitzer und seinem sozialen wie biographischen Profil ist eine physische Bibliothek zunächst nicht besser gesichert als von einem kundigen Nutzer verschlüsselte Daten auf einem digitalen Textaufbewahrungs- und -präsentationsmedium.
Ein interessantes Buch dennoch in schöner Ausstattung, Leinen mit 2-farbigem Siebdruck, ein bibliophiles Schmuckstück über Bibliophilie für Bibliophile. Aber beim Preis übertreibt der Verlag es mit dem sozioökonomischen Gatekeeping ein wenig.
Re: Diskret wartet das Buch
Γραικύλος schrieb am 22.04.2026 um 16:49 Uhr (Zitieren)
Es stimmt, auch Bücher verraten viel über ihren Besitzer. Aber zumindest zu Lebzeiten hat er das unter Kontrolle: Wem gibt er Einblick in seine Bibliothek? Wem leiht er gar seine Bücher?
Bei Google & Co. hat er nichts unter Kontrolle. Ein Google-Manager sagte einmal: "Wir wissen mehr über Sie als Ihre Mutter!"
Re: Diskret wartet das Buch
Γραικύλος schrieb am 22.04.2026 um 16:56 Uhr (Zitieren)
Das Buch "Bibliophilie" ist übrigens, obgleich großformatig, zu klein gedruckt. Kein angenehmes Leseerlebnis.
Zudem umfaßt der Abschnitt über die Antike nicht mehr als fünf Seiten.
Und der Preis? Tja ...
Doch es erscheinen Bücher, die, ohne Bilder, doppelt so teuer sind.
Fachbücher haben in dieser Hinsicht stark zugelegt.
Re: Diskret wartet das Buch
Γραικύλος schrieb am 22.04.2026 um 17:31 Uhr (Zitieren)
Elke Heidenreich, so habe ich kürzlich gelesen, ist dabei, ihre Tagebücher zu verbrennen. Das kann sie machen. Die Informationen, die sie beim Surfen im Internet hinterlassen hat, liegen außerhalb ihrer Kontrolle.