Γραικύλος schrieb am 20.04.2026 um 23:06 Uhr (Zitieren)
Im Jahre 1874 war Heinrich Schliemanns Werk „Trojanische Altertümer“ erschienen. Darüber spottet der Kladderadatsch:
(Facsimile Querschnitt – Kladderadatsch. Hrsg. v. Liesel Hartenstein. Bern o.J., S. 107)
Re: Die Kröten Trojas
Persephone schrieb am 21.04.2026 um 00:37 Uhr (Zitieren)
Das Original ist irgendwie lustiger, weil unfreiwillig komisch:
(Schliemann, Heinrich: Trojanische Alterthümer. Bericht über die Ausgrabungen in Troja. Leipzig, 1874)
Re: Die Kröten Trojas
βροχή schrieb am 21.04.2026 um 10:44 Uhr (Zitieren)
Wie ist das gemeint, waren das wirklich lebend ausgegrabene Kröten oder damals z.Z. d. Hector lebende bzw. mumifizierte?
Re: Die Kröten Trojas
Persephone schrieb am 21.04.2026 um 13:39 Uhr (Zitieren)
Ich sehe an Schliemanns bizarrer Vermutung, die das Gedicht inspiriert hat, wenig Interpretationsspielraum in dieser Frage. Man würde über tote Kröten nicht sagen, dass sie "3000 Jahre in diesen Tiefen zugebracht haben". Tote "verbringen“ keine Zeit, sie liegen, befinden sich, sind dort eingeschlossen. Auch die Frage, wie sie dorthin gelangt sein könnten, wäre in diesem Fall ziemlich müßig.
Re: Die Kröten Trojas
βροχή schrieb am 21.04.2026 um 13:54 Uhr (Zitieren)
... dann hat er ein Späßchen gemacht.
Re: Die Kröten Trojas
Γραικύλος schrieb am 21.04.2026 um 14:08 Uhr (Zitieren)
Man möchte es zu seiner Ehrenrettung gerne annehmen. Allerdings war nicht Schliemann, sondern der Kladderadatsch für Humor und Witz bekannt.
Ich lache mehr/lieber über gelungene Formulierungen als über die peinliche Ignoranz eines Menschen gegenüber naturwissenschaftlichen Kenntnissen.
Köstlich.
Re: Die Kröten Trojas
βροχή schrieb am 21.04.2026 um 14:56 Uhr (Zitieren)
... der engl. Humor, mit ernster Miene erzählt, nach dem Motto, mal schaun obs einer merkt, dass ich euch bisschen hopps nehme.
Kladderadatsch war Zweitverwerter des jokes.
Re: Die Kröten Trojas
Patroklos schrieb am 21.04.2026 um 16:25 Uhr (Zitieren)
Living entombed animal
Though reports of entombed animals have occurred as recently as the 1980s, scientists have paid little serious attention to the phenomenon since the nineteenth century. During the 1820s, English geologist William Buckland conducted an experiment to see how long a toad could remain alive while encased in stone. He placed toads of different sizes and ages into carved chambers within limestone and sandstone blocks sealed with glass covers, then buried the blocks in his garden. A year later, he dug up the blocks and found that most of the toads were dead and decayed. A few toads that had been in the porous limestone were still living, but the glass had developed cracks which Buckland believed may have admitted small insects.
Re: Die Kröten Trojas
Quoth schrieb am 21.04.2026 um 16:39 Uhr (Zitieren)
Mich erstaunt die Beiläufigkeit, mit der hier der Kladderadatsch den alten wendischen Stammesnamen auf den Mecklenburger Schliemann anwendet - der sein Geld passenderweise ja auch in Russland gemacht hat: Wikipedia
Re: Die Kröten Trojas
Γραικύλος schrieb am 21.04.2026 um 18:45 Uhr (Zitieren)
Diese Kröten Trojas sprechen offenbar mehrere verschiedene Aspekte an.
Ich danke Persephone für die Auffindung des Hintergrundes in Schliemanns Buch. Bis dahin hingen die Kröten des Kladderadatsch für mich etwas in der Luft.
Re: Die Kröten Trojas
Persephone schrieb am 21.04.2026 um 20:03 Uhr (Zitieren)
Die Komik des Originals hat für mich nichts mit Häme über Dummheit oder Unbildung zu tun. Man muss nicht naturwissenschaftlich gebildet sein, um zu wissen, dass Kröten keine drei Jahrtausende überleben. Der Witz liegt nicht im Irrtum, sondern darin, wider besseres Wissen zu irren, weil man von einer Idee so vollständig beseelt ist, dass man das Offensichtliche übergeht. Schliemann will dem Mythos Troja nicht nur durch das Ausgraben der Ruinen nahekommen, sondern leibhaft im Lebendigen. Und weil die Erde ihm keine heroischen Gestalten schenkt, nimmt er das Niedrigste, was er findet, und macht es zu phantasierten Zeitzeugen: zwei in Staub und Trümmern hockende Amphibien, die er in die Nähe von Hektor und Andromache rückt.
Schliemann ist an dieser Stelle ein entfernter Verwandter Don Quixotes: einer, der aus Treue zu einer Idee irrt und im Niedrigsten das Heroische sucht. Zum Vergnügen der angeblich Vernünftigeren.
Re: Die Kröten Trojas
βροχή schrieb am 21.04.2026 um 20:39 Uhr (Zitieren)
Der Witz liegt darin, dass er im ernsthaften report versteckt ist, nur der aufmerksame und zugleich humorempfängliche Leser entdeckt ihn. Der oberflächliche huscht drüber weg, der betriebsblinde glaubt einen Irrtum zu entdecken.
Re: Die Kröten Trojas
βροχή schrieb am 21.04.2026 um 20:46 Uhr (Zitieren)
Woher ich das weiß? Ich versteckte selber schon Späßchen in ernsthaften reports, wie mein Mentor zuvor. Vermutlich eine versteckte Tradition.
Für mich geht Schliemann davon aus, dass diese Krötensippe seit 2000 Jahren da unten haust, sich in 100en von Generationen immer wieder fortpflanzend, aber, da es Tiere sind, sich geschichtslos gleichbleibend. So wie ja auch das Gras, das heute auf Hissarlik wächst, das Gras ist, das damals von den homerischen Helden kämpfend zertrampelt wurde, auch wenn es nicht die identischen Pflanzen sind.
Re: Die Kröten Trojas
Γραικύλος schrieb am 22.04.2026 um 10:54 Uhr (Zitieren)
Es erscheint mir fraglich, ob er damit eine Sippe meint, sodaß ihm die Nachnachnachnachkommen der trojanischen Kröten begegnen.
Würde man Analoges wirklich über das heute dort wachsende Gras oder gar die heute dort lebenden Menschen sagen?
Dann hätte der Kladderadatsch Schliemann mißverstanden.
Re: Die Kröten Trojas
Quoth schrieb am 22.04.2026 um 11:53 Uhr (Zitieren)
Das hat er, und Schliemann hat dieses Missverstehen in Kauf genommen ...
Re: Die Kröten Trojas
Persephone schrieb am 22.04.2026 um 14:30 Uhr (Zitieren)
Man kann natürlich Pech haben bei der Formulierung, sodass das eigentlich Gemeinte nicht vollständig durchdringt. Gewöhnlich bleiben jedoch gewisse Indizien der intendierten Aussage zurück. Genau diese fehlen hier völlig:
Die gesamte Referenzstruktur der Stelle arbeitet ausschließlich mit individuellen, nie mit generischen Ausdrücken. Der Text führt „zwei Kröten“ als konkrete, zählbare Entitäten ein, macht sie durch „die grossen Kröten“ definit und setzt sie mit dem Identitätspronomen „dieselben“ fort, das im Deutschen nur auf diese eben individuellen Referenten zurückverweisen kann.
An keiner Stelle erscheint ein Gattungsnomen wie „Art“, „Gattung“, „Typ“, „Form“, „Sorte“ oder auch nur ein generischer Plural ohne Identitätsbindung, der eine artbezogene Lesart überhaupt ermöglichen würde.
Auch die spätere Bezeichnung „in den Ruinen Trojas lebende Geschöpfe aus der Zeit des Hector und der Andromache“ enthält keinen solchen Marker. Sie kann im Kontext nur individuell gelesen werden, weil die gesamte Referenzkette zuvor zwei konkrete Tiere etabliert und durch „dieselben“ identitätslogisch fixiert hat. Ein generischer Plural könnte hier nicht anschließen, da weder ein Gattungsmarker noch ein generischer Ausgangsreferent vorhanden ist, der eine Artbezeichnung tragen könnte. Die Phrase übernimmt daher notwendig die individuelle Referenz und bezeichnet dieselben beiden Kröten, nicht eine Spezies.
Hinzu kommt, dass das Verb „zubringen“ im Deutschen typischerweise eine biographische Dauer bezeichnet. Man „bringt Zeit irgendwo zu“, wenn man als Individuum dort lebt oder verweilt. Für Arten ist dieser Ausdruck unüblich, weil eine Spezies keine Zeit „zubringt“, sondern „existiert“, „lebt“, „vorkommt“ und Ähnliches. Niemand sagt: „Die Erdkröte aus der Gattung der Echten Kröten brachte an dieser Stelle mindestens 3000 Jahre zu.“ Die Wahl dieses Verbs verstärkt daher die individuelle Lesart zusätzlich.
Es spricht folglich so gut wie nichts im Text für ein Missverständnis, das sich übrigens nicht auf die Verse des Kladderadatsch beschränkt, denn um die Zeit des Erscheinens von Schliemanns Werk haben sich einige genüsslich über diese Stelle hergemacht, von honorigen Professoren bis zu Liedkomponisten. Eher handelt es sich um einen Fall von ideengetriebenem Realitätsverlust, eine Don-Quixoterie aus dem Bedürfnis, nicht nur tote Steine auszugraben, sondern mit dem Mythos in lebendige Berührung zu kommen.
Mit Kröten, die in der Volksmythologie oft mit der Fähigkeit assoziiert werden, in Steinen oder tiefen Erdschichten zu überdauern (siehe Patroklos' Beispiele für darauf beruhende grausame Versuche), funktioniert das besonders gut. Schliemann nutzt diesen Aberglauben aus, um sie zu lebenden Relikten zu erklären, die nach dreitausend Jahren im Dunkel, geht es nach den Spöttern, die Sonne ebensowenig vertragen wie das selige Lächeln ihres Entdeckers.
Re: Die Kröten Trojas
Γραικύλος schrieb am 22.04.2026 um 15:38 Uhr (Zitieren)
In die Realistik des Troja-Mythos verliebt, wird Schliemann auch mit Wonne die Luft geatmet haben, die schon durch Achills Lungen strömte, im Skamander badend, der heute Karamenderes heißt, entzückt gewesen sein bei der Vorstellung, dass seine Fluten auch schon Helena umspülten, ja, es genossen haben, von denselben einheimischen Mücken gestochen zu werden, die schon das Blut des Odysseus sogen ... :-)
Re: Die Kröten Trojas
Persephone schrieb am 22.04.2026 um 18:02 Uhr (Zitieren)
Aber nur an der Oberfläche, sobald es um in der Tiefe vermeintlich hermetisch abgeschlossene Luft ging, die man bei Grabungen freisetzte, war die Angst vor sozusagen den Miasmen der Vergangenheit doch recht groß, oder?
Mit scheint unter diesem Aspekt die Anwesenheit der kleinen, sehr giftigen Schlange in Schliemanns Passage wie ein Echo dieser Ängste. Er entledigt sich ihrer auch gleich wieder durch die Erklärung, dass die von außen gekommen sei.
Re: Die Kröten Trojas
Γραικύλος schrieb am 22.04.2026 um 18:21 Uhr (Zitieren)
Auch nach siebzehnjähriger Tätigkeit hier habe ich immer noch keine Ahnung, was ein Text, den ich einstelle, auslösen wird ... oder nicht.
Manche Texte besitzen das Potential, eine lebhafte Diskussion auszulösen. Doch worin genau besteht diese Qualität?
Re: Die Kröten Trojas
Patroklos schrieb am 22.04.2026 um 18:36 Uhr (Zitieren)
Hier ist das Potential religiös. Wenn Kröten überdauern, werden auch wir foristischen Menschen die Gewissheit haben, den Jüngsten Tag zu erreichen. Somit sind die in Rede stehenden Kröten bedeutsam.
Re: Die Kröten Trojas
Quoth schrieb am 22.04.2026 um 20:46 Uhr (Zitieren)
Du beschwörst die Erinnerung an die Legende vom "Fluch des Pharao", aber das war erst 1922 ... Du kennst das Buch von Schliemann: Ist da von solchen Ängsten die Rede?
Re: Die Kröten Trojas
Persephone schrieb am 23.04.2026 um 20:23 Uhr (Zitieren)
Diese Ängste wurden wohl kaum erst 1922 entdeckt, Belzoni, der italienische Abenteurer und Protoarchäologe schreibt schon 1820 von der erstickenden Luft bei Ausgrabungen, die einen kollabieren lassen, und den starken Effluvia der Mumien. Das 19. Jahrhundert ist durchaus besessen von gefährlichen Miasmen aller Art, die auch aus den Böden steigen.
Schliemann selbst redet in Ithaka der Peloponnes und Troja vom ungesunden Klima der trojanischen Ebene, denn während der grossen Hitze dünsten die Sümpfe pestilenzialische Miasmen aus, welche gefährliche Fieber erzeugen. Er zitiert auch gleich die Stelle aus der Odyssee (XIV, 472–475), aus der hervorgeht, dass unmittelbar an den Mauern Troja's ein Sumpf war. Ich will nun nicht behauptet, dass er eine überängstlich Natur war, aber wie bei der kleinen, sehr giftigen Schlange, die plötzlich im Schutt der Ruinen auftaucht, gibt es da und dort die merkwürdige Aura des Mephitischen und Toxischen in dem ganzen Unternehmen.
Re: Die Kröten Trojas
Persephone schrieb am 23.04.2026 um 22:13 Uhr (Zitieren)
Das heißt für Schliemann vmtl. auch, dass die beiden Kröten, die ja bekanntermaßen die Nähe der Sümpfe zumindest zeitweise suchen, ein weiteres, dem Leser untergejubeltes Indiz sind, dass er an der richtigen Stelle gräbt. Gefolgt übrigens vom Swastika-Fund, der belegt, dass die Trojaner daher arischer Rasse waren …
Re: Die Kröten Trojas
Γραικύλος schrieb am 24.04.2026 um 18:13 Uhr (Zitieren)