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Sokrates als Vater (186 Aufrufe)
Persephone schrieb am 20.04.2026 um 17:38 Uhr (
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Sokrates war natürlich der letzte, der etwas von den Sorgen und Hoffnungen seiner Frau erfuhr. Er sah und hörte immer weniger, was zu Hause um ihn her vorging; ja, während er auf der Straße doch die Augen offen halten mußte, um nicht Schaden zu nehmen, betrachtete er seine Wohnung immer mehr als das sichere Nest, in welchem ihn nichts in seinem behaglichen Nachdenken stören durfte.
Darum war er eines Tages bei der Heimkehr nicht wenig überrascht, als ihn an der Schwelle lärmende Weiber mit Glückwünschen empfingen, die Magd ihn, am Arm fassend, nöthigte, langsamer zu gehen und ihm heftig zuschrie, er solle stille sein; und ganz verblüfft schaute er darein, als er seine Frau blaß im Bette liegen und an ihrem Busen ein winziges Kind ruhen sah.
„Was giebt es?" fragte er unwillkürlich mit leiser Stimme. „Wo kommt das Kind her?" Die Weiber lachten, und so sehr auch die Magd dagegen wetterte, Xanthippe lachte glückselig mit ihnen. „Unser Kind," sagte sie dann schwach. „Wieso denn unser Kind?" fragte Sokrates wieder, „hast Du es adoptiert, oder solltest Du es etwa selbst geboren haben?"
Nun vollführten aber die fremden Weiber einen solchen Lärm, daß die Magd sie aus dem Hause trieb und die Thür hinter ihnen abschloß. Dann stellte sie sich steif zwischen Sokrates und das Bett und sagte, während ihre Rechte drohend in der Luft umherfuchelte, mit mühsam gedämpfter Stimme, die ab und zu in schrilles Gekreisch überging:
„Gott sei Lob und Dank, die Frau liegt da auf den Tod und kann selbst nicht reden und mir das Reden verbieten. So will ich Ihnen einmal die Wahrheit sagen, Herr Sokrates, da Sie doch in allen Dingen nach der Wahrheit forschen wollen. Da liegt er, der syrupsüße Zuckerbub', das schönste Kind, das je in Athen zur Welt kam. Und Sie, Herr Sokrates, sind leider der Vater. Wenn die Frau aber nicht so ein gutes Schaf wäre, wenn ich zum Beispiel Ihre Frau wäre, wahrhaftig, dann wären Sie nicht der Vater dieses Herzblättchens. Verdienen Sie denn so ein Glück?
Sind Sie denn überhaupt ein Vater? Gar nichts sind Sie! Blind und taub für Ihre gute Frau, die hier unter meinen Händen hätte sterben können, ohne daß Sie ein Sterbenswort davon gewußt hätten! Was red' ich aber von einem Manne, dem es einerlei ist, ob man ihm gequollene Erbsen von der vorigen Woche, oder junge Rebhühner mit Sauerkraut vorseht! Da schauen Sie sich Ihr Kind einmal recht genau an, damit Sie's wiedererkennen, wenn Sie dem Prachtbuben einmal auf der Straße begegnen, Sie zerstreuter Professor Sie, und dann machen Sie, daß Sie in Ihre Hexenküche hinaufkommen, damit die arme Frau endlich schlafen kann."
Sokrates ging. Aber er fand heute doch nicht die nöthige Ruhe zum Studiren, sondern schritt unruhig auf und nieder, und wäre wohl bis zum Morgen nicht still gestanden, wenn die Magd ihn nicht zur Ruhe verwiesen hätte. Ob er denn gar kein Gefühl habe. Ob er die todtmüde Frau durchaus umbringen wolle?
Xanthippe ruhte drei Tage, dann stand sie auf und begab sich energisch wieder an die Arbeit. Anfangs war sie freilich wie gelähmt und die Züge, welche plötzlich gealtert hatten, wollten nicht wieder die bisherige Jugendfrische annehmen. Aber ihre Körperkraft kam bald wieder und mit nie gefühlter Freude schaffte sie daheim und auf dem Stätteplatz.
War sie doch jetzt nicht mehr allein. Bei jedem Wetter mußte die Magd ihr das Knäblein, das den Namen Prokles erhalten hatte, hinausbringen, damit sie es säuge, küsse, herze und in Schlaf singe. Und so emsig sie auch jetzt den Geschäften nachging, solebhaft sie auch die Aufmerksamkeit gegen die Kunden und die Sorgfalt beim Einkauf verdoppelte, alle Welt mußte warten, wenn das Kind nach der Mutter rief. Niemand hätte der harten Xanthippe zugetraut, daß sie so kindisch jauchzen, so hell singen könne, wie man sie jest täglich weithin hörte.
Sokrates ging eine Zeit lang ganz verlegen im Hause umher. Er mochte wohl fühlen, daß er als Vater irgend etwas bei der Sache thun müßte.
Da Xanthippe und die Magd aber Alles auf's Beste verrichteten, ihm überdies das Verhältniß zu einem Neugeborenen fremd war, begnügte er sich, allen Handtierungen aufmerksam zuzusehen und hier und da über den Zweck einzelner Handlungen neugierige Fragen zu stellen. Ob die Magd dem Kinde unter geheimnißvollen Sprüchen zum Schutze gegen den bösen Blick sieben Mal in's Gesicht blies, ob man ihm den Brei mit Gewalt in den Mund schob, ob man es heiß oder kalt badete immer erkundigte sich Sokrates mit gleichem Ernste nach den Gründen und beobachtete mit gleicher Gelassenheit die Wirkung.
Allmählich ging er doch wieder seine gewohnten Wege und man hörte ihn in Gesellschaft seiner Freunde nun mit Vorliebe über die Behandlung der Kinder, über die Opfer des Aberglaubens und die Schwierigkeiten der Erziehung sprechen.
Sobald das Kind sich soweit entwickelt hatte, daß er es ohne Angst auf den Arm nehmen konnte, beschäftigte sich Sokrates täglich mit seinem Sohne. Aber Xanthippe, in ihrer Abwesenheit die Magd, ließ den Vater dabei nicht einen Augenblick aus den Augen. Denn Sokrates spielte nicht mit seinem Söhnchen, er verstand es nicht zu küssen, nicht in Schlaf zu singen. Nur Experimente mit dem kleinen Menschen mochte er anstellen. Die Länge und das Gewicht des Kindes wurde täglich gemessen, die Fähigkeit, zu sehen und zu hören, aufmerksam geprüft, und als das Kind endlich zu lallen anfing, wurde der Vater nicht müde, die Entwicklung der Sprachlaute zu studieren und seinen Jüngern die Resultate mitzutheilen.
Xanthippe hatte gehofft, das neue Gefühl der Vaterschaft werde ihren Mann wach rütteln und ihn zu einem ordentlichen Lebenswandel führen. Als sie sich wieder getäuscht sah, wollte sie sich auf's Neue bitteren Empfindungen hingeben; aber der Junge war gar zu herzig, als daß man die Fehler seines Vaters nicht leicht hätte verzeihen können. Uebrigens ging das Geschäft, das Xanthippe mit unermüdlichem Fleiße zu vergrößern bedacht war, gut; die Zukunft hellte sich auf und so mochte der närrische Sokrates nur immer sein Steckenpferd reiten.
Xanthippe hatte zu ihrer Kraft Zutrauen gewonnen und fühlte sich mächtig genug, um den Prokles mit sammt dem Sokrates, der ja doch einmal der Vater des Kleinen war, sicher durch's Leben zu bringen. Die Magd glaubte ihrer Frau damit eine besondere Freude zu machen, daß sie ihr täglich versicherte, der kleine Zuckerbub' habe auch nicht einen Zug von seinem Vater. Aber auch Xanthippe ertappte sich oft darauf, daß sie ängstlich darüber nachsann, wem von den Eltern das Kind nachgerathen werde.
(Fritz Mauthner: Xanthippe, 3. Capitel (1884))Re: Sokrates als Vater
Γραικύλος schrieb am 20.04.2026 um 22:01 Uhr (
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Fritz Mauthner ist schon ein guter Autor! Danke für den Hinweis.
Allerdings wird er dem Sokrates und dem Umgang mit seinem Kind vielleicht doch nicht gerecht:
I. Valerius Maximus (1. Jhdt. u.Z.)
Idque vidit cui nulla pars sapientiae obscura fuit, Socrates, ideoque non erubuit tunc cum interposita harundine cruribus suis cum parvulis filiolis ludens ab Alciciade risus est.
Socrates, to whom no part of wisdom was dark, saw this. And so he was not embarrassed when he was laughed at by Alcibiades as he played with his little children with a reed between his legs.
[Valerius Maximus: Denkwürdige Sprüche und Taten VIII 8 ext. 1]
II. Aelian (ca. 170-235 u.Z.)
Καὶ Σωκράτης δὲ κατελήφθη ποτὲ ὑπὸ Ἀλκιβιάδου παίζων μετὰ Λαμπροκλέους ἔτι νηπίου.
Socrates too was once found by Alcibiades playing with Lamprocles, who was still an infant.
[Aelian: Geschichten XII 15]
Lamprokles was der älteste der, wie man hört, drei Söhne des Sokrates.
Re: Sokrates als Vater
Γραικύλος schrieb am 20.04.2026 um 22:02 Uhr (
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Re: Sokrates als Vater
Persephone schrieb am 21.04.2026 um 01:26 Uhr (
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Gerecht ist es möglicherweise nicht, aber ich fand interessant, welche Richtung Mauthner der Tradition, über Sokrates zu spotten, hier gibt.
Er macht ihn zum verrückten, weltfremden Professor, der von den Tatsachen des Lebens und insbesondere von der Welt der Frauen kaum etwas versteht - jener Frauen, die ihm mit der Autorität des Bereichs die Meinung geigen, auf den sie gesellschaftlich festgelegt sind: das Häusliche, die Erziehung, die alltägliche Praxis.
Ein nicht unkritisches Selbstporträt der bürgerlichen Gelehrtenkultur des 19. Jahrhunderts im antiken Spiegel. Bei dem Absatz über die Vermessung der Kindheit, den Sohn als Forschungsobjekt, könnte man vielleicht an Mauthners Lehrer Mach denken. Weniger biographisch als in der Gestalt einer Karikatur des herzlosen Empiristen, der das Lebendige nur noch als, wir würden heute sagen, Datenobjekt wahrnimmt.
Gestolpert bin ich über den Text übrigens auf der erfolglosen Suche nach Sokrates als Steckenpferdreiter. Jener Szene, für die du dankenswerterweise den Beleg gefunden hast.