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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Eine neue Odyssee #2 (159 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 17.04.2026 um 11:59 Uhr (Zitieren)
Nikos Kazantzakis: Odyssee (1938):
Gegessen und getrunken, Kinder, habt ihr festlich hier am Strande;
im Tanzen, Lachen, Küssen und im müßigen Geplauder ist
das ganze Fest euch aufgegangen und im Fleisch ists euch versunken.
Mich reißt jedoch der Festrausch, Fleisch und Wein, zu ungeheuren Träumen,
ein Meerlied quillt in mir empor und will, im Schwall, mich niederwerfen.
Laßt mich nun singen wie mein Herz begehrt, oh Brüder, macht mir Platz!
Oh weh! Das Fest ist weit und groß, jedoch der Raum dafür ist klein;
macht Platz, daß ich mich recken kann, gebt Atemluft, daß ich nicht platze,
daß ich die Beine werfen kann und frei im Tanz die Arme rege
und eure Frauen nicht, die Kinder nicht, verletze in dem Taumel.
Denn geb ich meinen Worten freie Bahn, zur Menschenjagd, entlang
den Meeresufern, ach, so werden sie, so fürchte ich, mich würgen,
und wenn sie beinah mich erstickt, und riesengroß der Schmerz anschwillt,
so spring ich auf und brauche Raum, viel Raum, für mein
en Tanz am Strande.
Nimm die Besonnenheit von mir, oh Gott, daß sich die Schläfen öffnen,
daß sich des Geistes Falltürn öffnen und die Welt frei atmen kann.
Ihr, die ihr auf der Scholle werkt und Korn einfahrt, Ameisenschwarm,
ich schleudre roten Mohn ins Feld, daß er das Land ringsum entflamme.
Ihr Mädchen mit den wilden Tauben, die in eurem Busen nisten,
ihr tapfren Burschen all, mit schwarzgriffigen Schwertern an den Gürteln:
unfruchtbar bleibt der Baum der Erde, blütenlos, soviel ihr kämpft.
Doch wartet nur, ich werde sie mit meinem Lied zum Blühen bringen!
Wert eure Handwerkszeuge fort, ihr Meister, faltet euren Schurz
und schüttelt ab das Joch der Not, die Freiheit ist es, die euch ruft.
Die Freiheit, oh ihr Brüder, ist kein Wein, sie ist kein süßes Weib,
noch Güter in den Kellern, noch ein Sohn, der in der Wiege schläft.
Sie ist ein einsam-stolzes Lied, das fern verklinget in den Lüften.
Aus Lethes Wassern trinkt, den brackigen, daß euer Hirn sich läutre;
vergeßt das Bittre und laßt fahren die Gewinngier, daß das Herz
euch kindlich werde, rein, von allen Sorgnissen befreit und ledig.
Oh Hirn, treib Blütenzweige, daß auf dir die Nachtigallen singen!
Und ihr, ihr Greise, schreit so laut ihr könnt, daß euch die Zähne kommen,
daß wieder schwarz das Haar euch glänzt und jung das Hirn zu sprühn beginnt.
Bei Helios schwör ich es und bei der sanften Herrin, bei Selene:
Das Alter ist ein falscher Traum, der Tod ein Phantasiegebild.
Denn alles ist der Seele Werk und des Gedankens Frucht und Spiel;
ein leichter Südwind ist die Welt, er bläst und öffnet unsre Schläfen.
Aus einem Traumspiel – zart und leicht – ist diese unsre Welt geboren.
Laßt uns die Welt mit unsrem Sang, laßt sie uns, Kinder, neu erobern!
Oh Kameraden, nehmt die Ruder, unser Schiffsherr ist in Sicht,
und ihr, ihr Mütter, gebt die Brust den Säuglingen, daß sie nicht weinen.
Verbannt die bittren Sorgen nun aus Herz und Sinn, spitzt eure Ohren.
Des ruhmreichen Odysseus‘ Qualenweg und Leiden wird ich singen!

(Nikos Kazantzakis: Odyssee. Übersetzt von Gustav A. Conradi. München 1973, S. 1 f.)

Das Epos schildert die Zeit des alten Odysseus, also nach seiner Heimkehr.
Re: Eine neue Odyssee #2
Γραικύλος schrieb am 17.04.2026 um 12:00 Uhr (Zitieren)
so spring ich auf und brauche Raum, viel Raum, für meinen Tanz am Strande.
Re: Eine neue Odyssee #2
Γραικύλος schrieb am 17.04.2026 um 14:02 Uhr (Zitieren)
wird ich singen! --> werd ich singen!
 
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