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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Ein Trick bei der Hepatomantie #1 (234 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 14.04.2026 um 15:18 Uhr (Zitieren)
Plutarch, Aussprüche von Spartanern (Moralia 214 E-F):
When he [sc. Agesilaos] saw that his men were on the point of capitulating, for fear of oncoming danger because of the vast number of the enemy (two hundred thousand) and the small number with him, he determined, before drawing up the battle-line, to forestall this by a plan unknown to the others. And upon his hand he wrote the word VICTORY [ΝΙΚΗΝ] with the letters turned towards the left. Then, as he received the liver from the priest, he placed it on the hand which had the writing upon it. Holding it for a rather long time, he showed perplexity, and kept up a pretence of not knowing what to do, until the marks of the letters had been taken up by the liver and imprinted upon it. Then he exhibited it to those who with him were to engage in the struggle, saying that the gods through the letters had revealed victory. So his men, feeling that they had a sure sign that they were to overcome the enemy, became bold for the battle.

[Plutarch, Moralia III. Ed. by Frank Cole Babbitt. Cambridge (Mass.)/London 72004, pp. 282 sq.]
Re: Ein Trick bei der Hepatomantie #1
Γραικύλος schrieb am 14.04.2026 um 17:56 Uhr (Zitieren)
Das macht doch was her in der Konversation:
A.: "Und womit beschäftigen Sie sich so?"
B.: "Ich betreibe Hepatomantie."
Re: Ein Trick bei der Hepatomantie #1
Persephone schrieb am 14.04.2026 um 18:08 Uhr (Zitieren)
Übertreibt es Agesilaos da nicht ein wenig mit dem Überraschungseffekt, Hepatomantie hat doch meist die Formen gedeutet, nicht sprachliche Zeichen auf der Leber? Das wäre doch ein recht plumper Angriff auf die Kommunikationsform des Omens, nicht seine subtile Manipulation im Rahmen des Bekannten.
Re: Ein Trick bei der Hepatomantie #1
Γραικύλος schrieb am 14.04.2026 um 18:17 Uhr (Zitieren)
Nun, es gibt eine weitere Belegstelle für diesen Trick, mit der ich noch als #2 kommen möchte, und sie bezieht sich nicht auf Agesilaos.

Um einen Einzelfall handelt es sich daher nicht.
Und selbst wenn es im Normalfall auf die Form der Leber ankam, hätte ein auf der Leber "gefundenes" Wort sicherlich einen Überraschungseffekt, der Gutgläubige (Naive) beeindrucken kann.
Re: Ein Trick bei der Hepatomantie #1
Persephone schrieb am 14.04.2026 um 18:28 Uhr (Zitieren)
Und selbst wenn es im Normalfall auf die Form der Leber ankam, hätte ein auf der Leber "gefundenes" Wort sicherlich einen Überraschungseffekt, der Gutgläubige (Naive) beeindrucken kann.


Mein Punkt war die Empfindlichkeit von solchen religiösen semiotischen Systemen gegen vllt. allzu starke Abweichungen. Es besteht ja durch die gewöhnliche Praxis eine bestimmte Erwartung an die Art und Weise, wie die numinose Kraft kommuniziert. Nicht jede Überraschung muss einen positiven Überbietungseffekt darstellen, sie könnte den Vorgang auch entwerten.
Re: Ein Trick bei der Hepatomantie #1
Γραικύλος schrieb am 14.04.2026 um 18:33 Uhr (Zitieren)
Das verstehe ich schon; aber die kolportierte Reaktion in den Beispielfällen ist eben die einer Steigerung des Effektes, nicht einer Entwertung.

Anscheinend gibt es für glaubenswillige Menschen kein "zu plump".
Bin ich doch selbst einst vor einer Scheibe Brot niedergekniet.
Re: Ein Trick bei der Hepatomantie #1
Γραικύλος schrieb am 14.04.2026 um 18:36 Uhr (Zitieren)
O.k., das mit der Scheibe Brot spielte sich im Rahmen als üblich Suggerierten ab.
Du meinst etwas, das entgegen der Erwartung geschieht.
Da steht der Ritus im Konflikt mit der Autorität desjenigen, der die Überraschung präsentiert.
Re: Ein Trick bei der Hepatomantie #1
Persephone schrieb am 14.04.2026 um 18:44 Uhr (Zitieren)
Die kolportierte Reaktion ist eine Behauptung. Meine Frage lautet: Wie plausibel ist sie angesichts der sonstigen Überlieferung dieser religiösen Praktik und der Sensibilität solcher semiotischen Systeme hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit.

Die Hostie, vor der du knietest, war aber doch nicht wesentlich unterschieden von den typischen Hostien und ihrer Präsentation, mit denen du sozialisiert wurdest, oder? Ein Vergleichsbeispiel für naive Christen wäre vllt. die Madonna, die statt wie bisher blutige Tränen zu weinen, ein Fax ausspuckt.
Re: Ein Trick bei der Hepatomantie #1
Persephone schrieb am 14.04.2026 um 18:46 Uhr (Zitieren)
Ja, so meinte ich es. Naivität und Vertrauen hat Regeln.
Re: Ein Trick bei der Hepatomantie #1
Γραικύλος schrieb am 14.04.2026 um 19:26 Uhr (Zitieren)
Die Hostie, vor der du knietest, war aber doch nicht wesentlich unterschieden von den typischen Hostien und ihrer Präsentation, mit denen du sozialisiert wurdest, oder?

Ja, klar.
An ein überraschendes Wunder im religiösen Kontext kann ich mich nicht erinnern.
Auch Wunder folgen Regeln.

Die Glaubwürdigkeit der Berichte mag zweifelhaft sein.
Nicht einmal in welchem Umfange an Hepatomantie u.ä. geglaubt wurde, weiß ich - denn ich kenne nur Einzelberichte. Und gewöhnlich wird eher das Ungewöhnliche berichtet.

Vgl.
https://www.albertmartin.de/altgriechisch/forum/?view=6239#1
Re: Ein Trick bei der Hepatomantie #1
βροχή schrieb am 14.04.2026 um 19:53 Uhr (Zitieren)
Hepgomanten durchliefen eine Ausbildung. Die Leber wurde in Sektoren unterteilt. So etwas auffälliges war, galt es als Omen in den entspr. Bereich des Fragestellers.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/2/27/Piacenza_Bronzeleber.jpg/500px-Piacenza_Bronzeleber.jpg
Re: Ein Trick bei der Hepatomantie #1
Γραικύλος schrieb am 14.04.2026 um 21:55 Uhr (Zitieren)
Das ist das normale Verfahren. Meines Wissens sind aus der Antike sogar "Muster-Lebern" (mit Bezeichnung der verschiedenen Bereiche, also wohl für Lehrlinge) erhalten.
Re: Ein Trick bei der Hepatomantie #1
Γραικύλος schrieb am 14.04.2026 um 21:55 Uhr (Zitieren)
Ach, in dem Link wird ja eine gezeigt.
Re: Ein Trick bei der Hepatomantie #1
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 15.04.2026 um 12:10 Uhr (Zitieren)
Und selbst wenn es im Normalfall auf die Form der Leber ankam, hätte ein auf der Leber "gefundenes" Wort sicherlich einen Überraschungseffekt, der Gutgläubige (Naive) beeindrucken kann.
Selbstredend ist die Masse der Soldaten nicht dem Verdacht der Freigeisterei ausgesetzt, und der Effekt ist umso größer, je "normaler" (= frei von Auffälligkeiten, die zur Deutung als Omen Anlaß gegeben hätten) die präparierte Leber war.
 
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