Ist von Ligurinus was überliefert - oder gab es den gar nicht? Könnte eine Art Rapper gewesen sein, der mit seinem Redeschwall über den armen Martial herfiel ...
Schöne Inversionen!
Re: Der aufdringliche Dichter
Γραικύλος schrieb am 02.04.2026 um 23:08 Uhr (Zitieren)
DNP kennt keinen Ligurinus; der Name könnte auf die Ligurer verweisen, also seine Herkunft von dort.
Für die damalige Wirkung des Gedichtes ist es natürlich erheblich, ob die Leser wußten, wer gemeint war. Das wäre dann so ähnlich gewesen wie die "dichterischen" Auseinandersetzungen in einem uns bekannten Literaturforum.
Re: Der aufdringliche Dichter
Bukolos schrieb am 03.04.2026 um 00:01 Uhr (Zitieren)
Im Index der Eigennamen der Barié-Schindler-Ausgabe (3. Aufl.) ist der Name als "vermutlich fiktiv" markiert.
Re: Der aufdringliche Dichter
Persephone schrieb am 03.04.2026 um 00:04 Uhr (Zitieren)
Für uns ist die Trennung zwischen Lesen (rezeptiv, leise) und Vorlesen (rezitierend, laut) so gut wie abgeschlossen und lexikalisch fixiert, während das Lateinische diese Differenzierung oft gar nicht vollzieht, wie man hier schön sehen kann. Nur wenn es um Dichtung geht, fallen wir in die alte Doppeldeutigkeit zurück (Er las an diesem Abend drei neue Gedichte). Das führt doch auch zur neulich aufgeworfenen Frage, ob nicht in der Antike rezeptives für sich Lesen laut(er) war als heute zurück, oder?
Re: Der aufdringliche Dichter
Γραικύλος schrieb am 03.04.2026 um 00:11 Uhr (Zitieren)
Autoren sagen, wenn sie bei einer Lesung vortragen, daß sie aus ihrem neuen Roman (o.ä.) lesen. In diesem Kontext ist der Begriff "Vorlesen" nicht gebräuchlich.
Insofern verhält es sich ähnlich wie beim vorliegenden Gedicht.
Re: Der aufdringliche Dichter
Persephone schrieb am 03.04.2026 um 00:28 Uhr (Zitieren)
Ich schrieb ja, dass wir bei der Dichtung (im weiteren Sinne, also auch Literatur) in die alte Doppeldeutigkeit zurückfallen, sonst aber die Trennung herrscht. Ein Satz wie "Er las die Zeitung" z.B. kann immer nur den rezeptiven, stillen Sinn, das für sich Lesen, meinen. Bei legere hingegen existiert diese Einschränkung meiner Ansicht nach nicht. Laut Georges kann man alicui epistulam oder librum legere, also jemandem einen Brief oder ein Buch lesen, wo wir auf vorlesen bestünden.
Re: Der aufdringliche Dichter
Persephone schrieb am 03.04.2026 um 00:43 Uhr (Zitieren)
Ich würde außerdem sagen, dass dieser Rückfall im Deutschen an sehr klare pragmatische Bedingungen geknüpft ist. Wenn der Autor nicht in einer öffentlichen Veranstaltung vor geladenem Publikum sein Werk vorträgt, sondern jemanden beim Kacken, würden wir lesen wahrscheinl. nicht akzeptieren.
Re: Der aufdringliche Dichter
Persephone schrieb am 03.04.2026 um 01:48 Uhr (Zitieren)
Über Ligurinus macht sich Martial noch zwei Mal aus demselben Grund lustig, in 3,45 und 3,50, dort wählt er meist das unzweideutige recitare für dessen Neigung, jede Chance für einen Vortrag seiner Kunst zu missbrauchen.
Wenn es sich um einen fiktiven Charakter handelt, liegt dann ein Teil des Witzes in Assoziationen zur im Namen anklingenden Herkunft (Ligurien)? Welches Image hatten dessen Bewohner in der Antike? Den eines eher ungehobelten Bergvölkchens?
Re: Der aufdringliche Dichter
Persephone schrieb am 03.04.2026 um 01:48 Uhr (Zitieren)
Das eines eher …
Re: Der aufdringliche Dichter
Patroklos schrieb am 03.04.2026 um 11:57 Uhr (Zitieren)
Zu „Er las die Zeitung“ ein Kommentar zu „stille“.
Bei eines Strumpfes Bereitung
Sitzt sie im Morgenhabit;
Er liest in der Kölnischen Zeitung
Und theilt ihr das Nöthige mit.
Wilhelm Busch
Infrage käme zum Thema Zeitungslesen auch „Laut und Luise“, obgleich Jandl kein Zeitungslesen im Sinn hat/hatte.
Re: Der aufdringliche Dichter
Γραικύλος schrieb am 03.04.2026 um 12:05 Uhr (Zitieren)
Es ging mir nur darum, daß bei einem bestimmten Personenkreis in einem bestimmten Kontext "lesen" ein lautes Vorlesen, Vortragen meint.
Sicher wußte Persephone das, aber aus ihrem Verweis auf "Dichtungen" ging das nicht hervor, denn Romane und Erzählungen sind ja keine Dichtungen.
Re: Der aufdringliche Dichter
Γραικύλος schrieb am 03.04.2026 um 12:10 Uhr (Zitieren)
Es gibt (gab?) eine Parallele aus dem Schulalltag: Wenn ein Lehrer eine Klassenarbeit "schreibt", dann ist gemeint: schreiben läßt, nämlich von den Schülern. Dies gilt für den Kontext eines Gespräches unter Kollegen. "Wann schreiben Sie die 2. Deutscharbeit?" - "Am Dienstag nächster Woche." - "Dann muß ich meine Englischarbeit an einem anderen Tag schreiben."
Re: Der aufdringliche Dichter
Persephone schrieb am 03.04.2026 um 13:39 Uhr (Zitieren)
Das ist ein Fall von Wechsel zu kausativer Bedeutung, an der Handlung, die bei dem Gebrauch nur veranlasst, statt selbst ausgeführt wird, ändert sich qualitativ eigentlich nichts. Weiteres Beispiel: Der König baut einen neuen Palast.
Bei lesen in der erwähnten Doppelbedeutung hingegen ändert sich nicht der Ausführende der Handlung, sondern ihre Qualität. Immer liest das Subjekt, aber einmal rezeptiv still für sich, einmal laut anderen vor.