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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Sortes Vergilianae (315 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 01.04.2026 um 00:10 Uhr (Zitieren)
Schon in der Antike war die Stichomantie (Bibliomantie) beliebt. Meist wurde sie damals mit den Texten Homers (Sortes Homericae) oder Vergils (Sortes Vergilianae) betrieben. In christlicher Zeit kam die Bibel (Sortes Sanctorum) als Quelle hinzu.
Man schlägt eine Seite im Text auf, und die zufällige Fundstelle hat dann etwas zu bedeuten.

Hier zwei Beispiele:
1. Aelius Spartianus (Scriptores Historiae Augustae): Hadrianus

Er [sc. Hadrian] wurde von Trajan geliebt, doch fehlte es keineswegs <an Verstimmungen>, die durch die Aufseher der von Trajan über Gebühr geschätzten Pagen ... unter Beihilfe des Gallus verursacht wurden.
Als Hadrian um jene Zeit in Sorge über des Kaisers Gesinnung die vergilischen Lose befragte, fiel ihm folgender Spruch zu:

Wen seh‘ ich dort die Opfergaben tragen,
Das Haupt mit Olivenlaub gekränzt?
Am weißen Haar erkenn‘ ich und am Barte
Den Römerkönig, der den jungen Staat
Uns durch Gesetze festigt: Cures sendet,
Der dürft’ge Flecken, in die Hauptstadt ihn.
Nach ihm kommt ...

[Hadrianus 2, 7 f.]


2. Aelius Lampridius (Scriptores Historiae Augustae): Alexander Severus

Als Alexander selbst einen Seher über seine Zukunft befragte, soll er, damals noch ein kleiner Knabe, folgende Verse, und zwar zunächst auf Losstäbchen, erhalten haben:
„Deiner harrt die Herrschaft im Himmel und auf Erden [Te manet imperium caeli terraeque]“, was zu bedeuten hatte, daß er einer der vergöttlichten Kaiser sein werde. „Deiner harrt die Herrschaft, die das Reich beherrscht“, was zu bedeuten hatte, er werde der Beherrscher des Römerreiches werden; denn wo anders als bei den Römern gibt es eine Herrschaft, die ein Reich beherrscht? Diese Offenbarungen wurden übrigens in griechischen Versen gemacht.
Als er aber auf Betreiben seines Vaters sich von Philosophie und Musik anderen Fächern zuwandte, wurde er durch folgendes Spruchorakel aus Vergil gefeiert:

Wohl werden andere mit weicherem Schmelze
Ein atmend Kunstgebild aus Erz gestalten,
Dem Marmor lebenswahre Züge leihen,
Beredteren Mundes ihre Sache führen,
Mit ihrem Stab des Himmels Bahnen zeichnen
Und künden, wie an ihm die Sterne ziehn;
Du bist ein Römer, dies sei dein Beruf:
Die Welt regiere, denn du bist ihr Herr,
Dem Frieden gib Gesittung und Gesetze,
Erbarm dich derer, die sich unterwarfen,
Doch brich mit Waffen der Rebellen Trotz.

[Alexander Severus 14, 3-5]



Re: Sortes Vergilianae
Γραικύλος schrieb am 01.04.2026 um 00:28 Uhr (Zitieren)
Hier schulde ich noch zwei Angaben zu den Vergil-Stellen:

(1) Aeneis VI 808-812; bezogen auf Numa Pompilius
(2) Aeneis VI 847-854
Re: Sortes Vergilianae
Bukolos schrieb am 01.04.2026 um 01:31 Uhr (Zitieren)
Zitat von Γραικύλος am 1.4.26, 0:10Man schlägt eine Seite im Text auf

Die Methode, wie beim Bibelstechen eine zufällige Seite aufzuschlagen, funktioniert freilich erst, seit man die Texte in Kodizes überliefert. Solange man Volumina gebrauchte, ging das nicht.
Re: Sortes Vergilianae
βροχή schrieb am 01.04.2026 um 09:36 Uhr (Zitieren)
Solange man Volumina gebrauchte


Das fragte ich mich schon bei der Buchkarawane.
Re: Sortes Vergilianae
meine Meinung schrieb am 01.04.2026 um 10:49 Uhr (Zitieren)
Man schlägt eine Seite im Text auf, und die zufällige Fundstelle hat dann etwas zu bedeuten.

Und wenn nicht sofort, wird solange heruminterpretiert
und hineinprojiziert, bis etwas vlt. Brauchbares oder das Ersehnte dabei
rauskommt.
Bekannte Beispiele: die Bibel, Nostradamus
vgl:
die allegorische Auslegung von Bibelstellen
(Augustinus-Kommentar zum Johannes-Evangelium
u.v.a.m., z.T. hochspekulative und - kreative Eisegese
statt sachlich-nüchterner Exegese)
Autoritätshörig und -geblendet wird der gesunde
Menschenverstand ausgeschaltet oder manipuliert.
Schwülstige, schön klingende Leerformeln
gehören immer noch zum Standard-Repertoir vieler
Priester und Laien-Prediger.

https://de.wikipedia.org/wiki/Allegorie
Re: Sortes Vergilianae
meine Meinung schrieb am 01.04.2026 um 10:56 Uhr (Zitieren)
PS:
Das sagten Kritiker über das exegetisch sehr fragwürdige Jesus-Buch von
Paps Benedikt XVI:

Methodische Einseitigkeit: Kritische Exegeten warfen dem Autor vor, die historisch-kritische Methode selektiv anzuwenden. Wissenschaftliche Erkenntnisse seien dort ausgeblendet worden, wo sie im Konflikt mit kirchlichen Dogmen standen.

Harmonisierungstendenz: Dem Werk wurde vorgehalten, Widersprüche in den biblischen Quellen zu glätten, um ein theologisch geschlossenes Bild vom „Christus des Glaubens“ zu bewahren, statt den oft sperrigen „historischen Jesus“ zuzulassen.

Mangelnde Modernität: Liberale Theologen kritisierten, dass Ratzinger hinter den Forschungsstand der modernen Bibelwissenschaft zurückfalle und neuere sozialgeschichtliche sowie archäologische Ansätze kaum berücksichtige.

Vernachlässigung sozialpolitischer Dimensionen: Aus Kreisen der Befreiungstheologie kam Kritik, dass die Darstellung Jesu zu stark auf das Jenseitige und die individuelle Erlösung fixiert sei. Die Rolle Jesu als Kritiker sozialer Ungerechtigkeit und politischer Strukturen seiner Zeit trete zu weit in den Hintergrund.

Statische Geschichtsbetrachtung: Kritiker bemängelten eine „vorgestrige“ Sichtweise, die historische Fakten eher als Bestätigung bereits feststehender Glaubenssätze nutze, anstatt die Geschichte ergebnisoffen zu befragen.
Re: Sortes Vergilianae
Γραικύλος schrieb am 01.04.2026 um 12:00 Uhr (Zitieren)
Daß die Sortes Vergilianae etwas mit Ratzingers Jesus-Buch zu tun haben, darauf muß man erstmal kommen. Anscheinend sind manche Leute von diesem Buch stark beeindruckt.
Re: Sortes Vergilianae
meine Meinung schrieb am 01.04.2026 um 12:28 Uhr (Zitieren)
Daß die Sortes Vergilianae etwas mit Ratzingers Jesus-Buch zu tun haben, darauf muß man erstmal kommen.

Ratzinger ist oft auch Bibliomantiker wie soviele
kath. Dogmatiker und linientreue Fach-Exegeten, die auch deswegen ihre Lehrstühle
erhalten per bischöflichem NIHIL OBSTAT.

Anscheinend sind manche Leute von diesem Buch stark beeindruckt.

Darunter sich sicher keine allzu kritischen und
Exegesekundigen.
Der einst anti-religiöse Spiegeljournalist und
zum Glauben wieder zurückgefunden habende spätere
Ratzinger-Biograf Peter Seewald hat sich auch
auf die Seite der Unkritischen und Lobhudler begeben.

https://www.youtube.com/watch?v=IDFeFEhGRUg

https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Seewald
Re: Sortes Vergilianae
Γραικύλος schrieb am 01.04.2026 um 15:49 Uhr (Zitieren)
Bei einer Papyrusrolle muß man sich die Auswahl der Textstelle technisch etwas anders vorstellen als bei einem Buch (Kodex); aber das sollte doch klar sein.
Re: Sortes Vergilianae
Bukolos schrieb am 02.04.2026 um 12:04 Uhr (Zitieren)
Wenn man zu, sagen wir, Kolumne 168 nur gelangt, indem man Kolumne 1-167 durchscrollt, wird ein zufälliges "Aufschlagen" von Kolumne 168 schwierig, d. h. die Auswahl der Textstelle dürfte nicht nur etwas anders ausgefallen sein. Für die Zeit ab dem 2./3. Jh. n. Chr. haben wir durch das in den Papyri Graecae Magicae (VII 1-148) - und zwei weiteren Papyri - überlieferte Homeromanteion Einblick in ein mögliches Verfahren: Mit drei Astragaloi wird gewürfelt und dann aus einer Liste, die eine Auswahl von 216 Homerversen den möglichen Wurfkombinationen zuordnet, der passende Vers ausgewählt. Einen guten Einblick dazu gibt es hier:
https://brewminate.com/using-homer-for-divination-homeromanteia-in-context/

Falls man mal keine Astragaloi und die PGM zur Hand hat, findet man hier eine bequem nutzbare Aufbereitung des Orakels:

http://www.homeromanteion.com/
Re: Sortes Vergilianae
??? schrieb am 02.04.2026 um 13:24 Uhr (Zitieren)
Wann begann die Bibliomantie?
Wer ist wo auf diese Idee gestoßen?
Welche Überlegungen liegen ihr zugrunde?
Glaubte man die Götter oder andere Mächte
im Spiel?
Hatte man keine Angst vor Fehldeutungen
und deren möglichen Folgen?
Re: Sortes Vergilianae
Γραικύλος schrieb am 02.04.2026 um 14:47 Uhr (Zitieren)
Danke für den Hinweis auf das Würfeln als Methode.
Als Alternative ist denkbar: Ich schließe die Augen, rolle auf, rolle auf, rolle auf, lege schließlich den Finger auf eine Stelle und öffne die Augen.
Re: Sortes Vergilianae
Perspehone schrieb am 02.04.2026 um 23:24 Uhr (Zitieren)
Mit drei Astragaloi wird gewürfelt und dann aus einer Liste, die eine Auswahl von 216 Homerversen den möglichen Wurfkombinationen zuordnet, der passende Vers ausgewählt. Einen guten Einblick dazu gibt es hier:



Hat ein Astragalos nicht nur vier Seiten, sodass man mit drei Stück nur 43 = 64 unterschiedliche Kombinationen würfeln kann, während die Zahl 216 auf einen sechsseitigen Würfel (Kybos) schließen lässt (63 = 216)?

Wie verhielt es sich mit dem Bias? Beide Würfeltypen weichen von einem heutigen Laplace-Würfel höchster technischer Präzision ab, der Astraglos sehr deutlich. War die dadurch sich ergebende Ungleichverteilung der Wahrscheinlichkeit für die Stellen beabsichtigter Teil des Systems, um z.B. bestimmte Stellen zu favorisieren? Etwa besonders vage, dem metaphorischen Verständnis zugänglichere, die sich auf eine Vielzahl von Ereignissen anwenden ließen? Oder anders herum, um bestimmte Extreme (Tod, Niederlagen, große Gewinne oder Verluste) besonders selten fallen zu lassen?
Re: Sortes Vergilianae
Bukolos schrieb am 02.04.2026 um 23:57 Uhr (Zitieren)
Zitat von Perspehone am 2.4.26, 23:24Hat ein Astragalos nicht nur vier Seiten, sodass man mit drei Stück nur 43 = 64 unterschiedliche Kombinationen würfeln kann, während die Zahl 216 auf einen sechsseitigen Würfel (Kybos) schließen lässt (63 = 216)?

Allerdings! Danke! (Zu den anderen Fragen kann ich gar nichts sagen. Je nach verwendetem Würfel dürfte die Abweichung von der Normalverteilung mal diese, mal jene Zahl betroffen haben, so dass der Autor des Homeromanteions diese kaum einkalkulieren konnte, vermute ich.
Re: Sortes Vergilianae
Persephone schrieb am 03.04.2026 um 00:34 Uhr (Zitieren)
Ich hatte das so verstanden in deinem Link, dass der practitioner die 216 Kombinationen auswählt und die Würfel stellt. Wenn er den Bias seiner Würfel kennt, könnte er, das war die Überlegung, durch die Zuordnung von Stellen zu wahrscheinlicheren und unwahrscheinlicheren Würfelergebnissen besagten Einfluss nehmen.
Re: Sortes Vergilianae
Bukolos schrieb am 03.04.2026 um 02:16 Uhr (Zitieren)
Wir haben, wie es scheint, drei Handschriften, die auf einen gemeinsamen Archetyp zurückgehen* Die Zuordnung von Würfel-Ergebnis und Vers ist in diesen derart fixiert:

εαα τῆ τότε δὴ κρήδε[μν]ον ὑπὸ στέρνοιο τανύσσαι (ε 346)
εαβ οὐχ’ ὁσίη κταμ[ένο]ισιν ἐπ’ ἀνδράσιν εὐχεταᾶσθαι (χ 412)
εαγ νύκτα δι’ ἀμβ[ροσί]ην ὅτε θ’ εὕδουσιν βροτοὶ ἄλλοι (Ω 363)

PGM VII, 77-79 = P. Lond. 121

Das legt in meinen Augen nahe, dass diese Zuordnung mehr als nur ein Vorschlag und willkürliche Variation nicht vorgesehen war.

* Bei Martín-Hernández heißt es: "§ 17 [...] the three copies of the text were exact, having the same verses in the same order, a particularity that leads us to hypothesize about the existence of only one tradition of the text."
 
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