Γραικύλος schrieb am 01.04.2026 um 00:10 Uhr (Zitieren)
Schon in der Antike war die Stichomantie (Bibliomantie) beliebt. Meist wurde sie damals mit den Texten Homers (Sortes Homericae) oder Vergils (Sortes Vergilianae) betrieben. In christlicher Zeit kam die Bibel (Sortes Sanctorum) als Quelle hinzu.
Man schlägt eine Seite im Text auf, und die zufällige Fundstelle hat dann etwas zu bedeuten.
Hier zwei Beispiele:
Re: Sortes Vergilianae
Γραικύλος schrieb am 01.04.2026 um 00:28 Uhr (Zitieren)
Hier schulde ich noch zwei Angaben zu den Vergil-Stellen:
(1) Aeneis VI 808-812; bezogen auf Numa Pompilius
(2) Aeneis VI 847-854
Re: Sortes Vergilianae
Bukolos schrieb am 01.04.2026 um 01:31 Uhr (Zitieren)
Die Methode, wie beim Bibelstechen eine zufällige Seite aufzuschlagen, funktioniert freilich erst, seit man die Texte in Kodizes überliefert. Solange man Volumina gebrauchte, ging das nicht.
Re: Sortes Vergilianae
βροχή schrieb am 01.04.2026 um 09:36 Uhr (Zitieren)
Das fragte ich mich schon bei der Buchkarawane.
Re: Sortes Vergilianae
meine Meinung schrieb am 01.04.2026 um 10:49 Uhr (Zitieren)
Und wenn nicht sofort, wird solange heruminterpretiert
und hineinprojiziert, bis etwas vlt. Brauchbares oder das Ersehnte dabei
rauskommt.
Bekannte Beispiele: die Bibel, Nostradamus
vgl:
die allegorische Auslegung von Bibelstellen
(Augustinus-Kommentar zum Johannes-Evangelium u.v.a.m., z.T. hochspekulative und - kreative Eisegese
statt sachlich-nüchterner Exegese)
Autoritätshörig und -geblendet wird der gesunde
Menschenverstand ausgeschaltet oder manipuliert.
Schwülstige, schön klingende Leerformeln
gehören immer noch zum Standard-Repertoir vieler
Priester und Laien-Prediger.
meine Meinung schrieb am 01.04.2026 um 10:56 Uhr (Zitieren)
PS:
Das sagten Kritiker über das exegetisch sehr fragwürdige Jesus-Buch von
Paps Benedikt XVI:
Re: Sortes Vergilianae
Γραικύλος schrieb am 01.04.2026 um 12:00 Uhr (Zitieren)
Daß die Sortes Vergilianae etwas mit Ratzingers Jesus-Buch zu tun haben, darauf muß man erstmal kommen. Anscheinend sind manche Leute von diesem Buch stark beeindruckt.
Re: Sortes Vergilianae
meine Meinung schrieb am 01.04.2026 um 12:28 Uhr (Zitieren)
Ratzinger ist oft auch Bibliomantiker wie soviele
kath. Dogmatiker und linientreue Fach-Exegeten, die auch deswegen ihre Lehrstühle
erhalten per bischöflichem NIHIL OBSTAT.
Darunter sich sicher keine allzu kritischen und
Exegesekundigen.
Der einst anti-religiöse Spiegeljournalist und
zum Glauben wieder zurückgefunden habende spätere
Ratzinger-Biograf Peter Seewald hat sich auch
auf die Seite der Unkritischen und Lobhudler begeben.
Γραικύλος schrieb am 01.04.2026 um 15:49 Uhr (Zitieren)
Bei einer Papyrusrolle muß man sich die Auswahl der Textstelle technisch etwas anders vorstellen als bei einem Buch (Kodex); aber das sollte doch klar sein.
Re: Sortes Vergilianae
Bukolos schrieb am 02.04.2026 um 12:04 Uhr (Zitieren)
Wenn man zu, sagen wir, Kolumne 168 nur gelangt, indem man Kolumne 1-167 durchscrollt, wird ein zufälliges "Aufschlagen" von Kolumne 168 schwierig, d. h. die Auswahl der Textstelle dürfte nicht nur etwas anders ausgefallen sein. Für die Zeit ab dem 2./3. Jh. n. Chr. haben wir durch das in den Papyri Graecae Magicae (VII 1-148) - und zwei weiteren Papyri - überlieferte Homeromanteion Einblick in ein mögliches Verfahren: Mit drei Astragaloi wird gewürfelt und dann aus einer Liste, die eine Auswahl von 216 Homerversen den möglichen Wurfkombinationen zuordnet, der passende Vers ausgewählt. Einen guten Einblick dazu gibt es hier: https://brewminate.com/using-homer-for-divination-homeromanteia-in-context/
Falls man mal keine Astragaloi und die PGM zur Hand hat, findet man hier eine bequem nutzbare Aufbereitung des Orakels:
Wann begann die Bibliomantie?
Wer ist wo auf diese Idee gestoßen?
Welche Überlegungen liegen ihr zugrunde?
Glaubte man die Götter oder andere Mächte
im Spiel?
Hatte man keine Angst vor Fehldeutungen
und deren möglichen Folgen?
Re: Sortes Vergilianae
Γραικύλος schrieb am 02.04.2026 um 14:47 Uhr (Zitieren)
Danke für den Hinweis auf das Würfeln als Methode.
Als Alternative ist denkbar: Ich schließe die Augen, rolle auf, rolle auf, rolle auf, lege schließlich den Finger auf eine Stelle und öffne die Augen.
Re: Sortes Vergilianae
Perspehone schrieb am 02.04.2026 um 23:24 Uhr (Zitieren)
Hat ein Astragalos nicht nur vier Seiten, sodass man mit drei Stück nur 43 = 64 unterschiedliche Kombinationen würfeln kann, während die Zahl 216 auf einen sechsseitigen Würfel (Kybos) schließen lässt (63 = 216)?
Wie verhielt es sich mit dem Bias? Beide Würfeltypen weichen von einem heutigen Laplace-Würfel höchster technischer Präzision ab, der Astraglos sehr deutlich. War die dadurch sich ergebende Ungleichverteilung der Wahrscheinlichkeit für die Stellen beabsichtigter Teil des Systems, um z.B. bestimmte Stellen zu favorisieren? Etwa besonders vage, dem metaphorischen Verständnis zugänglichere, die sich auf eine Vielzahl von Ereignissen anwenden ließen? Oder anders herum, um bestimmte Extreme (Tod, Niederlagen, große Gewinne oder Verluste) besonders selten fallen zu lassen?
Re: Sortes Vergilianae
Bukolos schrieb am 02.04.2026 um 23:57 Uhr (Zitieren)
Allerdings! Danke! (Zu den anderen Fragen kann ich gar nichts sagen. Je nach verwendetem Würfel dürfte die Abweichung von der Normalverteilung mal diese, mal jene Zahl betroffen haben, so dass der Autor des Homeromanteions diese kaum einkalkulieren konnte, vermute ich.
Re: Sortes Vergilianae
Persephone schrieb am 03.04.2026 um 00:34 Uhr (Zitieren)
Ich hatte das so verstanden in deinem Link, dass der practitioner die 216 Kombinationen auswählt und die Würfel stellt. Wenn er den Bias seiner Würfel kennt, könnte er, das war die Überlegung, durch die Zuordnung von Stellen zu wahrscheinlicheren und unwahrscheinlicheren Würfelergebnissen besagten Einfluss nehmen.
Re: Sortes Vergilianae
Bukolos schrieb am 03.04.2026 um 02:16 Uhr (Zitieren)
Wir haben, wie es scheint, drei Handschriften, die auf einen gemeinsamen Archetyp zurückgehen* Die Zuordnung von Würfel-Ergebnis und Vers ist in diesen derart fixiert:
Das legt in meinen Augen nahe, dass diese Zuordnung mehr als nur ein Vorschlag und willkürliche Variation nicht vorgesehen war.
* Bei Martín-Hernández heißt es: "§ 17 [...] the three copies of the text were exact, having the same verses in the same order, a particularity that leads us to hypothesize about the existence of only one tradition of the text."