info schrieb am 31.03.2026 um 18:17 Uhr (Zitieren)
Re: Folge mir!
βροχή schrieb am 31.03.2026 um 19:57 Uhr (Zitieren)
heute noch gibt es das Sprichwort follow my footprints.
Re: Folge mir!
Persephone schrieb am 31.03.2026 um 21:58 Uhr (Zitieren)
Zack, zack, zack … bumm! 1,2,3 … Fazit. Sieht aus wie eine stringente Deduktion aus wahren Prämissen, die brav aufgelistet werden, ist aber nur ein induktiv-assoziatives Kartenhaus.
Re: Folge mir!
Persephone schrieb am 31.03.2026 um 23:12 Uhr (Zitieren)
Das unter dem Plural der Überschrift erwähnte Objekt ist allem Anschein nach bloß ein Einzelstück, das in der Datenbank des Louvre nicht aufscheint, aber mit einer Abbildung durchs Internet spukt als Schuh einer Prostituierten. Diese Story wird meist nicht näher begründet übernommen, aber es gibt vereinzelt Hinweise darauf, dass das eine mehr oder minder willkürliche Assoziation (z.B. mit Clemens von Alexandria) ist. Auch die Datierung schwankt.
Es gibt in der Antike Aryballoi, Gefäße für Öle und Salben, die auch in Form beschuhter Füße hergestellt wurden, aber ich finde nirgendwo eine genauere Analyse, was dieses eine Objekt für eine Funktion als Tongefäß hatte, ob sich aus dem Stil des dargestellten Schuhs, seiner Machart irgendetwas ableiten lässt usw.
Warum muss die Nachbildung einer Sandale mit Inschrift als Tongefäß überhaupt ein wirklich getragenes Modell zum Vorbild haben? Beweis wofür also? Und was macht ihn zum deutlichsten? Dass es ein reales Ding ist?
Re: Folge mir!
Γραικύλος schrieb am 31.03.2026 um 23:45 Uhr (Zitieren)
Wo ist denn - falls vorhanden - das Zitat von Clemens Alexandrinus zu finden?
Re: Folge mir!
Persephone schrieb am 01.04.2026 um 00:13 Uhr (Zitieren)
Die Assoziation, dass dieses Fundstück etwas mit der Kritik an Dekadenz und Frivolität weiblichen Schuhwerks durch Clemens von Alexandria zu tun hat, geht vmtl. auf das 19. Jahrhundert zurück.
Sie steht z.B. in einer Fußnote zu dessen Paedagogus 2,11,1, den wohl auch die KI assoziiert:
Das scheint mir alles recht willkürlich. Im griechischen Text heißt es ἐρωτικοὺς ἀσπασμοὺς, das wird oben durch Liebesumarmungen übersetzt, andere geben es als erotic greetings wieder. Dass das ΑΚΟΛΟΥΘΕΙ allein wie auf dem Schuh(gefäß) als erotisch verstand wird, hat ja weitere Assoziationen zur Voraussetzung. Es bekommt diesen Sinn eigentl. erst, wenn man die Geschichte von der Prostituierten hinzudenkt, eine zirkuläre Begründung des Zusammenhangs.
Bei "worn by … anyone wanting to be followed" fällt mir spontan eine ganz andere antike Figur ein, die mehrfach mit diesem Wort ihr nachzufolgen aufgefordert hat. Und gingen seinen Nachfolgern nicht andere nach, die wiederum andere aufforderten nachzufolgen?
Re: Folge mir!
Bukolos schrieb am 01.04.2026 um 03:57 Uhr (Zitieren)
Die Annahme, die Inschrift auf der Sohle bilde einen Stempel, der eine Botschaft mit dem Fußabdruck aussende, unterstellt zudem, dass die Empfänger bereit gewesen wären, einen spiegelbildlichen Schriftzug zu entziffern.
Die christliche Deutung der tönernen Sandale hat einiges für sich, nicht zuletzt, da Sandalen das Schuhwerk der Jünger waren (Mk 6, 9) und Petrus auf Sandalen dem Engel folgt, als dieser ihn aus dem Gefängnis führt (Apg 12, 8 εἶπεν δὲ ὁ ἄγγελος πρὸς αὐτόν· ζῶσαι καὶ ὑπόδησαι τὰ σανδάλιά σου. ἐποίησεν δὲ οὕτως. καὶ λέγει αὐτῷ· περιβαλοῦ τὸ ἱμάτιόν σου καὶ ἀκολούθει μοι.)
Re: Folge mir!
βροχή schrieb am 01.04.2026 um 07:33 Uhr (Zitieren)
War denn die Schrift auf der Sohle nicht spiegelverkehrt? Falls nicht, macht es keinen Sinn.
Die Strassen in denen die Prostituierten sich anboten, waren sandig? In der Stadt waren sie nicht gepflastert?
Re: Folge mir!
info schrieb am 01.04.2026 um 09:17 Uhr (Zitieren)
Erschien vor 51 Jahren, über ein halbes Jahrhundert.
Re: Folge mir!
Patroklos schrieb am 01.04.2026 um 11:09 Uhr (Zitieren)
Mulmig könnte die Situation sein, wenn das polizeifahrzeugliche „follow me“ vor uns erscheint.
Tam Fleck würde sagen: „it‘s gaun to be a terrible business“
Re: Folge mir!
info schrieb am 01.04.2026 um 11:49 Uhr (Zitieren)
Persephone schrieb am 01.04.2026 um 12:37 Uhr (Zitieren)
Vorstellung, das sei eine Art der Werbung in solchen Schuhen herumlaufender Hetären gewesen, ist ziemlich absurd. Die Aufforderung, zu folgen, bezeichnet niemand Bestimmtes, enthält keine Informationen über die Trägerin, die sonst für eine Anbahnung Entscheidungskriterien darstellen dürften, das Terrain antiker Lebensräume würde eine solche Spur nicht kontinuierlich aufnehmen, geschweige denn erhalten. Dass durch den Imperativ Kunden wie von der Duftmarke einer läufigen Hündin angelockt ihr hinterherrennen, scheint mir daher eine erotische Phantasie gelehrter Interpreten des 19. Jahrhunderts, die das Fundstück und die Stelle aus Clemens von Alexandria zusammengebracht haben. Eigentlich sehr lustig, dass diese Verknüpfung es bis in eine aufklärende Ausstellung des 21. Jahrhunderts zum Thema Sexarbeit geschafft hat.
Re: Folge mir!
Persephone schrieb am 01.04.2026 um 12:47 Uhr (Zitieren)
Es gab dagegen tatsächlich fuß-* und, wie mir scheint, auch schuhförmige** Stempel (aus Metall) mit frühchristlichen Botschaften, die auch als solche gebraucht wurden, weshalb die druckenden Buchstaben spiegelverkehrt ausgeführt wurden. Das tönerne Schuhgefäß hingegen scheint unter diesem Gesichtspunkt ein symbolisches Objekt gewesen zu sein. Man könnte also vllt. einwenden, dass es einem wirklich getragenen Schuhmodell nachempfunden wurde, da aber mit dem Ding, dessen Verwendungszweck nach wie vor unbestimmt scheint, niemand ging und stempelte, auf die Spiegelverkehrung verzichtet wurde aus Rücksicht auf den Betrachter. Plausibler macht das die Werbethese aus dem Paysexmilieu keineswegs.
Persephone schrieb am 01.04.2026 um 13:06 Uhr (Zitieren)
Gibt es zur Form des tönernen Schuhs etwas zu sagen? Zur Größe, die leider nicht wirklich hervorgeht aus den Abbildungen? Waren Schuhmodelle damals so klar gegendert wie und wenn ja, wie? Kann man z.B. nur anhand der Schnittform es tendenziell als Frauenschuh einordnen? Das Modell ist spitz zulaufend und hat eine geschlossene Zehenbox, sieht für mich nicht nach freizügiger Riemchensandale aus und auch üppige Verzierungen, an denen Clemens von A. Anstoß nimmt, kann ich daran nicht erkennen.
Re: Folge mir!
Γραικύλος schrieb am 01.04.2026 um 13:55 Uhr (Zitieren)
Ich möchte mich bei Persephone und Bukolos bedanken: Das war eine solide Aufklärung über einen Bericht, der sich als Legende erwiesen hat.
Re: Folge mir!
Patroklos schrieb am 01.04.2026 um 14:16 Uhr (Zitieren)
Hier handelt es sich womöglich um ein Aufmerksamkeitszeichen, keinen illokutionären Akt.
Ein Schild vor/auf einem Pub „The Red Lion“ verweist gewöhnlich auf keinerlei Gefahr.
Re: Folge mir!
Persephone schrieb am 01.04.2026 um 14:35 Uhr (Zitieren)
@Γραικύλος: Nichts zu danken, das ist doch das Spannende an diesem Forum! Sonst könnten wir ja alle still (und letztlich doch einsam trotz endloser "Dialoge") vor unseren uns unbarmherzig niederschmeichelnden KI-Chatbots versauern. An deren Copy-Paste-Nutzer hier möchte ich aber die freundliche Bitte richten, es angesichts solcher Wendungen nicht einfach bei dem in 15 Sekunden oder weniger ausgespuckten pseudodeduktiven Verkündigungen aus der Wolke der eben doch nicht Allwissenheit zu belassen, auch wenn es mühsam ist. Dankeschön.
Re: Folge mir!
Persephone schrieb am 01.04.2026 um 14:36 Uhr (Zitieren)