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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Flavius Josephus in Schottland (398 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 29.03.2026 um 16:31 Uhr (Zitieren)
[...] Zwei Jahrhunderte nach Cervantes schrieb der schottische Verleger William Chambers die Biographie seines Bruders Robert, mit dem gemeinsam er im Jahr 1832 die be-rühmte gleichnamige Edinburgher Firma gegründet hatte, und erinnerte sich bei dieser Gelegenheit an Lesungen in Peebles, der Stadt ihrer Kindheit: „Mein Bruder und ich bezogen viel Freude, um nicht zu sagen Belehrung, aus dem Singen der alten Balladen und auch aus den Sagen, die uns eine freundliche alte Verwandte, Frau eines gebrechlichen Kaufmanns, erzählte. Sie wohnte in einer der alten Gassen, und an ihrem bescheidenen Feuer unter dem gewaltigen Rauchfang, wo ihr halbblinder und greiser Gatte im Sessel vor sich hin dämmerte, vermischten sich die Schlacht von Coruña und andere Tagesneuigkeiten aufs seltsamste mit den Erzählungen aus dem Jüdischen Krieg.

Gespeist wurde dieser interessante Zeitvertreib aus dem verschlissenen Exemplar einer englischen Ausgabe der Josephus Flavius aus dem Jahr 1720. Der beneidete Eigentümer des Buches war Tam Fleck, ein ‚Luftikus‘, wie man sagte, der seine eigentliche Pflicht vernachlässigte, aber eine Art Beruf daraus machte, abends mit seinem Josephus umherzuwandern und aus ihm vorzulesen, als handelte es sich um die letzten Neuigkeiten – im flackernden Schein eines Steinkohlenbrockens. Er las nie mehr als zwei oder drei Seiten auf einmal, aber würzte sie mit scharfsinnigen Kommentaren, als handelte es sich um Fußnoten, und auf diese Weise hielt er das außerordentliche Interesse an der Erzählung wach.

Tam brachte dieselben Dinge in ganz ähnlicher Weise in verschiedenen Häusern vor, so daß alle den gleichen Kenntnisstand besaßen, und hielt alle in erwartungsvoller Spannung, wie ein bewegendes Ereignis aus der hebräischen Geschichte wohl ausgehen würde. Obwohl er auf diese Weise den Josephus Jahr für Jahr von vorn durchging, schien sich dessen Neuigkeitswert niemals zu erschöpfen.

„Na, Tam, was gibt’s Neues heute abend?“ pflegte der alte Geordie Murray zu fragen, wenn Tam mit dem Josephus unter dem Arm eintrat und sich am Kamin niederließ.
„Schlechte Nachrichten, schlechte Nachrichten“, antwortete Tam. „Titus hat mit der Belagerung von Jerusalem angefangen. Das wird eine üble Sache!“

(Alberto Manguel: Eine Geschichte des Lesens. Hamburg 1999, S. 145)
Re: Flavius Josephus in Schottland
Γραικύλος schrieb am 29.03.2026 um 23:28 Uhr (Zitieren)
Ich hoffe, daß Patroklos geschmunzelt hat.
Re: Flavius Josephus in Schottland
βροχή schrieb am 30.03.2026 um 00:02 Uhr (Zitieren)
Die Josephus Trilogie gab es noch nicht, ob sie Tam gefallen hätte?

Re: Flavius Josephus in Schottland
Patroklos schrieb am 30.03.2026 um 09:43 Uhr (Zitieren)
Hilft KI (!!) weiter?
Die Ausgabe der Werke von Flavius Josephus, die 1720 in Oxford veröffentlicht wurde, ist eine bedeutende, posthum erschienene Edition, die von John Hudson (1662–1719) herausgegeben wurde.
Re: Flavius Josephus in Schottland
Γραικύλος schrieb am 30.03.2026 um 10:47 Uhr (Zitieren)
Diese Frage hat sich mir gar nicht gestellt - ich finde den Tam Fleck amüsant.
Re: Flavius Josephus in Schottland
Patroklos schrieb am 30.03.2026 um 11:51 Uhr (Zitieren)
Für Freunde von Tam Fleck:
https://www.classicsandclass.info/product/172/
Tam=Thomas
Re: Flavius Josephus in Schottland
??? schrieb am 30.03.2026 um 12:07 Uhr (Zitieren)
@Graeculus:
Wie kommst du auf deine Textauswahl und Themen?
Ich erkenne keine Verbindungen oder System.

Mich würde auch interessieren, wie dein literarischer Alltag aussieht.
Wieviele Stunden am Tag liest du?
Wieviele Bücher umfasst deine Bibliothek
ungefähr?
Re: Flavius Josephus in Schottland
Bukolos schrieb am 30.03.2026 um 14:03 Uhr (Zitieren)
Zitat von Patroklos am 30.3.26, 9:43Hilft KI (!!) weiter?
Die Ausgabe der Werke von Flavius Josephus, die 1720 in Oxford veröffentlicht wurde, ist eine bedeutende, posthum erschienene Edition, die von John Hudson (1662–1719) herausgegeben wurde.

Allerdings liest Tam ja wohl weder Latein noch Griechisch. Es ist denn auch von einer englischen Ausgabe die Rede. Will man sich nicht auf die z. T. sehr phantasiebegabten LLMs verlassen, sollte der Weg über die einschlägigen Bibliographien gewählt werden. Für den fraglichen Zeitraum wäre das Hoffmanns Bibliographisches Lexikon der gesammten Litteratur der Griechen, Bd. 2, Lpz. 1839. Hiernach käme vor allem die Übersetzung von Roger L'Estrange infrage (3 Bde. 1702-1706, mehrfach nachgedr.). Aber auch diese Ausgabe wird für Tam zu kostspielig gewesen sein. Auch beschränkt er sich bei seinen Lesungen offenbar auf den Jüdischen Krieg. Denkbar erscheint am ehesten eine gekürzte Ausgabe desselben, etwa diese im Glasgow erschienene:
https://search.worldcat.org/de/title/315884470
Re: Flavius Josephus in Schottland
Patroklos schrieb am 30.03.2026 um 14:55 Uhr (Zitieren)
Verweist der Link womöglich auf obige Angabe?
Re: Flavius Josephus in Schottland
Γραικύλος schrieb am 30.03.2026 um 15:05 Uhr (Zitieren)
Das von Bukolos identifizierte Werk ist in Glasgow erschienen, das erstgenannte hingegen in Oxford.
Re: Flavius Josephus in Schottland
Patroklos schrieb am 30.03.2026 um 16:05 Uhr (Zitieren)
In Oxford erschien
Flavii Iosephi quae reperi potuerunt opera omnia, graece et latine (1720) is a book by John Hudson (posthumously edited by Anthony Hall),
Allerdings griechisch und latein, was Tam Flecks Lektüre fraglich macht.
Die englische Übersetzung von William Whiston wird unterschiedlich datiert (ich sehe 1796 bis 1820 und später) und Orten zugeordnet. Eine sehr populäre Ausgabe.
Manguel mag etwas „mingled“ haben.
Re: Flavius Josephus in Schottland
Γραικύλος schrieb am 30.03.2026 um 16:13 Uhr (Zitieren)
Manguel zitiert ja wörtlich William Chambers' Biographie seines Bruders Robert:
William Chambers

Memoir of Robert Chambers with Autobiographic Reminiscences

Edinburgh 101880

Falls ein Fehler vorliegt, dürfte er darauf zurückgehen. Gedacht habe ich mir, daß ein Verleger das wissen sollte.
Re: Flavius Josephus in Schottland
Patroklos schrieb am 30.03.2026 um 16:42 Uhr (Zitieren)
Im Original, Chambers:
The source of this interesting conversation was a well-worn copy of L'Estrange's translation of " Josephus," a small folio of date 1720.
So, nun ist es geklärt. Englische Übersetzung von Sir Roger L‘Estrange, 1702, London.
Re: Flavius Josephus in Schottland
Γραικύλος schrieb am 30.03.2026 um 16:47 Uhr (Zitieren)
1720 oder 1702?
Re: Flavius Josephus in Schottland
Patroklos schrieb am 30.03.2026 um 17:17 Uhr (Zitieren)

The Works of Flavius Josephus
[Flavius Josephus], Sir Roger L'Estrange
Language: English
Published by Printed for Richard Sare, London, 1702
Re: Flavius Josephus in Schottland
Γραικύλος schrieb am 30.03.2026 um 17:26 Uhr (Zitieren)
Dann ist 1720 falsch. Es tut der Pointe freilich keinen Abbruch.
Re: Flavius Josephus in Schottland
Bukolos schrieb am 30.03.2026 um 17:28 Uhr (Zitieren)
Die L'Estrange-Ausgabe von 1702-1706 ist, wie gesagt, 3bändig. Dem Anschein nach benutzte das flichty chield Tam aber eine einbändige Ausgabe, die immer wieder von neuem durchgegangen wurde. Nur um den ersten Band dieser Edition kann es sich nicht handeln, da dieser allein die Antiquitates enthielt. Und auf eine in einen Band zusammengebundene Ausgabe aller drei Teile passt wiederum die Angabe, es handelte sich um ein small folio, bei den knapp 1000 Seiten des Werks nicht. Daher und wegen der regionalen Nähe des Druckorts Glasgow erscheint mir die Ausgabe The wars of the Jews: in two books : With the most deplorable history of the siege and destruction of the city of Jerusalem. [...] Epitomiz'd from the works of Flavius Josephus, translated into English by Sir Roger L'Estrange, Glasgow [1720], als die wahrscheinlichere.
Re: Flavius Josephus in Schottland
Patroklos schrieb am 30.03.2026 um 18:07 Uhr (Zitieren)
Schlussendlich mag ich mich mit Glasgow als Druckort nicht so recht anfreunden.
Re: Flavius Josephus in Schottland
Γραικύλος schrieb am 30.03.2026 um 18:11 Uhr (Zitieren)
Aber so, wie Bukolos es eruiert hat, paßt doch alles zur Textvorlage, inkl. L'Estrange und 1720.
Re: Flavius Josephus in Schottland
Patroklos schrieb am 30.03.2026 um 18:25 Uhr (Zitieren)
Stimmt. Wer Edinburgh schätzt, wird sein Vorurteil einfach nicht mehr los.
Re: Flavius Josephus in Schottland
Persephone schrieb am 30.03.2026 um 18:27 Uhr (Zitieren)
Zwar hörte Flecks breites Publikum nicht das Original, aber die klassische Bildung sickerte in GB im 18. und 19. Jahrhundert offensichtlich auf verschiedenen Wegen in soziale Schichten ein, die dafür nicht eigentlich prädestiniert waren. Zum bildungsgeschichtlichen Hintergrund:

A classical education was never just for the elite, but was a precious and inspiring part of working-class British life.


https://aeon.co/essays/why-working-class-britons-loved-reading-and-debating-the-classics

Edith Hall, die Autorin des Artikels, und Henry Stead haben dem ein ganzes Buch gewidmet: A People’s History of Classics: Class and Greco-Roman Antiquity in Britain and Ireland 1689-1939.
Re: Flavius Josephus in Schottland
Patroklos schrieb am 30.03.2026 um 19:26 Uhr (Zitieren)
Vielen Dank. Sehr aufschlussreich. Unser Thema kommt sogar vor:

A man named Tam Fleck kept the townsfolk of early 19th-century Peebles entranced with tales of the fall of Jerusalem. He owned a copy of Roger L’Estrange’s 18th-century abridgement of Josephus’ The Wars of the Jews, and would tour the households of Peebles reading that narrative ‘as the current news’. Wherever possible, he ended on a cliff-hanger, taking care to break off in the same place at every house, so that all his listeners would be left in the same suspense. This had the effect of turning Josephus into a sort of soap opera.
Re: Flavius Josephus in Schottland
Γραικύλος schrieb am 30.03.2026 um 20:20 Uhr (Zitieren)
Worum handelt es sich denn bei der "berühmten Edinburgher Firma" der Chambers-Brüder? Einen Verlag?
Re: Flavius Josephus in Schottland
Patroklos schrieb am 30.03.2026 um 20:42 Uhr (Zitieren)
William und sein Bruder Robert gründeten 1832 W.&R. Chambers Publishers in Edinburgh. Der erfolgreiche Verlag existiert noch heute, in London.
Re: Flavius Josephus in Schottland
Γραικύλος schrieb am 30.03.2026 um 22:54 Uhr (Zitieren)
Danke für die Auskunft.
Re: Flavius Josephus in Schottland
Patroklos schrieb am 31.03.2026 um 10:24 Uhr (Zitieren)
Eine Abschweifung zum erwähnten Ort Peebles, dessen heraldisches Motto sehr treffend ist:
The motto is Contra Nando Incrementum, Latin for "There is growth by swimming against the stream", referring to the annual migration of salmon up the River Tweed in order to breed. (Wiki)
 
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