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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Nezenna (225 Aufrufe)
Quoth schrieb am 25.03.2026 um 11:45 Uhr (Zitieren)
Eines Tages entdeckte ich kurz vor den Sommerferien am schwarzen Brett im Treppenhaus des Gymnasiums einen Zettel: „Landesmuseum sucht Grabungshelfer für die beiden letzten Juliwochen.“ Ich hatte mich schon vor den ereignislosen Ferien gegruselt, rief an, wurde mit dem zuständigen Kustos verbunden und erfuhr, dass die Grabung nur rund sieben Kilometer von meinem Zuhause entfernt war – eine gute halbe Stunde mit dem Rad. Ein sehr schüchterner Klassenkamerad, dem ich E.T.A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ geliehen hatte, interessierte sich auch für den Job, und so radelten wir zusammen am 19. Juli zum vereinbarten Dorf, wo der Kustos uns schon erwartete. Wir trugen alle Gummistiefel und stapften eine Wiese hinunter, die um so nasser wurde, je weiter wir uns dem Seeufer näherten, und da standen wir vor einer kleinen, mit Erlen bewachsenen Halbinsel, und der Kustos erklärte uns, wonach wir dort graben sollten: Nach Hausfundamenten aus Backstein und/oder Holz, denn hier solle der Bischof vor rund tausend Jahren einen „Edelhof“ unterhalten haben, vielleicht sogar einen Bischofssitz, der historisch bezeugt sei, aber es sei strittig, wo man ihn verorten könne, er habe Grund zu der Annahme, ihn hier zu suchen und nicht bei Schleswig, wie andere vermuteten. Wir legten also los, zunächst mit Spaten, dann, als erste Balken auftauchten, vorsichtiger mit Schaufeln, aber das zog sich hin, und wir hätten vielleicht hingeschmissen, wenn der Kustos nicht ein so unterhaltsamer Chef gewesen wäre. Er hielt sich ein Ende seines Taschenkamms unter die Nase und röhrte im unverkennbaren Führerton: „Ich werde niemals kapitulieren!“, oder erzählte aus seiner Gefangenschaft in Russland, wo sie ihn als studierten Frühgeschichtler sofort geschnappt und nach Nishni Nowgorod bugsiert hätten, wo er Ausgrabungen frührussischer Besiedlung leiten musste – mit nicht einem, sondern zwei Tellern Kohlsuppe pro Tag! Nach einer Woche stieß noch ein Mitschülerin zu uns, die den Zettel erst jetzt gesehen hatte. Und als seien Frauenhände nötig, um das zu vollbringen, legte sie, sorgsam pinselnd, gleich an ihrem ersten Tag eine gut erhaltene mittelslawische Keramik frei, einen schlichten, gerillten Topf, der Kustos war begeistert, fotografierte ihn „in situ“ – und als wir unter den Hausfundamenten nun noch schön geschliffene Steinbeile fanden, deren jedes uns bei Ablieferung 5 Mark einbrachte, war unser Glück perfekt. Mein schüchterner Klassenkamerad nannte die Co-Grabungshelferin Aurelie (bekanntlich die Hauptfigur der „Elixiere des Teufels“), sie waren fünf Jahre später verheiratet. Das war meine archäologische Sternenstunde, und der von Helmold von Bosau in seiner „Slawenchronik“ erwähnte Bischofssitz Nezenna hatte nun endlich seinen richtigen Ort gefunden!
Re: Nezenna
Patroklos schrieb am 25.03.2026 um 12:19 Uhr (Zitieren)
Hätte Siegfried Lenz äußerst kurze Erzählungen geschrieben, so wäre eine davon eben diese gewesen.
Re: Nezenna
Quoth schrieb am 25.03.2026 um 21:15 Uhr (Zitieren)
Vielen Dank, ich nehme es als Kompliment! Dem wirklich entzückenden Kustos habe ich vor 10 Jahren ein Lemma bei Wikipedia eingerichtet: https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Wilhelm_Struve
Re: Nezenna
Quoth schrieb am 25.03.2026 um 21:57 Uhr (Zitieren)
Und noch entzückender dies: Karl Wilhelm Struve überführt einen archäologischen Hochstapler
https://www.spiegel.de/politik/aus-der-kombuese-a-178c5589-0002-0001-0000-000046415436?context=issue
Re: Nezenna
Persephone schrieb am 25.03.2026 um 22:12 Uhr (Zitieren)
Re: Nezenna
Quoth schrieb am 26.03.2026 um 09:26 Uhr (Zitieren)
Ja, das müsste sie sein. Erinnere mich an sie nur von der Seite der Landbrücke aus.
Re: Nezenna
Quoth schrieb am 27.03.2026 um 17:12 Uhr (Zitieren)
Sieht nach eigenem Foto aus. Warst Du da mal?
Re: Nezenna
Persephone schrieb am 28.03.2026 um 00:00 Uhr (Zitieren)
Nein, ich fand es hier, weil ich wissen wollte, wie eine Landschaft aussieht, in der dein Sommer des Lebens spielt: https://slawenburgen.hpage.com/schleswig-holstein.html
Re: Nezenna
Quoth schrieb am 28.03.2026 um 17:23 Uhr (Zitieren)
Die Sache hat mich vor längerer Zeit zu der Betrachtung "Deutschland, deine Slawen" in Form eines Schulaufsatzes inspiriert, die ich hier ins Netz gestellt habe: https://keinverlag.de/507667.text
 
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