Γραικύλος schrieb am 24.03.2026 um 17:02 Uhr (Zitieren)
Wir kennen es, das vielfach bezeugte griechische Sprichwort, es sei besser, nicht geboren zu werden (griechischer Pessimismus).
In der Gegenwart vertritt diesen Standpunkt der südafrikanische Philosoph David Benatar: Better Never to Have Been. The Harm of Coming into Existence. Oxford ³2013.
Diskutiert wird dieser Standpunkt unter dem Begriff „Anti-Natalismus“, womit keine Entscheidung für einen Suizid gemeint ist, sondern die Entscheidung, keine Kinder in die Welt zu setzen.
Der deutsche Philosoph Oliver Hallich (Duisburg/Essen) hat eine Verteidigung dieses Standpunktes veröffentlicht:
Hallich vertritt einen evaluativen, keinen normativen Anti-Natalismus.
(Lord Byron: Euthanasia)
Re: Besser, nicht geboren zu sein?
Γραικύλος schrieb am 24.03.2026 um 17:06 Uhr (Zitieren)
βροχή schrieb am 24.03.2026 um 19:36 Uhr (Zitieren)
Kinder in die Welt zu setzen ist auch ein stückweit egoistisch, in Anbetracht des rapiden Bevölkerungswachstums, welches der Planet offensichtlich nicht ertragen kann, die Biosphäre geht daran kaputt.
Re: Besser, nicht geboren zu sein?
Persephone schrieb am 25.03.2026 um 00:18 Uhr (Zitieren)
Warum blieb der griechische Pessimismus, der diese sprichwörtlich gewordene Einsicht des Silenos, die Ödipus bei Sophokles wiederholt, hervorgebracht oder das Klageritual der Trauser bei der Geburt eines Kindes angesichts des Leides, das ihm im Leben widerfahren wird, angestimmt hat, immer nur passiv-retrospektiv und ist nie zu einer präventiven Konsequenz gelangt? Warum hat er nie den Verzicht auf Nachkommen, Kern des modernen Antinatalismus, um diesen das Leid zu ersparen, und nicht, weil sie selbst eine Last wären, gefordert? Weil er heroisch war und nicht nur moralisch?
Re: Besser, nicht geboren zu sein?
Γραικύλος schrieb am 25.03.2026 um 01:19 Uhr (Zitieren)
Nicht immer, wie ich meine:
(Euripides, fr. 908, 908a)
Ich habe noch eine andere Stelle im Kopf: den Mythos von der Priesterin, die ihren Gott um das bestmögliche Geschenk für ihre Söhne bittet, welche daraufhin sterben. Momentan weiß ich nicht, woher ich sie habe.
Aber dieser Aspekt tritt selten hervor.
Re: Besser, nicht geboren zu sein?
Persephone schrieb am 25.03.2026 um 01:27 Uhr (Zitieren)
Aber haben die Erwägungen vor dem hervorgehobene Fazit nicht vorwiegend das Leid der Mutter (Schmerzen, Enttäuschung über ihre Eigenschaften, Verlustangst), nicht aber das der Kinder, das es zu verhindern gälte, im Blick?
Re: Besser, nicht geboren zu sein?
Γραικύλος schrieb am 25.03.2026 um 01:32 Uhr (Zitieren)
Vorwiegend, ja. Deshalb ragt die zitierte Euripides-Stelle heraus.
An die andere erinnere ich mich jetzt wieder: Herodot I 29-32. Und auch da geht es um das Wohl der Kinder:
Zugegeben, es steht in Griechenland nicht so im Vordergrund wie im Anti-Natalismus.
Re: Besser, nicht geboren zu sein?
Γραικύλος schrieb am 25.03.2026 um 01:38 Uhr (Zitieren)
Um es deutlicher zu sagen: Bei Euripides spricht zunächst die Mutter von ihrem eigenen Leid, das stimmt.
Die zweite Stelle aber ist nicht unbedingt auf die erste folgend, könnte sogar aus einem anderen Drama stammen; deshalb sehe ich sie als eigenständige Aussage an. Und die fällt dann doch tatsächlich im Sinne des Anti-Natalismus aus.
Re: Besser, nicht geboren zu sein?
Persephone schrieb am 25.03.2026 um 02:05 Uhr (Zitieren)
Ja, wenn sie nicht zusammengehören und sonst kein Kontext dagegenspricht, kann man das so verstehen. Hast du zufällig das Original?
Bei Herodot, berücksichtigt man den Dialog zwischen Solon und Kroisos, geht es, meine ich, eher um das Glück, zum richtigen Zeitpunkt zu sterben, als um eine negative Gesamtbilanz des Lebens, die es ratsam erscheinen lässt, die Kinder erst gar nicht zu zeugen.
Kleobis und Biton belegen ja nur Platz zwei hinter Tellos in der Frage nach dem glücklichsten Menschen, in beiden Erzählungen geht um den glücklichen Tod am Zenit des Lebens:
Und bezahlt dann deine Altersversorgung?
Nur wenn jeder privat vorsorgen müsste,
ginge das. Doch eine Systemänderung ist schwierig
und wirft viele Probleme und die Gerechtigkeitsfrage auf.
Das dt. Rentensystem wird wohl ohnehin nicht zu retten sein in der heutigen Form.
Doch wie kann jeder fürs Alter vorsorgen?
Aktien sind unsicher, andere sichere Anlageformen wenig rentabel und nicht inflationsgeschützt.
Ich habe KI rechnen lassen:
Startgehalt: 3.000 € Brutto
Beitragssatz (RV): 18,6 % (AG + AN Anteil) = 558 € monatlicher Sparplan
Dynamik: 2 % jährliche Steigerung der Sparrate (Gehaltszuwachs)
Aktienrendite: 7 % pro Jahr (historischer Durchschnitt)
Laufzeit: 45 Jahre
Gesamtkapital nach 45 Jahren: 2.320.000 €
Davon eingezahlte Beiträge: 483.000 €
Davon Zinsgewinne: 1.837.000 € (steuerpflichtig)
Die monatliche Rente (Kapitalverzehr)
Auszahlungszeitraum: 240 Monate (20 Jahre)
Zinssatz (Auszahlung): 3 % pro Jahr
Monatliche Brutto-Rente: 12.866 €
Monatliche Netto-Auszahlung (20 Jahre lang): 10.150 €
Inflationsbereinigt (2% p.a.): ca. 4.850 €
(heutige Kaufkraft).
Das ist jedoch mit vielen Unsicherheiten behaftet.
Wer kann 45 Jahre vorausschauen?
Zum Vergleich:
Die Eckrente 2026 (Brutto)
Bis 30. Juni 2026: ca. 1.835,55 €
Ab 1. Juli 2026: ca. 1.913,40 € (nach der beschlossenen Erhöhung um 4,24 %)
Brutto (ab Juli): 1.913,40 €
Abzüge (KV/PV ca. 11–12 %): ca. -225,00 €
Netto vor Steuern: ca. 1.688,40 €
Re: Besser, nicht geboren zu sein?
βροχή schrieb am 25.03.2026 um 06:40 Uhr (Zitieren)
@νύξ
bevor du mich was fragst, ganz kurz
wo finde ich denn deine Antwort auf meine letzte Frage an dich?
Re: Besser, nicht geboren zu sein?
Γραικύλος schrieb am 25.03.2026 um 14:32 Uhr (Zitieren)
An Persephone:
Das griechische Original zu Euripides fr. 908a lautet:
Es handelt sich um ein Zitat aus einem nichtidentifizierbaren Stück, überliefert bei Clemens Alexandrinus, Strom. 3, 3, 22.
Re: Besser, nicht geboren zu sein?
Persephone schrieb am 25.03.2026 um 16:15 Uhr (Zitieren)
Danke, Γραικύλος. .... ὁρῶντας εἰς ὅσους (πόνους) φυτεύομεν - sehend, in wie viele (Mühen) wir (sie) hineinpflanzen, kommt der antanatalistischen Position, die das Leid der Kinder zum entscheidenden Grund für den Verzicht, sie zu zeugen, macht, tatsächlich am nächsten.
Es scheint sich aber doch ingesamt um eine dichterische Ausnahmeposition zu handeln, Haltung bedeutender pessimistischer Strömungen der griechischen Philosophie war das nie, oder?
Re: Besser, nicht geboren zu sein?
Γραικύλος schrieb am 25.03.2026 um 17:06 Uhr (Zitieren)
Nein, soweit ich sehe, nicht.
Immerhin finde ich noch bei einem Griechen die Trauser: