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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Ein zweites Mal in die Höhle des Kyklopen? (194 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 11.02.2026 um 00:04 Uhr (Zitieren)
Plutarch, Cato der Ältere 9:
Als er [sc. Cato] Polybios (1) zuliebe von Scipio wegen der Verbannten aus Achaia angesprochen wurde und eine lange Verhandlung im Senat stattfand, da die einen ihnen die Rückkehr bewilligen wollten, die anderen dagegen waren, stand Cato auf und sagte: „Als ob wir nichts zu tun hätten, sitzen wir den ganzen Tag und streiten um ein paar griechische Wackelgreise, ob sie von unsern oder von den Leichenträgern in Achaia beerdigt werden sollen.“

Als darauf die Rückkehr für die Männer beschlossen war, ließ Polybios ein paar Tage vergehen und wollte dann versuchen, noch einmal im Senat vorzukommen, um zu erreichen, daß die Verbannten auch die Stellungen, die sie in Achaia innegehabt hatten, wiederbekämen, sondierte aber zuerst die Meinung Catos. Doch der sagte lachend, Polybios komme ihm vor wie ein Odysseus, der ein zweites Mal in die Höhle des Kyklopen gehen wolle, weil er seine Kappe und seinen Gürtel dort vergessen hätte [ὁ δὲ μειδιάσας ἔφη τὸν Πολύβιον ὥσπερ τὸν Ὀδυσσέα βούλεσθαι πάλιν εἰς τὸ τοῦ Κύκλωπος σπήλειον εἰσελθεῖν, τὸ πλίον ἐκεῖ καὶ τὴν ζώνην ἐπιλελησμένον].

(Plutarch: Große Griechen und Römer. Herausgegeben von Konrat Ziegler. 6 Bde. München 1979; Band 1, S. 331)

(1) Polybios von Megalopolis (ca. 200 – 120 v.u.Z.), einer der 1000 vornehmen Achaier, die nach dem Perseuskriege (167) unter der Anklage, mit Perseus konspiriert zu haben, nach Italien gebracht und dort bis 150 festgehalten wurden. Polybios wurde Freund und Mentor des jüngeren Scipio und schrieb eine Universalgeschichte in vierzig Büchern, von der etwa ein Viertel erhalten ist.
Re: Ein zweites Mal in die Höhle des Kyklopen?
Persephone schrieb am 12.02.2026 um 14:11 Uhr (Zitieren)
Das war knapp vor seinem Tod, oder? Ist das wieder ein Beispiel für die gewitzte Anwendung seiner im Alter erworbenen griechischen Literaturkenntnisse, mit denen er beim vornehmen Polybios punkten will?
Re: Ein zweites Mal in die Höhle des Kyklopen?
Quoth schrieb am 15.02.2026 um 10:34 Uhr (Zitieren)
Ja, sowas gibt es. Der Vater eines Kölner Freundes war im WKII Soldat gewesen, nach drei Jahren russischer Gefangenschaft nach Westberlin gezogen. Er konnte einen Tisch nicht verschmerzen, den er in seiner Ostberliner Wohnung zurückgelassen hatte, fuhr hin, wurde festgenommen und verbrachte weitere 6 Jahre in russischer Gefangenschaft.
Re: Ein zweites Mal in die Höhle des Kyklopen?
Bukolos schrieb am 17.02.2026 um 08:37 Uhr (Zitieren)
Zitat von Persephone am 12.2.26, 14:11Das war knapp vor seinem Tod, oder? Ist das wieder ein Beispiel für die gewitzte Anwendung seiner im Alter erworbenen griechischen Literaturkenntnisse, mit denen er beim vornehmen Polybios punkten will?

Durchaus denkbar. Das πιλίον ist ja nicht nur mit Odysseus verknüpft (eine Verbindung, die literarisch tatsächlich erst mit Plutarch fassbar wird), sondern auch mit Solon, der es als Statement piece beim Vortrag seiner Eunomia-Elegie getragen haben soll.
Re: Ein zweites Mal in die Höhle des Kyklopen?
Persephone schrieb am 18.02.2026 um 16:38 Uhr (Zitieren)
Ich bin deinem Hinweis nachgegangen und fand, dass Solon sein Hütchen auch getragen habe, als er, für verrückt gehalten, Verse über die Rückeroberung von Salamis deklamierte.

Daraus ziehen manche den Schluss, es sei auch ein Symbol der Verrücktheit, eine Narrenkappe. Dazu passt wiederum die Überlieferung von Odysseus der mit Pileus Wahnsinn simuliert, um dem Krieg zu entgehen: Itaque cum sciret ad se oratores venturos, insaniam simulans pileum sumpsit …. (Hyg. fab. 95)

Seine Kopfbedeckung ist andererseits ein wichtiges visuelles Attribut, das den Mann der vielen Wege, den Seefahrer und seine Klugheit und Listigkeit symbolisiert. Macht nicht auch der Gürtel erst den entschlossenen, tatkräftigen, ganzen Mann?

Sind das also keine beliebig ersetzbaren Gebrauchsgegenstände, für die den Kopf noch einmal zu riskieren, einfach nur dumm scheint?
Drückt das auf den ersten Blick rein spöttische Urteil über den Versuch der Wackelgreise, auch ihre soziale zu retten, daher vllt. auch ein wenig Anerkennung aus?
Re: Ein zweites Mal in die Höhle des Kyklopen?
Persephone schrieb am 18.02.2026 um 16:39 Uhr (Zitieren)
… auch ihre soziale Stellung zu retten
Re: Ein zweites Mal in die Höhle des Kyklopen?
info schrieb am 18.02.2026 um 16:46 Uhr (Zitieren)
psychoanalytischer Deutungsversuch:

1. Cato als das archaische Über-Ich
Cato verkörpert in dieser Szene das unerbittliche, römische Über-Ich. Seine Abwertung der Griechen als „Wackelgreise“ dient der psychischen Abgrenzung:

Abwehrmechanismus der Entwertung: Indem er die Achäer als nutzlos und dem Tode nah darstellt, wehrt er die intellektuelle Überlegenheit der griechischen Kultur ab, die das römische Selbstbild bedrohte.

Neutralisierung durch Morbidität: Er verschiebt das politische Problem auf eine rein biologische Ebene. Das vitale Begehren der Verbannten wird neutralisiert, indem es als bloßes Warten auf das Begräbnis umgedeutet wird.

2. Polybios und der narzisstische Vollständigkeitsdrang
Polybios handelt nach einem Drang zur Wiederherstellung des beschädigten Selbstwerts. Die bloße Rückkehr (das Überleben) reicht seinem Ich nicht aus; er verlangt nach der Restitution seiner sozialen Identität.

Wiederholungszwang: Sein Versuch, den Senat erneut für Zusatzforderungen aufzusuchen, deutet auf ein Ich hin, das die reale Gefahr verkennt, weil es nach der symbolischen Heilung der „Kränkung“ (dem Verlust der Stellung) dürstet.

3. Die Kyklopen-Metapher: Kastrationsangst und Macht
Catos Vergleich mit der Höhle des Kyklopen ist psychologisch hochgradig verdichtet:

Der Senat als Verschlinger: Cato vergleicht den politischen Raum mit einer instinktgetriebenen Urkraft (dem Kyklopen), die keine zivilisierten Regeln kennt, sondern nur fressen oder freilassen.

Kappe und Gürtel als Fetische: In der Psychoanalyse können Kopfbedeckung und Gürtel als Symbole für soziale Potenz und Schutz gesehen werden. Cato verspottet Polybios dafür, dass er für diese äußeren Attribute seiner Identität bereit ist, seine Existenz erneut dem „Verschlungenwerden“ auszusetzen.

Kastrationsdrohung: Implizit sagt Cato: „Du hast dein Leben gerade noch gerettet. Dass du nun wegen deiner Zierde (Status) zurückkehrst, ist neurotische Tollkühnheit.“ Er markiert den Griechen als jemanden, der den Ernst der realen Machtverhältnisse zugunsten eines symbolischen Prestiges vergisst.

4. Das Lachen des Aggressors
Catos Lachen ist das Zeichen souveräner Aggression. Es ist das herablassende Lachen des „Vaters“, der das „Kind“ (Polybios) für seine Naivität verspottet. Er signalisiert damit, dass die Gnade kein Akt der Gerechtigkeit war, sondern ein launischer Akt der Willkür. Wer diese Willkür ohne Not ein zweites Mal herausfordert, zeigt einen Mangel an Realitätsprüfung.
 
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