Die Idee vom "melting pot of nations" schön explizit formuliert ... Aber wo bleiben die Huronen, Apachen und Cherokee? Die Afrikaner? und sogar von den Hebräern setzt er sich ab, "deren Blut entartet ist bei dem Versuch, es dadurch zu veredeln, daß sie eine ausschließliche Nachfolge untereinander versuchen." Und die Deutschen ahmten sie in ihrem Arierpurismus nach ... Angeregt wohl von der Diskussion um Xenophobie im alten Griechenland.
Re: Homer und Amerika
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 15.01.2026 um 14:09 Uhr (Zitieren)
Anzumerken bleibt, daß für Herrn M. Amerika vor Washington ein komplett unbesiedeltes Land gewesen zu sein scheint …. und er die Ströme vergossenen Amerikanerbluts zu übersehen/ verschweigen zu dürfen glaubt, weil es nicht in den Adern von Siedlern der Alten Welt geflossen war. Insofern stimmt der Hinweis auf die Aktualität dieser Passage.
In diesem Zusammenhang könnte ich andauernd Max Liebermann zitieren 🤬
Re: Homer und Amerika
βροχή schrieb am 15.01.2026 um 14:13 Uhr (Zitieren)
... Aber wo bleiben die ...
das dachte ich auch.
Es entstand eben nicht die erträumte Mischgesellschaft, sondern ein Sammelsurium von Parallelgesellschaften.
Re: Homer und Amerika
Γραικύλος schrieb am 15.01.2026 um 14:16 Uhr (Zitieren)
Es fällt in der Tat auf, welche Völker explizit genannt werden und welche nicht. Das mag sich dadurch erklären, daß es in dem Roman um eine Schiffsreise von Amerika nach Europa (England) geht. Eine bessere Erklärung habe ich dafür nicht.
Aber es ist ja mehrfach von allen Nationen die Rede, und wenn man sich die Siedlungsgeschichte anschaut, gehören dazu gewiß auch die "Hebräer". Kritisiert werden diese von Melville nur im Hinblick auf ihren Exklusvititäts- bzw. Reinheitsanspruch.
Man kann, logisch gesehen, den Universalismus nicht vertreten ohne Kritik an seinem Gegenteil, dem Partikularismus oder Nationalismus. Hätte Melville den Arierwahn schon gekannt, hätte er vermutlich auch auf ihn Bezug genommen.
Re: Homer und Amerika
βροχή schrieb am 15.01.2026 um 14:20 Uhr (Zitieren)
Universalismus und Partikularismus sind ja 2 Extreme. Das Leben findet sein Optimum nicht im extremen.
Re: Homer und Amerika
Γραικύλος schrieb am 15.01.2026 um 14:20 Uhr (Zitieren)
Das bleibt ja richtig - erst recht, wenn man die Schwarzen und die "first nations" (die übrigens nicht die ersten Siedler waren: Clovis-Kultur) einbezieht.
Re: Homer und Amerika
βροχή schrieb am 15.01.2026 um 14:26 Uhr (Zitieren)
Es gibt zahlenmäßig prozentual ein Optimum an nichteinheimischen in einer Gesellschaft, welche Horizonterweiterung und Weiterentwicklung bewirken. Und dann gibt es irgendwo auch eine kritische prozentuale Masse an nichteinheimischen, bei deren Erreichen die Gesellschaft unrettbar kippt, sh. Amerika.
Re: Homer und Amerika
Γραικύλος schrieb am 15.01.2026 um 14:40 Uhr (Zitieren)
Der Roman ist übrigens 1849 erschienen, als Amerika in ideologischer Konkurrenz zum altehrwürdigen und hochnäsigen Europa mit seinen Nationalstaaten stand.
Die Thematisierung der anderen, internen Probleme (nicht nur Nordamerikas) wie Sklaverei und Umgang mit einheimischen Völkern bot sich bei der Schilderung einer Schiffsreise nach England nicht so an. Allerdings hat sie dann ja, zumindest was die Sklaverei anging, wenig später Fahrt aufgenommen.
Übrigens schildert Melville auch den Hafen von Liverpool als Mikrokosmos: Jedes dort liegende Schiff repräsentiere eine eigene Nation.
Re: Homer und Amerika
Γραικύλος schrieb am 15.01.2026 um 14:44 Uhr (Zitieren)
Daß es mit dem Mittelweg zwischen Universalismus und Nationalismus nicht so einfach steht, legt Kant in seiner Schrift zum ewigen Frieden dar (Zweiter Definitivartikel):
[quote]Das Völkerrecht soll auf einen Föderalism freier Staaten gegründet sein.
Völker, als Staaten, können wie einzelne Menschen beurteilt werden, die sich in ihrem Naturzustande (d.i. in der Unabhängigkeit von äußern Gesetzen) schon durch ihr Nebeneinandersein lädieren, und deren jeder, um seiner Sicherheit willen, von dem andern fordern kann und soll, mit ihm in eine, der bürgerlichen ähnliche, Verfassung zu treten, wo jedem sein Recht gesichert werden kann. Dies wäre ein Völkerbund, der aber gleichwohl kein Völkerstaat sein müßte. Darin aber wäre ein Widerspruch; weil ein jeder Staat das Verhältnis eines Oberen (Gesetzgebenden) zu einem Unteren (Gehorchenden, nämlich dem Volk) enthält, viele Völker aber in einem Staate nur ein Volk ausmachen würden, welches (da wir hier das Recht der Völker gegen einander zu erwägen haben, so fern sie so viel verschiedene Staaten ausmachen, und nicht in einem Staat zusammenschmelzen sollen) der Voraussetzung widerspricht. [...]]/quote]
Das berührt freilich nicht die Vielfalt innerhalb eines Staates - ein eigenes Problem.
Re: Homer und Amerika
Γραικύλος schrieb am 15.01.2026 um 14:45 Uhr (Zitieren)
Re: Homer und Amerika
βροχή schrieb am 15.01.2026 um 14:45 Uhr (Zitieren)
Mikrokosmisch zusammengesetzte Gesellschaften geraten in innere Konflikte, weil mehrere Mikrokosmosteilnehmer gleichzeitig die anderen dominieren wollen.
Re: Homer und Amerika
βροχή schrieb am 15.01.2026 um 14:50 Uhr (Zitieren)
Mit dem Universalismus pur und dem Nationalismus pur steht es noch schlimmer.
Re: Homer und Amerika
Persephone schrieb am 15.01.2026 um 15:12 Uhr (Zitieren)
„Denn wer war unser Vater und unsere Mutter?“ in der Aufzählung kommen dann natürlich nur Männer, dieser scheinbare Universalismus ist nicht nur ein gar nicht so heimlicher nationaler bzw. ethnischer, sondern auch ein geschlechtlicher Partikularismus .
Okay, und wo liegt das und mit welcher Methode findet man es heraus?
Re: Homer und Amerika
βροχή schrieb am 15.01.2026 um 15:22 Uhr (Zitieren)
Das könnten sozialwissenschaftl. Experten beantworten, falls sie es erforschen möchten.
Re: Homer und Amerika
βροχή schrieb am 15.01.2026 um 15:29 Uhr (Zitieren)
Wo der gesellschaftl. Kipppunkt liegt, da sieht es ganz so aus, dass der im Grossversuch empirisch ohne lästige theoretische Vorüberlegungen in verschiedenen Staaten ermittelt wird.
Re: Homer und Amerika
Patroklos schrieb am 15.01.2026 um 15:52 Uhr (Zitieren)
Für die gouvermentale Selbstinterpretation der USA ist ein Blick aufs Kapitol nachdrücklich eindrucksvoll.
Re: Homer und Amerika
Patroklos schrieb am 15.01.2026 um 16:04 Uhr (Zitieren)
Sorry:
gouvernementale
Re: Homer und Amerika
Γραικύλος schrieb am 15.01.2026 um 22:23 Uhr (Zitieren)
An Persephone:
Offensichtlich ist Melville, der ja "die Väter und Mütter" im Prinzip erwähnt, bei der Nennung der einzelnen Namen darum bemüht, sich auf diejenigen zu beschränken, die Jaspers als "die maßgebenden Menschen" bezeichnet.
Daß jeder Mann von einer Frau geboren wird, klar.
Aber wenn man die Weltgeschichte so sieht, wie sie abgelaufen ist, und nicht so, wie sie hätte ablaufen sollen - welche Frauen hättest Du dann in dieser Kategorie genannt? Um 1849, wohlgemerkt.
Auffallend erscheint mir, daß er nicht (den historischen) Jesus, sondern Paulus nennt. Damit möchte ich ihm recht geben. Das Christentum, wie wir es kennen und wie es historisch wirkungsmächtig war, hat mit dem Zimmermann aus Galiläa und seinen Anliegen wenig, hingegen mit Paulus sehr viel zu tun.
Re: Homer und Amerika
Persephone schrieb am 16.01.2026 um 00:25 Uhr (Zitieren)
@Γραικύλος
Schon klar, dass in der damaligen Logik die Frau für das Private zuständig und der Mann für das Universelle und viele heute erst gewürdigte Beiträge von Frauen zur Geschichte und kulturellen Entwicklung ihm unbekannt gewesen oder zu unbedeutend erschienen sein dürften für seine Liste.
Aber z.B. Elisabeth I. von England, nach der ein ganzes Zeitalter benannt wurde (schon im 19. Jahrhundert), in dem Shakespeare seine Stücke schrieb, hätte ihm doch wenigstens einfallen können, wenn er die Frage nach den Mütter schon selbst stellt, oder? War die weniger maßgeblich als Alfred der Große?
Re: Homer und Amerika
Γραικύλος schrieb am 17.01.2026 um 18:19 Uhr (Zitieren)
Die Personen, die Melville nennt, haben durchweg Bedeutung erlangt durch etwas, das sie getan haben, durch ein Werk.
Bei Shakespeare ist das klar. Aber welches Werk von gleicher Bedeutung für unsere Kultur hätte Elisabeth I. vorzuweisen?
***
Gestern haben wir uns die neue Camus-Verfilmung "Der Fremde" angesehen, von François Ouzon.
Beim anschließenden Gespräch sind wir auf das Verhältnis der algerischen Araber zu den französischen Kolonialherren gekommen ... und wie Camus zu diesem Konflikt stand.
Dabei habe ich mir erinnert an ein Gespräch mit einer algerischen Berberin, deren Vater, so sagte sie, Camus' Apotheker gewesen sei.
Sie war als Berberin auf die (algerischen) Araber überhaupt nicht gut zu sprechen.
Nun frage ich mich, wieso der Umgang weißer Kolonialmächte mit der indigenen Bevölkerung so oft thematisiert wird (auch und gerade im Falle der USA), aber nie die Araber als Kolonialmacht gesehen und beurteilt werden. Für die Berber im Maghreb waren sie Eroberer, und anscheinend kränkt das manche Berber noch heute.
Ähnliches gilt für Sklaverei und Sklavenhandel.
Re: Homer und Amerika
βροχή schrieb am 17.01.2026 um 19:55 Uhr (Zitieren)
... der Urvater der Postkolonialideologie war US-Araber
Re: Homer und Amerika
Persephone schrieb am 17.01.2026 um 20:16 Uhr (Zitieren)
Welches Werk hat denn Alfred der Große in der Liste vorzuweisen, dass er neben Shakespeare steht? Er hat es doch wohl auch wegen seiner politischen Erfolge (Abwehr der Wikinger, Einiger des angelsächsisches Königtums) und seiner Rolle als Förderer der Kultur auf diese geschafft, nicht primär als Autor. Damit kann Elisabeth I., unter der England zur führenden Seemacht aufsteigt, die erste englische Kolonie in Amerika gegründet wird, die anglikanische Kirche durch das Elizabethan Religious Settlement gefestigt wird, und eine kulturelle Blüte vor allem der Literatur einsetzt, die sogar nach ihr benannt wurde, mithalten.
Sie hat als Gründerfigur der englischen Weltmacht, deren maritime Expansion später die Grundlage für die englische Kolonisation Nordamerikas bildet und Namensgeberin der kulturellen Blütezeit vllt. sogar mehr Anrecht auf einen Platz in der Liste kultureller und politischer Vorfahren, die die USA als Erben der gesamten europäischen Tradition darstellen soll, als Alfred.
Und Washington? Der ist doch vmtl. auch als Staatsmann und nicht vorrangig als Autor genannt worden, auch wenn er viel geschrieben hat. Geht's um verschriftlichte politische Rhetorik, Diplomatie und Briefwechsel, ist auch Elisabeth I., die sechs Sprachen sprach, nicht untätig geblieben: Speech to the Troops at Tilbury, Golden Speech.
Re: Homer und Amerika
Γραικύλος schrieb am 17.01.2026 um 20:21 Uhr (Zitieren)
Mit "Werk" meinte ich durchaus nicht nur Verfasser von Büchern.
Was Du zu Elizabeth I. vorträgst, ist ein gutes Argument, soweit das Genannte auf ihre Initiative zurückging.
Re: Homer und Amerika
Persephone schrieb am 17.01.2026 um 20:27 Uhr (Zitieren)
Vllt für den Antikenbezug interessant … Witzigerweise haben Alfred und Elisabeth I. beide Boethius übersetzt im Abstand von 700 Jahren.
Re: Homer und Amerika
Γραικύλος schrieb am 17.01.2026 um 22:43 Uhr (Zitieren)
Danke für diese interessante Information.
Re: Homer und Amerika
Quoth schrieb am 18.01.2026 um 11:35 Uhr (Zitieren)
Nadia Owusu, Tochter einer Armenierin und eines Ghanaers, schildert in ihren sehr lesenswerten Erinnerungen "Aftershocks" wie schockiert sie war, in Ghana zu erfahren, dass ihre eigenen Vorfahren sich durch den Sklavenhandel bereichert hatten ... https://quoth.de/begegnungen-mit-buechern/#Nadia_Owusu_Aftershocks
Re: Homer und Amerika
Γραικύλος schrieb am 18.01.2026 um 16:25 Uhr (Zitieren)
An einer späteren Stelle des Romans "Redburn" (Kap. 58) steht die folgende Passage:
(1) Melville schildert in seinem Roman die katastrophalen Bedingungen, unter denen 600 Auswanderer auf einem einzigen Schiff von Liverpool nach Amerika fuhren: Hunger, Kälte, Schmutz, Seuchen.