α β γ δ ε ζ η θ ι κ λ μ ν ξ ο π ρ ς σ τ υ φ χ ψ ω Α Β Γ Δ Ε Ζ Η Θ Ι Κ Λ Μ Ν Ξ Ο Π Ρ C Σ Τ Υ Φ Χ Ψ Ω Ἷ Schließen Bewegen ?
Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Zur Deutung Homers (107 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 16.12.2025 um 16:10 Uhr (Zitieren)
Christoph Martin Wieland, Geschichte der Abderiten:
Als die Homerischen Gedichte unter den Griechen bekannt geworden waren, hatte das Volk – das in vielen Dingen mit seinem schlichten Menschenverstande richtiger zu sehen pflegt als die Herren mit bewaffneten Augen – gerade Verstand genug, um zu sehen daß in diesen großen heroischen Fabeln, ungeachtet des Wunderbaren, Abenteuerlichen und Unglaublichen, womit sie reichlich durchwebt sind, mehr Weisheit und Unterricht fürs praktische Leben liege, als in allen Milesischen Ammenmärchen; und wir sehen aus Horazens Brief an Lollius, und aus dem Gebrauch, welchen Plutarch von jenen Gedichten macht und zu machen lehrt, daß man, was recht und nützlich, was unrecht und schädlich sei, und wie viel ein Mann durch Tugend und Weisheit vermöge, so gut und noch besser aus Homers Fabeln lernen könne, als aus den subtilsten und beredtesten Sittenlehrern.

Man überließ es alten Kindsköpfen (denn die jungen belehrte man eines bessern), an dem bloßen materiellen Teil der Dichtung kleben zu bleiben; verständige Leute fühlten und erkannten den Geist der in diesem Leibe webte, und ließen sichs nicht einfallen, scheiden zu wollen was die Muse untrennbar zusammen gefügt hatte, das Wahre unter der Hülle des Wunderbaren, und das Nützliche, durch eine Mischungskunst die nicht allen geoffenbart ist, vereinbart mit dem Schönen und Angenehmen.

Wie es bei allen menschlichen Dingen geht, so ging es auch hier. Nicht zufrieden, in Homers Gedichten warnende oder aufmunternde Beispiele, einen lehrreichen Spiegel des menschlichen Lebens in seinen mancherlei Ständen, Verhältnissen und Szenen zu finden, wollten die Gelehrten späterer Zeiten noch tiefer eindringen, noch mehr sehen als ihre Vorfahren; und so entdeckte man (denn was entdeckt man nicht, wenn man sichs einmal in den Kopf gesetzt hat etwas zu entdecken?) in dem was nur Beispiel war Allegorie, in allem, sogar in den bloßen Maschinen und Dekorationen des poetischen Schauplatzes, einen mystischen Sinn, und zuletzt in jeder Person, jeder Begebenheit, jedem Gemälde, jeder kleinen Fabel, Gott weiß was für Geheimnisse von Hermetischer, Orphischer und Magischer Philosophie, an die der gute Dichter gewiß so wenig gedacht hatte, als Virgil, daß man zwölfhundert Jahre nach seinem Tode mit seinen Versen die bösen Geister beschwören würde.
[...]

(Christoph Martin Wieland: Romane. Hrsg. v. Friedrich Beißner. München 1964, S. 895 f.)
 
Antwort
Titel:
Name:
E-Mail:
Eintrag:
Spamschutz - klicken Sie auf folgendes Bild: Pfau

Aktivieren Sie JavaScript, falls Sie kein Bild auswählen können.