Welche Personen hat der Verfasser konkret im Auge?
Re: Der Hohlkopf
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 27.07.2025 um 13:10 Uhr (Zitieren)
Bemerkung am Rande, "daß es, wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es hohl klingt, nicht allemal am Buche liegen müsse."
Lichtenberg
Re: Der Hohlkopf
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 27.07.2025 um 13:27 Uhr (Zitieren)
Τέκνον Ἀναιδείης, ἀμαθέστατε, θρέμμα Μορίης
Was für eine gesalzene Anrede! (taking a mental note: auswendig lernen!)
Re: Der Hohlkopf
Γραικύλος schrieb am 27.07.2025 um 14:08 Uhr (Zitieren)
Für die lateinische Sprache gab es ja Gerhard Finks "Der kleine Schmutzfink - Unflätiges aus dem Latein" (Düsseldorf/Zürich 2001).
Für eine eventuelle griechische Version wäre die hiesige Anrede ein Muß.
Re: Der Hohlkopf
Bukolos schrieb am 27.07.2025 um 22:27 Uhr (Zitieren)
Das θρέμμα Μορίης steht in seltsamer Spannung zum Inhalt: Diesen stupendus barbarismus* (H. van Herwerden) sollte man in einem Schmähgedicht auf einen Grammatiker, dem die Expertise abgesprochen wird, nicht erwarten. Entsprechend gab es im Verlauf der Zeit mehrere Konjekturen: θρέμμ᾽ ἀιδρείης / ἀκορίης / ἀμορίης.
So wie es dasteht, ist ein θρέμμα μορίης allerdings auch zu verstehen als jemand, der von den Olivenbäumen in der Akademie seine Nahrung bezieht, insofern nicht unpassend als Bezeichnung für einen Platoniker. Dass das im kaiserzeitlichen Griechisch phonetisch mit θρέμμα μωρίης zusammenfällt, dürfte einen Teil des Witzes ausmachen.
* Das in Entsprechung zur Übersetzung korrekte μωρίης lässt sich metrisch nicht integrieren.
Re: Der Hohlkopf
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 28.07.2025 um 00:22 Uhr (Zitieren)
Bukolos, das ist wieder einmal ein Beitrag nach meinem Geschmack, danke!
Ich denke auch, daß Palladas bewußt mit der Doppeldeutigkeit / (Quasi)homophonie von μορἰα/μωρἰα spielt, um den Florettstich noch wirkungsvoller zu setzen, nach dem Motto: ob der Blödian das überhaupt merkt? Und ihm dann, wenn er in die Falle tappt und sich aufpustet, die Tempeloliven als unschuldige Variante zu präsentieren (denn da hat er ja die Erfordernisse des Versmaßes auf seiner Seite - sollte das dem Supergrammatikus etwa entgangen sein?!)
Also sinngemäß etwas wie "... du [jämmerliche] Kreatur der Oliven / Dummheit (hihi)", natürlich ohne Rücksicht aufs Metrum.
Re: Der Hohlkopf
Γραικύλος schrieb am 28.07.2025 um 14:54 Uhr (Zitieren)
Zwei Hinweise:
1. Der Pape erwähnt s.v. μορία den Palladas in der Anth. Graec. 11, 305 als spezielle Schreibweise von μωρία.
2. Μορίης ist großgeschrieben, was m.E. eine Personifizierung ausdrückt.
Re: Der Hohlkopf
Γραικύλος schrieb am 28.07.2025 um 15:16 Uhr (Zitieren)
Das habe ich falsch ausgedrückt. μωρία wird von Pape als eine spezielle Schreibweise von Palladas für μορία angegeben - abgesehen von dem eigenen Lemma für μωρία.
Re: Der Hohlkopf
Bukolos schrieb am 28.07.2025 um 21:31 Uhr (Zitieren)
Sicher, seit rund anderthalb Jahrhunderten kann Palladas sich in Sachen Orthegraphie auf Pape und Co. berufen. Aber was war davor?
Was die Großschreibung betrifft, ist das eine Herausgeberentscheidung (nichts, was überliefert wäre).
Re: Der Hohlkopf
Bukolos schrieb am 28.07.2025 um 22:58 Uhr (Zitieren)
(Orthegraphie ist an dieser Stelle eine spezielle Schreibweise für Orthographie und nicht zu beanstanden.)
Re: Der Hohlkopf
Γραικύλος schrieb am 28.07.2025 um 23:02 Uhr (Zitieren)
Ich bin davon ausgegangen, daß Pape und Beckby sich etwas dabei gedacht haben.
Re: Der Hohlkopf
Bukolos schrieb am 28.07.2025 um 23:44 Uhr (Zitieren)
Und ich davon, dass Palladas sich etwas bei seiner Entscheidung gedacht habe. ;)
Aber im Ernst: Wörterbücher liefern ja zunächst nicht mehr als ein Interpretationsangebot. Wenn wir uns für die Interpretation von μορίης in AG 11, 305 auf einen Lexikoneintrag berufen, der diese Interpretation nur mit AG 11, 305 belegen kann, geraten wir in eine zirkuläre Argumentation. Das ist nicht wirklich erstrebenswert.
Re: Der Hohlkopf
βροχή schrieb am 29.07.2025 um 10:50 Uhr (Zitieren)
... die haben sich alle etwas gedacht. Wie kommt man nach langer Zeit dahinter was?
@Bukolos
wie werden μωρία und μορία
unterschiedlich übersetzt? (Ich finde die Lösung nicht)
Re: Der Hohlkopf
Γραικύλος schrieb am 29.07.2025 um 11:38 Uhr (Zitieren)
μορία: Olivenbaum, Ölbaum
μωρία: Dummheit
Re: Der Hohlkopf
βροχή schrieb am 29.07.2025 um 11:45 Uhr (Zitieren)
Da es unterschiedliche Bedeutungen gibt, stimme ich Bukolos zu, da steht ein Wortspiel mit Doppelsinn dahinter.
Platon hatte einen riesigen Olivenbaum.
Viell. meint er die heruntergefallenen Oliven, welche von der Weisheit Platons nichts mitbekommen?
Re: Der Hohlkopf
βροχή schrieb am 29.07.2025 um 11:51 Uhr (Zitieren)
... Übersetzer sind Brücken zw. Leser und Autor, keine Hindernisse.
@Bukolos, du bist Schwimmer, Wortspielentdecker
Re: Der Hohlkopf
βροχή schrieb am 29.07.2025 um 12:04 Uhr (Zitieren)
... mit den Oliven verspeist der Hohlkopf die Dummheit, eben weil er glaubt, sie enthielten die weisheit Platons
Re: Der Hohlkopf
filix schrieb am 29.07.2025 um 13:21 Uhr (Zitieren)
Den Olivenhain bei Platons Akademie hat Sulla abholzen lassen, fast 500 Jahre vor Palladas. Der Hohlkopf verspeist also buchstäblich gar nichts, es ist allenfalls eine Metonymie.
Die Übersetzung von γραμματικὸς als Grammatiker ist wie immer zweischneidig, weil man das moderne Verständnis schwer aus dem Kopf bekommt. Gemeint ist hier m.E. eine textphilologisch orientierte Art der Beschäftigung mit Philosophie, die sich vor anderen »Grammatikern« als genuin philosophisch aufspielt, in der Diskussion mit Philosophen aber auf philologische Positionen zurückzieht. Kommt dem Zeitgenossen bekannt vor.
Re: Der Hohlkopf
βροχή schrieb am 29.07.2025 um 13:28 Uhr (Zitieren)
... die Verbindung von den Oliven zu Platon ist trotzdem stark.
Der Hohlkopf kann sie metaphorisch verspeisen, er kann auch metaphorisch ihr Nachkömmling sein, aus ihnen gewachsen. Also ein (möchtegern)Nachfolger Platons.