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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Was wird aus unseren Bibliotheken? (673 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 08.07.2025 um 15:22 Uhr (Zitieren)
Einmal, so heißt es, muß es Abend werden, und dann treten wir ab. Was wird dann aus unseren Bibliotheken? In meinem Freundeskreis ist das ein ungelöstes Problem. Kinder? Ja, da gibt es einige, aber die haben kein Interesse an Büchern. Was soll man damit? Das steht doch alles im Netz!

Zumal unsere Bibliotheken selten ihren Schwerpunkt auf Fantasy und Young Adult haben.

Ein mir bekanntes Ehepaar befindet sich gerade in der Situation, seine Wohnung aufgeben zu müssen, und verschenkt seine Bücher. Selbst daran gibt es wenig Interesse, also wandert vieles in den Papiercontainer.

Was mich persönlich angeht (sieht man davon ab, daß es sich bei mir – anders als bei dem erwähnten Ehepaar – nicht um ein ganz akutes Anliegen handelt), so fällt es mir schwer, mir jemanden vorzustellen, der etwas mit der Prosopographia Attica oder mit 100 Bänden Philip K. Dick anzufangen wüßte.

Aber es ist kein auf mich beschränktes Problem: Ganz allgemein stellt sie sich, diese Frage: Was wird aus unseren Bibliotheken? Die bereitwilligen Helfer früherer Zeiten, die Antiquare, sind zu Rosinenpickern mutiert. Eigentlich wäre es schön, wenn Aufbau und Erhalt einer Bibliothek eine generationenübergreifende Aufgabe wären. Doch dafür ändert sich die Lage im Bereich der Informationen zu schnell und zu radikal. Wir Bibliophilen scheinen von gestern zu sein. Einmal muß es Abend werden.

(Wolfgang Weimer, 2025)
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
Andreas schrieb am 08.07.2025 um 16:54 Uhr (Zitieren)
Niemand dringt hier durch und gar
mit der Botschaft eines Toten. -
Du aber sitzt an deinem Fenster und
erträumst sie dir, wenn derAbend kommt.

F. Kafka
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
Patroklos schrieb am 08.07.2025 um 17:11 Uhr (Zitieren)
Was hat man wohl mit den Schriftrollen/Codices angestellt, als der Buchdruck obsiegte?
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
Γραικύλος schrieb am 08.07.2025 um 17:17 Uhr (Zitieren)
Handschriftliche Texte bildeten die Grundlage für die gedruckten Versionen, wurden aber anschließend nicht im Altpapier entsorgt.

Heute jedoch?

Ein Antiquar schreibt in einem anderen Forum:
"dass Universitätsbüchereien interessiert sind"

Leider nein. Das sind die schlimmsten Entsorger. Die digitalisieren alles, und werfen dann rücksichtslos weg. So geschehen gerade in Österreich.

Klöster? Denkt mal an das berühmte Benediktbeuern, die das Original der Carmina Burana hatten. Auch die haben alles aufgelöst.

Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
Patroklos schrieb am 08.07.2025 um 18:24 Uhr (Zitieren)
Wer sich um unser materielles Entschwinden kümmern wird (will), wird Regelungen zu schätzen wissen, auch deren Offenlegung. Ob Vorlass oder Testament. (Oder welche Musik…;)
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
Γραικύλος schrieb am 08.07.2025 um 18:55 Uhr (Zitieren)
Das Problem beysteht doch darin, daß man gar nicht weiß, wen man denn eintragen soll im Testament für seine Bibliothek - ganz im Gegensatz zu Bargeld oder Immobilien.
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
Γραικύλος schrieb am 08.07.2025 um 18:56 Uhr (Zitieren)
beysteht --> besteht
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
filix schrieb am 08.07.2025 um 18:58 Uhr (Zitieren)
Selbstverbrennung ist immer noch eine populäre Form des symbolischen Widerstands gegen die Verhältnisse. Unter diesem Gesichtspunkt fände ich die abgemilderte Form, als Bibliophiler, dessen Bibliothek keiner haben will, sich auf einem aus dieser bestückten Scheiterhaufen verbrennen zu lassen, theatralisch ansprechend.

Das Bild von tränenüberströmten Trauergästen, die in den ebenso dichten wie beißenden Rauchschwaden (ach, all das Plastik, der viele Klebstoff und die Sonderfarben) besondere Stücke aus dem Gluthaufen zu retten versuchen, scheint mir ein denkwürdiges Vermächtnis, wäre da nicht der historische Makel der Bücherverbrennung und der Umstand, dass auch sonst wenig Verständnis für den Geist von Varanasi in unseren Breiten zu erwarten ist.
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
Patroklos schrieb am 08.07.2025 um 19:00 Uhr (Zitieren)
Gab es übrigens in der Antike Nachlasspfleger, also städtisch beauftragte (heute Nachlassgericht) Vertreter im Fall unbekannter Erben? Bestattung, Abwicklung usw. (Die völlig alleinstehende Person verstirbt.)
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
Γραικύλος schrieb am 08.07.2025 um 19:01 Uhr (Zitieren)
Elke Heidenreich hat, wie ich kürzlich gelesen habe, tatsächlich damit begonnen, nein, nicht sich selbst, aber ihre Tagebücher zu verbrennen.
Nicht aus Protest, vermute ich, sondern wegen Diskretion.
Tagebücher stellen in der Tat nochmal ein eigenes Vererbungsproblem dar.
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
Patroklos schrieb am 08.07.2025 um 19:07 Uhr (Zitieren)
Filix, was hältst Du terminlich vom Osterfeuer? Die Überführungskosten nach Varanasi werden von keiner Sterbeversicherung übernommen, auch bei dem Tarif „exclusiv“.
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
filix schrieb am 08.07.2025 um 19:37 Uhr (Zitieren)
Vom religiösen Aspekt abgesehen ist das ein recht anspruchsvolles Timing, denn einen an Pfingsten Verstorbenen bis zum nächsten Osterfeuer einzulagern, ist auch nicht eben billig.

Jenseits des drastischen Kulturwandels nach einem halben Jahrtausend neuzeitlicher Buchgeschichte stelle ich mittlerweile fest, dass in Innenstadtlage mit Dutzenden Tropennächten und Temperaturrekorden die Sommer einen gewissen Vorgeschmack auf die entwickelte Kremationsphantasie geben. Die für das Kommende ungünstigen Wärmeleiteigenschaften des gedruckten Buches wollen also im Erbfall auch Bedacht sein.
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
filix schrieb am 08.07.2025 um 19:38 Uhr (Zitieren)
*bedacht
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
Patroklos schrieb am 08.07.2025 um 19:54 Uhr (Zitieren)
Für das ignis pachalis kommen allein Bücher in Frage, aber selbstredend.
Bücherverbrennung ist Holzvernichtung. Und insofern Walderneuerung, Verjüngung.
Buchhortung ist somit Waldverweigerung. Silva und ὑλή sind Urstoffe. Das Osterfeuer mit Büchern ist somit die stoffliche Auferstehung.
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
filix schrieb am 08.07.2025 um 20:15 Uhr (Zitieren)
Diese Ökobilanz des Vorgangs scheint mir geschönt. Ad Heidenreich - wer hat hier noch seine Tagebücher?
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
Patroklos schrieb am 10.07.2025 um 14:47 Uhr (Zitieren)
Tagebücher.
Hier eine schöne Überleitung zum Thema „Kreuz“ igW.
Samuel Pepys notiert am 13.10.1660:
Ging nach Charing Cross und sah zu, wie Generalmajor [Thomas] Harrison gehängt, gerädert und gevierteilt wurde und dazu eine so heitere Miene machte, wie es einem Mann in solch einer Situation nur möglich ist. Er wurde sogleich abgeschnitten und Kopf und Herz der Menge präsentiert, die in lauten Jubel ausbrach.
Ü: Georg Deggerich [Eichborn]
Hierzu noch:
One of those who approved the Execution of Charles I in January 1649, he was a strong supporter of Oliver Cromwell before the two fell out when The Protectorate was established in 1653. Following the 1660 Stuart Restoration, he was arrested, found guilty of treason as a regicide, and sentenced to death.
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
Γραικύλος schrieb am 10.07.2025 um 18:11 Uhr (Zitieren)
Je nach Zusammensetzung der Bibliothek kommen auch Studenten infrage als Leute, die damit oder mit Teilen davon etwas anzufangen wissen.
Allerdings sind Studenten selten im Besitz einer genügend großen Wohnung, und außerdem läßt m.W. auch bei ihnen das Interesse am Lesen generell sowie speziell von Büchern nach.
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
filix schrieb am 10.07.2025 um 19:07 Uhr (Zitieren)
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
Γραικύλος schrieb am 10.07.2025 um 20:51 Uhr (Zitieren)
Spektakulär! Da stelle ich mir gerade meine vergleichbar bescheidenen Bestände vor. In Bananankisten. Mit ungewisser Zukunft.
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
Bukolos schrieb am 10.07.2025 um 22:58 Uhr (Zitieren)
Zitat von Γραικύλος am 10.7.25, 18:11Je nach Zusammensetzung der Bibliothek kommen auch Studenten infrage als Leute, die damit oder mit Teilen davon etwas anzufangen wissen.

Wenn es um Fachliteratur geht, eher nicht: Die muss aktuell sein und wird den Studierenden zum großen Teil in pdf-Form über die Unibibliothek bereitgestellt.
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
Γραικύλος schrieb am 10.07.2025 um 23:28 Uhr (Zitieren)
Ich glaub's. Kein Ausweg nirgendwo. Außer in Vorarlberger Bananenkisten.

Schon vor dreißig Jahren sagte mir ein Referendar, daß sämtliche erhaltenen Texte der Antike auf drei CD's paßten. Da konnte man bereits etwas ahnen.
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
Aurora schrieb am 11.07.2025 um 06:57 Uhr (Zitieren)
Ja, ungefähr. Bereits in den 1990er Jahren war es möglich, große Textcorpora der griechisch-römischen Antike digital zu speichern. Dabei handelt es sich vor allem um: Thesaurus Linguae Graecae (TLG) – umfasst (in der Vollversion) fast alle erhaltenen griechischen Texte von Homer bis 1453. Packard Humanities Institute (PHI) – Sammlung lateinischer Texte, v.a. Literatur, Inschriften, u. a. Diverse kleinere Sammlungen, z. B. Bibliotheca Augustana.

Der reine Textumfang ist sehr gering im Vergleich zu heutigen Datenträgern: Eine CD fasst ca. 650–700 MB. Der gesamte Textbestand der griechischen und lateinischen Literatur in Unicode (z. B. UTF-8) benötigt weniger als 2 GB – also: ja, 3 CDs reichen locker.

„Da konnte man bereits etwas ahnen“ – was genau? Das ist reflexiv und vorausschauend gemeint: Wer in den 1990er Jahren bemerkte, dass die gesamte Antike digital speicherbar wurde, konnte ahnen, dass digitaler Zugriff auf Wissen revolutionär sein würde, Bildung und Forschung sich massiv verändern würden, und dass die Frage nicht mehr lautete: Was ist zugänglich?, sondern: Wie filtere ich es sinnvoll? Es kündigte sich an: Die Informationsflut kommt, und mit ihr der digitale Humanismus – oder sein Gegenteil.



Zum Vergleich:
Wikipedia deutsch: etwa 15-20 GB
Eine moderne Universitätsbibliothek: mehrere Terabyte
Die Digitalisierung der Bayerischen Staatsbibliothek: über 100 TB
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
filix schrieb am 11.07.2025 um 12:24 Uhr (Zitieren)
Kein Ausweg nirgendwo. Außer in Vorarlberger Bananenkisten.



Bibliobananas

Phänomene ähneln Menschen,
schrieb einst Burckhardt auf Papier,
einmal muss es Abend werden,
und der ist jetzt leider hier.

Keiner will die Teuren kaufen,
nicht geschenkt und auch nicht erben,
müde weist der Antiquar auf
seinen Blog zum Büchersterben.

Abschied heißt es trotzdem nehmen,
Neuem nichts im Wege steh!
Einmal noch durch Myriaden
Lettern schweifen? Wahnidee!

Einmal noch durch abertausend
Seiten blättern? Illusion!
Sachte über all die lieben
Rücken streicheln, ach, das schon …

Fort nun, alte, treue Freunde,
ab in diese bunte Kiste,
gut verschnürt für eure Reise
nach der Zukunft dunkler Küste.

Dorten, raunt es, leben Völker
ohne Strom, Papyrophagen,
hungrig fassen ihre Klauen …
Fyffens Faust und Verse von Chiquita.

Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
Patroklos schrieb am 11.07.2025 um 12:44 Uhr (Zitieren)
Gratulation und auch noch Chapeau plus kudos!
Dies ist ein poeta doctus, wie ich keinen sah!

Nebenbei: Gibt es für die Reimfolge abcb einen Namen?
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 11.07.2025 um 13:07 Uhr (Zitieren)
Das ist das Versschema vieler Heinescher Vierzeiler (vgl. bspw. 'Deutschland. Ein Wintermärchen').
Gewissermaßen ein halber Kreuzreim.
Re: Was wird aus unseren Bibliotheken?
Patroklos schrieb am 11.07.2025 um 13:32 Uhr (Zitieren)
Als Dank eine Straußenfeder!
„Ein halber Kreuzreim“ wäre DIE Dolmetscherprüfungsfrage!
 
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