Γραικύλος schrieb am 04.07.2025 um 12:54 Uhr (Zitieren)
[Nikarchos II.; Anthologia Graeca XI 169]
Re: Der Geizhals und der Suizid
filix schrieb am 04.07.2025 um 20:27 Uhr (Zitieren)
Die unlängst diskutierte antike Verknüpfung von sozialer Stigmatisierung und Erhängungstod bestätigt sich auch in diesen Versen. Gegen den Gipfel des Geizes hat unser Zeitalter in verwandter Szenerie den Gipfel der Gier gesetzt – in dem fälschlicherweise Lenin zugeschriebenen Bonmot vom Kapitalisten, der noch den Strick denen verkaufen wolle, die ihn daran aufknüpfen.
Re: Der Geizhals und der Suizid
Bukolos schrieb am 05.07.2025 um 10:34 Uhr (Zitieren)
Zumindest klanglich trägt der Geizhals den Denar bereits im Namen.
Re: Der Geizhals und der Suizid
Γραικύλος schrieb am 05.07.2025 um 13:13 Uhr (Zitieren)
Die Gegenüberstellung von Geiz und Gier, was den Strick anbelangt, paßt.
Der Hinweis auf den Namen ebenfalls.
Warum Geld ausgeben?
Es gibt doch auch kostenlose Möglichkeiten.
Vlt. ist es nur eine Ausrede, weil er doch Angst vor dem Tod hatte.
Was könnte das Suizidmotiv gewesen sein?
Als Geizhals war er vermutlich nicht arm.
Oder geht es hierum:
In der antiken wie modernen Literatur ist das ein bekannter Typus:
Menschen, die alles sparen, alles zurückhalten, nie genießen –
und am Ende trotzdem unglücklich sind.
Geiz mag geil sein, aber glücklich macht er wohl nicht.
Psychologische Ursachen von Geiz
Angst vor Mangel und Kontrollverlust
– Frühe Erfahrungen von Unsicherheit oder Armut
– Geld als Symbol für Sicherheit
– Geiz als Schutz gegen Zukunftsängste
Zwanghafte Persönlichkeit (anankastische Struktur)
– Starkes Bedürfnis nach Ordnung und Kontrolle
– Schuldgefühle beim Genießen
– Angst vor moralischem „Fehlverhalten“
– Geringe emotionale Flexibilität
Verdrängte Aggression
– Unfähigkeit, Wut offen auszudrücken
– „Ich gebe dir nichts“ als passiv-aggressiver Akt
– Geiz gegen andere oder sich selbst gerichtet
Identitätsersatz durch Besitz
– Selbstwert hängt vom Haben ab
– Angst, beim Geben etwas von sich zu verlieren
– Besitz als Ersatz für emotionale Bindung
Familiäre oder kulturelle Prägung
– Erziehungsideale („Sparen ist Tugend“)
– Traumatische kollektive Erfahrungen (Krieg, Inflation)
– Übernommene Sparzwänge aus dem Umfeld
Unfähigkeit zur Hingabe
– Geben wird als Bedrohung empfunden
– Angst vor Nähe, Vertrauen, Kontrollverlust
– Emotionales Verschlossenbleiben
Verlustangst in Beziehungen
– Geben wird mit Bindung und Verpflichtung gleichgesetzt
– Angst, bei emotionaler oder materieller Hingabe „abhängig“ zu werden
– Rückzug auf Besitz als „sichere“ Form der Beziehung
– Misstrauen gegenüber anderen („Wenn ich gebe, werde ich ausgenutzt“)
Wie könnte man das hier ins Spiel bringen?
Welche Anspielung?
Re: Der Geizhals und der Suizid
Patroklos schrieb am 05.07.2025 um 14:56 Uhr (Zitieren)
Ist das nicht der ferne Vorläufer des denarius grossus (von Tours), der dann zum Groschen mutierte?
Inflation?
Re: Der Geizhals und der Suizid
Γραικύλος schrieb am 05.07.2025 um 14:59 Uhr (Zitieren)
Re: Der Geizhals und der Suizid
Patroklos schrieb am 05.07.2025 um 16:12 Uhr (Zitieren)
Übrigens heißt ein bekanntes Klavierstück, wenn im Vatikan dargeboten:
Ira de denario grosso perdito.
Re: Der Geizhals und der Suizid
Andreas schrieb am 05.07.2025 um 16:13 Uhr (Zitieren)
Drum frage ich mich: Warum muss es unbedingt der Strick sein?
Gerade wegen seines Geizes wäre ich doch auch etwa anderes eingefallen,oder?
Ob das nicht doch eher eine Ausrede war?
Er war sicher nicht der erste Suizidale, der
im letzten Moment zurückzieht?
Zudem erwarten ihn wohl als Ungläubigen keine 72 Jungfrauen
oder ein himmlisches Paradies.
Heute würden ihm fundamentalistische Moslem
eine Sprengladung spendieren, wenn er ein paar
Ungläubige mit ihn den Tod reißt.
Damit würde er 2 Fliegen mit eine Klappe erschlagen respektive aus der Welt wegsprengen.
Γραικύλος schrieb am 05.07.2025 um 16:27 Uhr (Zitieren)
Er kann doch einen Abgrund runter- oder ins Meer springen - so spart er sich sechs Kupfermünzen.
So verstehe ich diesen Witz: Knausrigkeit noch im Suizid.
Re: Der Geizhals und der Suizid
Γραικύλος schrieb am 05.07.2025 um 16:28 Uhr (Zitieren)
Er kann doch einen Abgrund runter- oder ins Meer springen - so spart er sich sechs Kupfermünzen.
So verstehe ich diesen Witz: Knausrigkeit noch im Suizid.
Daß er deswegen ganz auf den Suizid verzichtet, steht nirgendwo.
Re: Der Geizhals und der Suizid
Andreas schrieb am 05.07.2025 um 18:01 Uhr (Zitieren)
Berühmte Fast-Selbstmörder:
Leo Tolstoi
→ Hatte Suizidgedanken, fand durch Spiritualität und Einfachheit neuen Lebenssinn.
Sylvia Plath
→ Überlebte 1953 einen Suizidversuch, schrieb darüber in „Die Glasglocke“.
Yukio Mishima
→ Jahre voller Todessehnsucht, führte erst 1970 seinen geplanten rituellen Suizid aus.
Jean-Paul Sartre
→ Suizidgedanken in der Jugend, entschied sich fürs Denken und Schreiben.
John Forbes Nash Jr.
→ In der Schizophrenie suizidal, überlebte ohne Versuch und fand zurück zur Mathematik.
( A beautiful mind)
Kevin Hines
→ Sprang von der Golden Gate Bridge, überlebte und sagte:
„Im Moment des Sprungs wollte ich leben.“
Primo Levi
→ Überlebte Auschwitz, kämpfte Jahrzehnte mit Depressionen, schrieb aktiv gegen das Vergessen.
Re: Der Geizhals und der Suizid
Patroklos schrieb am 05.07.2025 um 18:23 Uhr (Zitieren)
Gerade von Dir, Andreas, hätte ich als effektiven Selbstmörder JUDAS erwähnt erwartet. Er glaubte, hielt jedoch Jesus für verstorben. Selbstmord aus Enttäuschung.
Der Roman von Amos Oz „Judas“ lohnt sich.
Wie Γραικύλος bin ich noch nicht mal Agnostiker.
Re: Der Geizhals und der Suizid
Aurora schrieb am 06.07.2025 um 06:50 Uhr (Zitieren)