Altgriechisch Wörterbuch - Forum
In Parthenope (330 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 02.06.2025 um 23:45 Uhr (
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Der Film „Parthenope“ des italienischen Regisseurs Paolo Sorrentino (2024) handelt von einer sehr schönen Neapolitanerin namens Parthenope, die allen Menschen, die es mir ihr zu tun haben, insbesondere den Männern, den Kopf verdreht, dabei aber eigentümlich unvorhersehbar und beinahe unbeteiligt bleibt. (Sie sagt: "Begehren ist ein Mysterium, Sex ist dessen Tod.") Auch läßt sie sich nicht auf Schuldvorwürfe ein. Wo sie stärkere Gefühle zeigt, handelt es sich um ihre Stadt und die oft merkwürdigen Menschen, die sie bewohnen: die morbide Schönheit, kontrastiert mit extremer Häßlichkeit, die Oszillation zwischen Glauben und Aberglauben (das Blutwunder des San Gennaro!), die Eleganz neben der kaum beschreiblichen Armut.
Die Annahme, es handele sich „nur“ um einen Film über eine Frau, wird in Frage gestellt, sobald man sich den Hintergrund bewußt macht, beginnend beim Namen dieser Frau. Parthenope war in der antiken Mythologie der Name einer der drei Sirenen (die beiden anderen: Leukosia und Ligeia), welche den Odysseus und seine Männer zu Schiff mit ihrem Gesang betört haben, um sie zu sich zu locken und damit in einen Schiffbruch zu treiben. Odysseus, der diese Gefahr kannte, veranlaßte seine Männer, sich die Ohren mit Wachs zu verstopfen und ihn selbst – neugierig, wie er war – mit offenen Ohren an den Schiffsmast zu fesseln. Der Gesang war dermaßen betörend, daß er seine Matrosen anflehte, ihn von den Fesseln zu befreien; allerdings konnten sie auch diesen Befehl nicht hören.
Der Sage nach haben sich die drei Sirenen ins Meer vor Italiens Küste gestürzt, dabei die Parthenope dort, wo Griechen, die Süditalien besiedelten, später die Stadt Neapel gegründet haben. „Neapel“ ist ein wenig ansehnlicher Name: Νέα πόλις, d.h. neue Stadt oder Neustadt. In der Antike trug die Stadt aber noch einen zweiten Namen: Parthenope (Παρθενόπη); die Frau wurde dort mit jährlichen Festen gefeiert. Und damit wird klar, daß die Frau im Film, in all ihrer Ambiguität, nicht nur Neapolitanerin ist, sondern auch diese ihre Stadt verkörpert. Das macht den Film hintergründiger, als es zunächst scheint. Eine faszinierende Frau, eine faszinierende Stadt.
Ich bin zweimal dort gewesen, beide Male mit Gruppen von Oberstufenschülern, und kann die Faszination bestätigen – übrigens auch die der in der Bucht von Neapel gelegene Insel Capri, über die im Film gesagt wird: „Neapolitaner fahren dort nicht hin – entweder sind sie zu arm oder zu träge.“
Bestätigen kann ich auch etwas anderes: Die Jugend ist nicht so schlimm, wie Alte es ihr oft nachsagen. Einmal sind wir mit dem Reisebus in die Stadt hineingefahren, und der Busfahrer bemerkte, daß er an dem Parkplatz für Busse vorbeigefahren war. Was tun? Er entschloß sich zu wenden, obwohl das Wenden an dieser Stelle ganz eindeutig verboten war. Sobald der Bus seine Nase um 180 Grad gedreht hatte, sahen wir, welche Folge das hatte: Er fuhr geradewegs, nein, nicht auf eine Sirene, sondern auf einen Polizisten zu, der dort neben seinem Motorrad wartete. Zu spät, nichts mehr zu machen, Schiffbruch unvermeidlich!
300 Euro verlangte der Beamte – 300 Euro, die der Busfahrer aus seinem karg bestückten Portemonnaie begleichen mußte. Und jetzt kam die Überraschung: Spontan entschlossen sich die Schüler, dieses Geld unter sich einzusammeln und dem Mann zu erstatten.
Parthenope kann auf ganz verschiedene Weise Liebe auslösen.
(Wolfgang Weimer)
Re: In Parthenope
Werner schrieb am 03.06.2025 um 13:15 Uhr (
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zum Vergleich die psychoanalytische Deutung der Sirenen bei Homer:
Die psychoanalytische Deutung der Sirenen-Episode im 12. Gesang der Odyssee bietet mehrere Interpretationsebenen:
Freudsche Deutung:
Die Sirenen als Über-Ich-Konflikt:
Die Sirenen verkörpern die verbotene Verlockung des totalen Wissens. Ihr Gesang verspricht absolute Erkenntnis ("Wir wissen alles, was auf Erden geschehen ist"), was dem menschlichen Erkenntnisdrang entspricht. Odysseus' Fesselung symbolisiert die notwendige Selbstbeschränkung des Ich gegenüber destruktiven Trieben.
Todestrieb vs. Lebenstrieb:
Die Sirenen repräsentieren Thanatos - den Todestrieb. Ihr Gesang lockt in die Regression, zurück zum ozeanischen Zustand der Auflösung. Die Gefährten mit verstopften Ohren verkörpern die gesunde Verdrängung, während Odysseus den gefährlichen Kompromiss zwischen Triebbefriedigung und Selbsterhaltung wählt.
Jungsche Deutung:
Anima-Projektion:
Die Sirenen als weibliche Verführerinnen stellen die dunkle Seite der Anima dar - die destruktive Verführung durch das Unbewusste. Odysseus muss diese Schatten-Anima durchleben, ohne ihr zu erliegen.
Individuation:
Die Episode ist Teil von Odysseus' Individuationsprozess. Er muss die Verlockungen des kollektiven Unbewussten (totales Wissen) überwinden, um zur bewussten Individualität zu gelangen.
Moderne Deutungen:
Trieb und Zivilisation:
Die gefesselten Arme symbolisieren die zivilisatorische Notwendigkeit der Triebunterdrückung - ein zentrales Thema in Freuds "Das Unbehagen in der Kultur".
Diese Deutungen sehen in der Sirenen-Episode eine zeitlose Allegorie für den psychischen Konflikt zwischen destruktiven Sehnsüchten und lebenserhaltendem Realitätsprinzip.
Re: In Parthenope
Patroklos schrieb am 03.06.2025 um 14:21 Uhr (
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Wie betrüblich, dass diese Interpretationsversuche wenig bieten und eine große Klugheit auslassen, Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung, Exkurs I, Odysseus oder Mythos der Aufklärung.
Eine Kostprobe:
Der Seefahrer Odysseus übervorteilt die Naturgottheiten wie einmal der zivilisierte Reisende die Wilden, denen er bunte Glasperlen für Elfenbein bietet.
Homer „hätte“ die beiden Autoren jetzt verwirrt angeschaut. Dennoch höchst lesenswert, zusätzlich zu….
Re: In Parthenope
Andreas schrieb am 03.06.2025 um 15:22 Uhr (
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Ich denke, dass für den modernen Menschen die
psychoanalytische Deutung interessanter ist als der Bezug
auf ein untergegangenes Weltbild voller anthropomorpher bis hin zu absurder Götterwelt.
Die menschl. Psyche und, wie sie auf Umwelteinflüsse reagiert, und diese verarbeitet
und seine eigene Entwickung bewältigt, ist schon ein hochinteressantes und hochkomplexes Thema.
Auch Märchen sollte man heute v.a. in diese Richtung zu verstehen und auszulegen versuchen, wie es z.B. Michael Köhlmaier tut.
Psychogenese und die Weiterentwicklung des Bewusstsein bleiben spannende Forschungsgegenstände.
Dazu gibt es mittlerweile gute DOKUS und
wissenschaftliche Abhandlungen.
Re: In Parthenope
Γραικύλος schrieb am 03.06.2025 um 15:32 Uhr (
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Ich meine ja, daß diese Diskussion am Text vorbeigeht; dieser handelt von einem neuen Film, seinem mythischen Hintergrund und der dadurch gewonnenen Einsicht, daß die Protagonistin für die Stadt Neapel steht, sowie einer damit verbundenen Anekdote.
Von KI erwarte ich dazu gar nichts.
Re: In Parthenope
Patroklos schrieb am 03.06.2025 um 15:38 Uhr (
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Das Sirenische ist freilich außerfilmisch von betörendem Interesse.
Wer ist denn der „Homer“ des Films? Und gibt es stoffliche Bezüge, dem Kenner erkennbar?
Re: In Parthenope
Γραικύλος schrieb am 03.06.2025 um 15:51 Uhr (
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Es steht ja jedem frei, einen Text über Homers Sirenen zu verfassen; aber wenn man selbst einen Text schreibt, freut man sich, falls jemand darauf eingeht, statt nur assoziativ zu reagieren.
Re: In Parthenope
Patroklos schrieb am 03.06.2025 um 16:07 Uhr (
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Zum außerfilmischen Abschnitt sollte man bemerken: juveniles fundraising (avant la lettre), zudem spontan, ist lobenswert.
(Darauf eingehen)
Re: In Parthenope
βροχή schrieb am 04.06.2025 um 05:48 Uhr (
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Der Text an sich ist schon sehr assoziativ. Die Reise mit den Schülern ist assoziativ mit dem Film verknüpft. Wobei der Film die Sirene trotz aller philosophischen Ideen, welche sie heraussprudelt, als Fantasie älterer Männer buchstäblich projeziert. John Cheever war ja ein realer Schriftsteller, sie ist sein Geschöpf, nicht real.
Re: In Parthenope
Γραικύλος schrieb am 04.06.2025 um 14:46 Uhr (
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Ah, Du hast den Film gesehen.
Auf die Erwähnung von John Cheever und seiner Begegnung mit Parthenope habe ich verzichtet.
Was meinst Du damit, Parthenope sei Cheevers Geschöpf? Welche Anhaltspunkte gibt es dafür im Film?
Re: In Parthenope
βροχή schrieb am 04.06.2025 um 15:42 Uhr (
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... sie kommt aus dem Meer,
ihre "überirdische" Schönheit,
ihre Ungebundenheit,
Cheever erfand Geschichten,
sie verweigert sich ihm,
das Blutwunder
Re: In Parthenope
Γραικύλος schrieb am 04.06.2025 um 15:55 Uhr (
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Das habe ich so in Erinnerung, daß sie zwar sehr interessiert aneinander sind, er ihre Frage, ob sich dies auch aufs Erotische erstrecke, aber so beantwortet: "Das täte es, wenn ich nicht homosexuell wäre."
Ich habe das nicht als 'sie verweigert sich ihm' aufgefaßt.
Re: In Parthenope
βροχή schrieb am 04.06.2025 um 17:08 Uhr (
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... da war ich wohl abgelenkt?
Es gab keine körperliche Verbindung
Re: In Parthenope
Γραικύλος schrieb am 04.06.2025 um 17:30 Uhr (
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Nein, in diesem Falle nicht, weil er das nicht wollte.
Verweigert hat sie sich nichtmal dem häßlichen, dicken, alten Kardinal.
Was sie immer abgelehnt hat, war die Bindung.
Im Falle des Kardinals hat aber auch er diese nicht gewollt, sondern gesagt, sie müßten die Beziehung nun - nach dem Sex - beenden, denn er wolle im nächsten Konklave Papst werden.
Da habe ich herzlich-katholisch gelacht.
Re: In Parthenope
βροχή schrieb am 04.06.2025 um 17:41 Uhr (
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Sie ist die Projektion, nicht die Projektionsfläche.
Re: In Parthenope
Γραικύλος schrieb am 05.06.2025 um 13:19 Uhr (
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Die Stadt Parthenope gibt es ja - sie wäre also die Projektionsfläche. Und die Frau, die ist dann die Projektion?
Re: In Parthenope
βροχή schrieb am 05.06.2025 um 13:40 Uhr (
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... genau, die Frau ist die Projektion,
die 1. Projektionsfläche ist Neapel, die 2. der arglose Zuschauer
Re: In Parthenope
Γραικύλος schrieb am 06.06.2025 um 01:02 Uhr (
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Daß der Filmregisseur ausgerechnet Paolo Sorrentino heißt!
Re: In Parthenope
βροχή schrieb am 06.06.2025 um 06:00 Uhr (
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... ist das ein Künstlername?
Der Name stammt von Sorrentum, evtl. von Sirene. Das ist witzig.
Re: In Parthenope
Patroklos schrieb am 06.06.2025 um 09:18 Uhr (
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Die Etymologie der Alarmsirene ist merkwürdig. Zunächst der Name einer Orgelpfeifenverstärkung (John Robison), später ein Instrument der Schallerzeugung bzw Frequenzmessung UNTER WASSER.
Hier zur Erbauung dies:
Le nom de « sirène » a été donné à ce système par Charles Cagniard de Latour (1777-1859)[1] en 1819, en référence aux sirènes de la mythologie grecque[2]. Il a inventé un dispositif, maintenant nommé Sirène de Cagniard-Latour, qui permettait de mesurer exactement la fréquence du son émis à partir de la vitesse du rotor. Son exemple sera imité par le physicien allemand Thomas Johann Seebeck (1770-1831)[3] et son fils August Seebeck (1805-1849) dans des études acoustiques sur la hauteur d'un son. (Wikipedia, Sirène (appareil sonore))
Re: In Parthenope
Patroklos schrieb am 06.06.2025 um 09:53 Uhr (
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Nachtrag:
Alarm von italienisch all'arme, zu den Waffen.