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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Menschenleben (219 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 24.04.2025 um 13:47 Uhr (Zitieren)
1.
Täglich beim Schwinden der Nacht wird neu unser Leben geboren,
und von dem früheren Sein hängt uns kein Schatten mehr an.
All unser Weben und Streben von gestern ist fremd uns geworden,
und die künftige Zeit fangen wir heute erst an.
Sag drum niemals, mein Alter, du trügest zu viel schon an Jahren:
Was dir vergangen an Zeit, hast du ja heute nicht mehr.


2.
Klägliches Leben der Menschen! Wie taumelt, wie wirbelt es ruhlos
zwischen Reichtum und Not: Spiel für die Göttin des Glücks!
[Παίγνιόν ἐστι Τύχης μερόπων βίος, οἰκτρός, ἀλήτης,
πλούτου καὶ πενίης μεσσόθι ῥεμβόμενος.]
Reißt sie die einen danieder, gleich wirft sie dann hoch sie wie Bälle,
und aus wolkigen Höhn stürzt sie die andern zum Styx.


3.
Wie kurz bemessen ist des Lebens frohe Lust!
Leid sollt ihr tragen ob der Zeiten rascher Flucht.
Da sitzen wir nun wartend oder ruhn im Schlaf,
wir schaffen oder prassen, und es rennt die Zeit,
rennt über uns, das arme Erdenvolk, nur hin,
bis sie des Lebens Wende bringt für dich und mich.
[ὁ δὲ χρόνος τρέχει,
τρέχει καθ‘ ἡμῶν τῶν ταλαιπώρων βροτῶν
φέρων ἑκάστου τῷ βίῳ καταστροφήν.]

[Palladas; Anthologia Graeca X 79-81]
Re: Menschenleben
Udo schrieb am 25.04.2025 um 11:00 Uhr (Zitieren)
Bei wikipedia liest am zum Sinn des Lebens:

https://de.wikipedia.org/wiki/Sinn_des_Lebens

Daraus:
In „Der Sinn des Lebens“ (The Meaning of Life), einem Film der britischen Komikergruppe Monty Python, gibt eine Fernsehansagerin den Sinn des Lebens bekannt: „Seien Sie nett zu Ihren Nachbarn, vermeiden Sie fettes Essen, lesen Sie ein paar gute Bücher, machen Sie Spaziergänge und versuchen Sie, in Frieden und Harmonie mit Menschen jeden Glaubens und jeder Nation zu leben.“
Re: Menschenleben
βροχή schrieb am 25.04.2025 um 11:48 Uhr (Zitieren)
Sinn des Lebens, wozu das?
Wer sind die Sinnsucher, wer braucht einen etxta Sinn?
Re: Menschenleben
Γραικύλος schrieb am 25.04.2025 um 11:59 Uhr (Zitieren)
In den Gedichten sehe ich eher eine Aussage über die condicio humana als über den Sinn (also das Wozu) des Lebens.
Re: Menschenleben
Patroklos schrieb am 25.04.2025 um 12:22 Uhr (Zitieren)
Der katholische Katechismus beantwortet(e) die Sinnfrage kurz und bündig:
Wozu sind wir auf Erden?
Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und einst ewig bei ihm zu leben.
Re: Menschenleben
βροχή schrieb am 25.04.2025 um 12:26 Uhr (Zitieren)
Antworten auf die Sinnfrage gibt es wie Sand am Meer.
Ich habe den Eindruck, es gibt mehr Sinnanbieter als Sinnsucher.
Re: Menschenleben
Udo schrieb am 25.04.2025 um 13:27 Uhr (Zitieren)
Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und einst ewig bei ihm zu leben.

Das ist eine klassische Leerformel,
ein Begriff, den irgendwo gelesen habe.

Wie und wo erkennt man Gott?
Wie liebt man Gott, einen abstrakten Begriff?
Was heißt dienen? Wo und womit?
Was heißt "bei Gott ewig leben"?

Mit solchen Aussagen gewinnt man keine Anhänger,
verliert eher immer mehr.

Sinn kann man erfahren, eine allgemeine Theorie ist wohl nicht möglich,
weil für jeden Menschen die Sinnerfahrung anders ist.
Was für A Sinn stiftend ist, muss es nicht auch
für B und viele andere sein.
Re: Menschenleben
Patroklos schrieb am 25.04.2025 um 14:53 Uhr (Zitieren)
Gott bedient sich derzeit zweier Formen, um Anhänger zu gewinnen, des Evangelischen Kirchentags bzw des Konklaves, Hannover und Rom. Freilich in Hannover nur Protestanten, in Rom ausschließlich Katholiken.
Diesen Zwiespalt kennt der Glaube der Hellenen nicht. Deren Glaubenswelt könnte man (Udo?) „vorreformatorisch“ nennen.
((Den Trojanischen Krieg im allerweitesten Sinne als protestantisch vs katholisch avant la lettre zu deuten, könnte reizvoll sein))

Re: Menschenleben
Γραικύλος schrieb am 25.04.2025 um 15:21 Uhr (Zitieren)
[Verzweiflung]Aber die Sinnfrage ist nicht das Thema der Palladas-Gedichte, sondern die condicio humana.[/Verzweiflung]
Re: Menschenleben
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 25.04.2025 um 15:45 Uhr (Zitieren)
Zwei Gedanken fielen mir bei der Lektüre von 1. bei:

a) Die tägliche Neugeburt erinnerte mich an die neulich hier vorgestellte These von der im Moment einer Tätigkeit vom jeweiligen Gott geschaffenen Menschen und dessen Zugehörigkeit zu je jenem - diese These treibt allerdings den Palladas-Text in eine schwindelerregende Höhe, wo mir die Luft dann doch etwas dünn vorkommt.

b) Bemerkenswert erscheint mir die völlige Negierung irgendeiner Form von dauerhafter (Lebens)Erfahrung oder gesichert verfügbarem Wissensbesitz; wie kommt es zu so einer radikalen Position, der die Empirie jedes Menschen ohne weiteres zu widersprechen vermag?
Und wozu diente sie? Denn daß es nur die Banalität des 'man lernt eben nie aus' ausformuliert werden soll(te), kann ich mir nicht gut vorstellen.
Re: Menschenleben
βροχή schrieb am 25.04.2025 um 15:55 Uhr (Zitieren)
zu b) die haben das Gedächtnis verlorej, zb. durch Demenz oder Alzheimer
Re: Menschenleben
βροχή schrieb am 25.04.2025 um 15:56 Uhr (Zitieren)
Sorry tippo -> verloren
Re: Menschenleben
Γραικύλος schrieb am 25.04.2025 um 16:01 Uhr (Zitieren)
Ich habe den Eindruck, daß Palladas - einer der letzten heidnischen Literaten - tief und schmerzlich beeindruckt war vom Untergang der Lebensform, welche so lange Zeit die Menschen bestimmt hatte und der er verbunden war. Da bleibt ihm nichts mehr an Sicherheit.
Vielleicht am traurigsten in diesem Gedicht (Anthologia Graeca X 82), das ich schonmal vorgestellt habe und das aus Anlaß der Zerstörung des Serapeions in Alexandria entstanden ist:
Ἄρα μὴ θανόντες τῷ δοκεῖν ζῶμεν μόνον,
Ἕλληνες ἄνδρες, συμφορᾷ πεπτωκότες,
ὄνειρον εἰκάζοντες εἶναι τὸν βίον;
ἢ ζῶμεν ἡμεῖς τοῦ βίου τεθνηκότος;

Sind wir nicht tot und bilden uns nur ein zu leben,
wir Griechen, die wir tief ins Unglück sanken, und
im Traume bloß das Leben sahen? Oder leben
wir selber zwar - indes das Leben unterging?


Manchmal überkommt mich das Gefühl, dem Untergang der westlichen Vorstellung von Demokratie und Menschenrechten beizuwohnen und mich in einer ähnlichen Situation zu befinden wie einst Palladas.

Das erste Gedicht hat auch mich an das Kapitel aus Pelewins Roman erinnert. Pelewin kennt sich gut aus in der Antike, doch der Name Palladas ist mir bei ihm noch nicht untergekommen.
Re: Menschenleben
Patroklos schrieb am 25.04.2025 um 16:02 Uhr (Zitieren)
Gibt die Vita des P. eine Erklärung? Die alte Götterwelt zerbröselt, seine Welt.
Re: Menschenleben
Γραικύλος schrieb am 25.04.2025 um 16:04 Uhr (Zitieren)
Das hat sich wohl mit meinem Beitrag überschnitten, der darauf antworten dürfte.
Re: Menschenleben
Γραικύλος schrieb am 25.04.2025 um 16:05 Uhr (Zitieren)
Manche seiner Gedichte appellieren an die Lebensfreude und zeigen seinen Humor. Da habe ich immer das Gefühl: trotzalledem!
 
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