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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Die Ehrbarkeit der Frauen (397 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 19.04.2025 um 00:03 Uhr (Zitieren)
Nirgends gibt es ein einz’ges untrügliches Zeichen für Keuschheit.
Merkt euch, ihr Männer, die ihr immer genarrt seid, das Wort.
Nie ist die häßliche Frau so ganz dem Verdachte enthoben,
und jede Hübsche ist nicht immer ein zuchtloses Weib.
Manch eine Schöne wird reich mit Geschenken umworben und läßt sich
doch nicht verlocken, und manch weniger reizendes Weib
kann den süßen Genuß der Hochzeit nicht oft genug haben
und überschüttet den Mann, der sie im Arm hat, mit Gunst.
Andere schauen so streng, als vermöchten sie niemals zu lachen,
und vermeiden sogar ängstlich den Blick eines Manns;
aber auch das ist für Keuschheit kein sichrer Beweis. Denn man findet
manche, die ernst ist und sich heimlich als Dirne erweist,
und eine heitere Frau, die allen gefällig sich nähert,
findet man züchtig – soweit Zucht bei einer Frau existiert.
Nimmt man als Maßstab dafür vielleicht das Alter? Indessen,
läßt Aphrodites Gelüst denn auch das Alter in Ruh?
Übrig bleibt eins nur: man traut ihrem heiligen Schwure; dann aber
sucht sie womöglich sich zwölf neuere Gottheiten aus.
[ἀλλὰ μεθ‘ ὅρκον
ζητεῖν ἔστι θεοὺς δώδεκα καινοτέρους.]

[Palladas; Anthologia Graeca X 56]
Re: Die Ehrbarkeit der Frauen
filix schrieb am 19.04.2025 um 02:43 Uhr (Zitieren)
Zur Frage, um welche 12 neueren Götter es sich im Schlussvers handeln könnte:

The last two verses of Palladas' longest extant epigram (eighteen hexameters, Anthologia Palatina, 10,56), might refer to the Constantinian mausoleum in Constantinople, where coffins for the twelve apostles and for Constantine were exhibited. The epigram mocks the reliability of women and ends (VV. 17-8): […] 'We trust then to oaths and her religious awe. But after her oath she can go and seek out twelve newer gods'.

The twelve newer gods have been interpreted by Wilkinson as the twelve apostles. Nicephorus Callistus mentions that the mausoleum of Constantine was built on a site which had housed an altar of the twelve pagan gods. If this is right (which is doubtful given the reliability of Nicephorus) and if Palladas was an active poet in Constantine's time, the pun would be even better: the designation of the apostles as leo would then make more sense.

Otherwise, it seems strange to indicate them with that word, although it might be an ironical repudiation of the cult of the martyrs. However, this cult was not as ubiquitously present in the Constantinian period as it was later on in the fourth century.

However, this cult was not as ubiqitously present in the Constantinian period as it was later on in the fourth century. Verses 17-8 might also only continue the mockery of women, without referring to Christianity. They would then refer to the twelve main gods, which the women easily exchange for twelve other pagan gods. The reference to Christianity is vague, but the poem might reveal a glimpse of a larger tradition of pagan mockery of the Christian faith.


(The Apostles in Early Christian Art and Poetry. Brill 2016, S. 155f.)

Spielt Palladas am Ende auf das Christentum an, müsste dieses in der Haltung zur (ehelichen) Treue doch für die Konvertitin attraktiv sein, oder? Der unter diesem Gesichtspunkt am ehesten infrage kommende Text der Schrift ist m.E. die pericope adulterae (Joh.8,1 - 11) – aber welche Rolle spielte sie im 4. Jhdt. in der Lehre bzw. der möglichen Außenwahrnehmung (durch einen Spötter)?
Re: Die Ehrbarkeit der Frauen
βροχή schrieb am 19.04.2025 um 07:50 Uhr (Zitieren)
Ist es nicht der Mann, der die Ehre der Frau crasht indem er ihr Hörner aufsetzt? Wie wäre es, wenn er mit der Überwachung mal bei sich selber anfängt, bevor er sie verdächtigt?
Re: Die Ehrbarkeit der Frauen
Γραικύλος schrieb am 19.04.2025 um 14:57 Uhr (Zitieren)
Daß die "zwölf neuen Götter" auf die Apostel anspielen, scheint mir zu Palladas zu passen. Danke für den Hinweis.
Re: Die Ehrbarkeit der Frauen
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 20.04.2025 um 22:49 Uhr (Zitieren)
Ist es nicht der Mann, der die Ehre der Frau crasht[,] indem er ihr Hörner aufsetzt?
Soweit ich weiß, ist der redensartliche Ausdruck 'jmdm. Hörner aufsetzen' nur in Bezug auf den gehörnten Ehemann gebraucht; wer diesem die Hörner aufsetzt, d. h., ob dies die ungetreue Ehefrau oder ihr Liebhaber tut, ist für das Bild ohne Belang.
Re: Die Ehrbarkeit der Frauen
Patroklos schrieb am 21.04.2025 um 09:00 Uhr (Zitieren)
Zur Erläuterung des ersten Drucks:
A satirical print, that parodies knightly orders (such as the English order of the Garter, etc.), which traditionally held annual feasts on the day of the patron-Saint of the order.

This caricature makes full use of the traditional European folkloric metaphor that the husband of a sexually unfaithful wife has horns on his head. In fact, all the individuals shown (except Infidelity herself, her servant cupid, and the fifth person from the right) are wearing horns -- and there's a basket of extra horns to the left of the throne, and the canopy above the throne is decorated with smaller horns.

Note the gentlemen from non-Western-European nations at the right of the picture, and also the lady in the pink dress who is firmly calling her husband's attention to the horns on her own head. Most of the members of the Order look none too pleased with the "honor".

The huge scroll at bottom is a membership list; the cupid is writing on the scroll: "Liste de Msrs les Membres Composant la gde. famille de Vénérables Cocus, Cornards, Cornettes, et Cornillons de tous les Pais. &c." [modern French spelling is "pays"]. An approximate English translation would be "List of members composing the grand family of honorable cuckolds of all nations etc." (with a list of synonyms and pseudo-synonyms for "cuckold" in the original French).
Date circa 1815.
Re: Die Ehrbarkeit der Frauen
Patroklos schrieb am 21.04.2025 um 09:24 Uhr (Zitieren)
1815 als Jahr lässt vermuten, die Personen sind Nationalallegorien. Mehr fällt mir nicht ein.
Re: Die Ehrbarkeit der Frauen
filix schrieb am 21.04.2025 um 11:28 Uhr (Zitieren)
Zum dritten Bild: Cosplayers at New York Comic Con 2015 dress up as wendigos and a Stag Man from Hannibal. Das hat der Autor des Artikels zur Frage De dónde surge la expresión «Poner los cuernos» como sinónimo de infidelidad offenbar als passende gemeinfreie Illustration empfunden, ohne dass es näher begründet würde.

Das zweite Bild reflektiert auch eine Aufweichung der ins Treffen geführten geschlechtsspezifischen Verwendung der dt. Redewendung, die lange Zeit Gültigkeit hatte:

https://books.google.com/ngrams/interactive_chart?content=gehörnt_INF+Ehemann,+gehörnt_INF+Ehefrau&year_start=1800&year_end=2022&corpus=de&smoothing=3ῶ
Re: Die Ehrbarkeit der Frauen
Patroklos schrieb am 21.04.2025 um 11:44 Uhr (Zitieren)
Der wunderbare Jürgen Becker als Heimathirsch.
https://images.app.goo.gl/X5qCgE8ExVpe6ptp7
Re: Die Ehrbarkeit der Frauen
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 21.04.2025 um 15:36 Uhr (Zitieren)
Ich weiß jedenfalls die Herren Grimm und Röhrich auf meiner Seite.

Eine gehörnte Ehefrau wäre jedenfalls - bei der jahrtausendealten Doppelmoral in Hinsicht auf die eheliche Treue: die Herren "dürfen" tun/nehmen sich, was bei den Frauen als verwerflich/strafbar zu gelten hat - ein Widersinn.
Re: Die Ehrbarkeit der Frauen
Patroklos schrieb am 21.04.2025 um 16:04 Uhr (Zitieren)
Wäre auch möglich:
Die Herren Grimm und Röhrich wissen mich jedenfalls auf ihrer Seite.
Wer sich wem anschließt, dürfte offenkundig sein. Eher doch Du ihnen.
Ich bitte, diese Bemerkung als spätes ovum paschale anzusehen.
Re: Die Ehrbarkeit der Frauen
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 22.04.2025 um 00:44 Uhr (Zitieren)
Mit Verlaub, so vermessen bin ich nicht zu glauben, gar zu schreiben, genannte Herren hätten es nötig, mich an ihrer Seite zu wissen, anders gesagt, seien meiner Unterstützung bedürftig.
Im übrigen: Meinen Beitrag 20.04.2025 um 22:49 Uhr habe ich verfaßt, ohne sie vorher um ihre Meinung zum Thema 'Hörner aufsetzen' befragt zu haben, meine Sprachkenntnis schien mir robust genug ohne dies; erst als Widerspruch geäußert wurde, habe ich mich und meine Auffassung absichern wollen - et voilà ! was ich fand, bestätigt mir, auf der richtigen Seite zu stehen. Das hat mit 'sich anschließen' wenig zu tun.
Re: Die Ehrbarkeit der Frauen
βροχή schrieb am 22.04.2025 um 06:45 Uhr (Zitieren)
Zeiten ändern sich und mit ihnen die Sprache, und war sie einst auch noch so robust. Diesmal psssiert es von unten, ohne Erlaubnis, ohne Befehl, einfach so.
Re: Die Ehrbarkeit der Frauen
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 22.04.2025 um 08:14 Uhr (Zitieren)
An der Tatsache, daß es einen Widersinn darstellt, wenn behauptet wird, der Mann, der seine Frau mit einer anderen betrügt, setze damit _seiner_ Frau Hörner auf, sprich: entehre sie und gebe sie dem allgemeinen Gespött preis, ändert die Behauptung des Sprachwandels wenig bis nichts. Höchstens belegt es die Unkenntnis des/r so Redenden von der Bedeutung des sprachlichen Ausdrucks.
Re: Die Ehrbarkeit der Frauen
βροχή schrieb am 22.04.2025 um 09:08 Uhr (Zitieren)
στρουθίον οἰκιακόν


Glaubst du wirklich, eine Frau von Ehre sollte stolz darauf sein, wenn ihr Mann andere "Damen" womgl. noch käufliche, beglückt?

Re: Die Ehrbarkeit der Frauen
Patroklos schrieb am 22.04.2025 um 09:26 Uhr (Zitieren)
Grimm im Röhricht, sollte kein Osterei, sondern ein Osterwitz sein.
Das soge­nann­te Oster­la­chen, latei­nisch ​„risus pascha­lis“, geht auf einen Brauch aus dem Mit­tel­al­ter zurück, in dem in der Pre­digt an Ostern die Got­tes­dienst­be­su­cher durch den Pries­ter zum Lachen gebracht wur­den. Auch wenn es kei­ne gesi­cher­ten Quel­len über die Ent­ste­hung die­ses Brau­ches gibt, ist das Oster­ge­läch­ter die ein­zi­ge Form, in der das Lachen in die christ­li­che Lit­ur­gie ein­be­zo­gen wur­de. Im Oster­la­chen soll­te die Oster­freu­de zum Aus­druck gebracht werden.
Re: Die Ehrbarkeit der Frauen
Patroklos schrieb am 22.04.2025 um 09:26 Uhr (Zitieren)
Grimm im Röhricht, sollte kein Osterei, sondern ein Osterwitz sein.
Das soge­nann­te Oster­la­chen, latei­nisch ​„risus pascha­lis“, geht auf einen Brauch aus dem Mit­tel­al­ter zurück, in dem in der Pre­digt an Ostern die Got­tes­dienst­be­su­cher durch den Pries­ter zum Lachen gebracht wur­den. Auch wenn es kei­ne gesi­cher­ten Quel­len über die Ent­ste­hung die­ses Brau­ches gibt, ist das Oster­ge­läch­ter die ein­zi­ge Form, in der das Lachen in die christ­li­che Lit­ur­gie ein­be­zo­gen wur­de. Im Oster­la­chen soll­te die Oster­freu­de zum Aus­druck gebracht werden.
Re: Die Ehrbarkeit der Frauen
βροχή schrieb am 22.04.2025 um 09:46 Uhr (Zitieren)
Das Osterlachen wurde mit einem lustigen improvisierten Ostermärchen gestartet. Weil bekanntlich lachen anstecktend ist, ergriff es im nu die ganze Gemeinde :)

Re: Die Ehrbarkeit der Frauen
filix schrieb am 22.04.2025 um 11:12 Uhr (Zitieren)
Untreue wird heute in der breiten Medienöffentlichkeit zumeist geschlechterneutral behandelt – oder besser gesagt: ohne die früher übliche asymmetrische Schuldzuweisung. Einschlägige Artikel über „Fremdgehen“ kommen ohne solche geschlechtliche Zuspitzung aus, sie konzentrieren sich gewöhnlich auf eine moralisch nicht wertende Mischung aus soziologischer und psychologischer Analyse.

Diese Entwicklung bleibt nicht ohne Folgen, zumindest für die lexikalisierte Metapher gehörnt, die, wie der Blick ins Wörterbuch zeigt, als Synonym für das hinsichtlich der geschlechtsspezifischen Verwendung neutrale betrogen verstanden wird. Seit etwa drei Jahrzehnten taucht die gehörnte Ehefrau in der Mediensprache auf, mittlerweile sogar in der Belletristik, auch wenn sie zahlenmäßig immer noch klar in der Minderheit ist. Das so verstandene Adjektiv löst sich konsequenterweise auch vom Ehestand – es gibt gehörnte Partner, Freunde und Freundinnen usf. Eine solche Entwicklung auf sprachliche Unkenntnis der Anwender zurückzuführen, ist wenig überzeugend. Die Semantik und Pragmatik des Partizipialadjektivs lassen sich nicht mehr so einfach auf die ihr zugrundeliegende idiomatische Wendung festlegen.

Diese erweist sich indes im diskutierten Aspekt als widerstämdiger. Während gehörnt als Adjektiv flexibel ist, bleibt die idiomatische Wendung – solche erweisen sich in der Regel als besonders träge – historisch verhaftet. Sie kann die eng mit der „Hörner“-Metapher seit dem Mittelalter assoziierte männliche Erniedrigung nicht so einfach abschütteln, was wohl auch erklärt, warum sich in der Diskussion bis heute der Vorbehalt gegenüber ihrer Ausdehnung auf beliebige Geschlechter hält, wofür man sehr wenige Beispiel findet.

In diesem Kontrast zwischen dem flexiblen, inzwischen weitgehend geschlechtsneutral verwendbaren Adjektiv und der historisch verankerten, männlich konnotierten Redewendung zeigen sich unterschiedliche Trägheiten der Sprache oder Wandlungsgeschwindigkeiten.

Anders als Einzelwörter sind Idiome feste, historisch gewachsene Wortverbindungen, deren Bedeutung sich nicht aus den Einzelteilen ableiten lässt. Ihre strukturelle Festigkeit in Verbindung mit den Regeln ihrer Anwendung macht sie resistenter gegen Veränderungen.
 
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