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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Die musikalische Grille (405 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 04.04.2025 um 15:09 Uhr (Zitieren)
(auf eine Statue in Delphi)
Phoibos, du weißt ja, wie ich, der Lokrer Eunomos, einstens
Spartis besiegte, doch gerne künde ich’s, wenn man mich fragt.
Bunt erklang auf der Zither mein Lied; da, mitten im Vortrag,
riß das Plektron mir jäh eine Saite entzwei.
Als nun der Augenblick kam, die erwartete Note zu spielen,
bracht es den richtigen Ton – bangte ich – nicht zu Gehör.
Plötzlich flog eine Grille von selbst auf den Bügel der Zither
und ersetzte den Klang, der meinem Vortrag gebrach.
Nur sechs Saiten bespielt‘ ich, und mußt ich die siebente streichen,
sang mir die Grille den Ton, den ich entlieh so von ihr.
Denn die Sängrin, die mittags dort oben zirpt auf den Bergen,
stimmte ihr ländlich Getön völlig zu meiner Musik,
und wenn klingend sie sang, dann, ganz wie die leblosen Saiten,
bracht sie im Wechsel des Spiels wechselnd den eigenen Ton.
Dank drum sage ich ihr für Hilfe beim Liede, und deshalb
sitzt sie, gegossen aus Erz, auch auf der Zither bei mir.

[anonym; Anthologia Graeca IX 584]

Danach dichtete Gabriele d’Annunzio seine Offerta votiva (in Canto novo).
Re: Die musikalische Grille
βροχή schrieb am 05.04.2025 um 08:19 Uhr (Zitieren)
Leider finde ich kein Bild jener Grille. Vor paar Wochen war das noch easy findbar. Google änderte ganz offensichtlich seine algorhythmen, man bekommt lebende Tiere, mittelalterliche drucke, den Grill zum Braten, cricket Sportler, Zikaden, Ameisen usw. angezeigt, das gesuchte nicht mehr.
Re: Die musikalische Grille
Patroklos schrieb am 05.04.2025 um 08:54 Uhr (Zitieren)
Original τέττιξ, Zikade.
Re: Die musikalische Grille
βροχή schrieb am 05.04.2025 um 09:11 Uhr (Zitieren)
achso...
Re: Die musikalische Grille
filix schrieb am 05.04.2025 um 11:17 Uhr (Zitieren)
Hatte eigentlich die siebensaitige Bauform der antiken Kithara irgendeinen Einfluss auf die Einführung der siebenten Saite durch Monsieur de Sainte-Colombe oder seinen Schüler Marais an der Gambe, schließlich leben sie im Zeitalter des Classicisme?
Re: Die musikalische Grille
Patroklos schrieb am 05.04.2025 um 12:13 Uhr (Zitieren)
Geht die Entwicklung nicht von Spanien aus, vihuela, fidicula, Fidel? Fünf-, später sechssaitige Gitarre.
Die zusätzliche siebente Saite scheint aus Gründen der Lautstärke eingeführt worden sein. Vgl. (Robert) Thurston Dart, in: Musikinstrumente, hg. von Anthony Baines, Engl. 1961.
Zur Kithara dort andernorts lediglich dies:“Manche Experten führen die schachtelförmigen Schallkörper des Mittelalters auf die griechische Kithara zurück, deren Name sich ja in den Bezeichnungen ‚Cister‘ [Zither] und ‚Gitarre‘ erhalten hat.“ (Anthony Baines)
Hatte die Kithara nicht zwischen 5 und 12 Saiten?
Re: Die musikalische Grille
Patroklos schrieb am 05.04.2025 um 12:36 Uhr (Zitieren)
Statt [Zither] muss es [Zister] heißen. (Gustav/Gasthof-Phänomen)
Re: Die musikalische Grille
βροχή schrieb am 05.04.2025 um 12:45 Uhr (Zitieren)
KI schnappt zu. Nachdem ich hier einen Meckerpost über googleergebnisse schrieb, bekam ich auf dem handy eine Meldung von googleplaystore "es sind weitere Suchmaschinen verfügbar". Bei googleplaystore kaufte ich noch nie etwas, so eine
Meldung bekam ich zuvor nie. Seltsamer "Zufall".
Re: Die musikalische Grille
filix schrieb am 05.04.2025 um 13:01 Uhr (Zitieren)
Ob die Legende von der siebenten Saite der Gambe musikinstrumentengeschichtlich standhält, ist eine berechtigte Frage, die ich nicht beantworten kann, aber sie kursierte nun einmal (bis sie im 20. Jahrhundert ein Buch und einen recht erfolgreichen Film hervorbrachte), auch ist die Gitarre zweifellos die legitime Nachfolgerin des antiken Instruments, aber das 17. und 18. Jahrhundert haben auch allerlei phantasievolle Überlagerungen im Bild der Antike hervorgebracht und beispielsweise dem Apollo Kitharoidos eine Gambe in die Hand gedrückt:

https://archive.org/details/athanasiikircher00kirc/page/244/mode/2up

Von der zentralen Bedeutung der Antike für die französischen Kunst und Kultur der Epoche, gerade in der Musik, die voll ist von antiken Stoffen, zu schweigen. In der Uraufführung von Lullys Atys trat Marais z.B. als antiker allegorischer Traum verkleidet und gambespielend auf. Daher die spontane Überlegung, wobei ich natürlich nicht behaupten wollte, hinter dieser Saite stünden sonst keine Motive (klanglicher oder akustischer Natur).
Re: Die musikalische Grille
Patroklos schrieb am 05.04.2025 um 13:53 Uhr (Zitieren)
Woher die Stundenglasform der Viole bzw der heutigen Gitarre stammt, bleibt mir verschlossen.Es müssen ja keine akustischen Gründe sein.
Oder evolutionäre Aspekte? Frauliche?
Folgender Link erlaubt erneut einen Blick in die andere Welt der englischen Wikipedia:

https://en.wikipedia.org/wiki/Hourglass_figure?wprov=sfti1
Re: Die musikalische Grille
βροχή schrieb am 06.04.2025 um 08:44 Uhr (Zitieren)
Diese Form der Weiblichkeit ist biologisch bedingt.
Es ist die Silouette der jungen Frau. Später wird die Taille bekanntlich breiter.

Bei der Violine ist es nicht so, dass sie als weiblich gilt. Ihr Klang ist musikalisch (akustisch) als männlich eingestuft.

Re: Die musikalische Grille
filix schrieb am 06.04.2025 um 12:09 Uhr (Zitieren)
Dass die Assoziation der Geige in der Literarisierung von Musik nicht nur mit dem weiblichen Körper (berühmtestes unmissverständliches Beispiel der Kunstgeschichte ist wohl Le violon d'Ingres), sondern auch mit der Frauenstimme mehr als deutlich ausgeprägt ist, hat u.a. Corina Caduff dargestellt:




Das Spiel einzelner Geiger wird typisiert durch Personalisierung von weiblichen Eigenschaften, die Charakterisierung des Tones schlägt sich nieder als Charakterisierung von lockenden Körper- und Weiblichkeitsbildern. Mit diesem Deutungsmuster (das Geigenspiel als heterosexuelles Beziehungsspiel, die Geige als Frauenkörper, der Geigenton als weiblicher Ton) verhält es sich nach 1800 wie mit der Konstruktion des »hohen Tones«: Musikkritiker und Schriftsteller beeinflussen sich gegenseitig im Gendering des Geigenspiels, in der überblendenden Imagination von Geigenleib und Frauenstimme.

So schreibt etwa Heinrich Heine in einer Portraitierung verschiedener Geiger, die er in Paris hat spielen hören: »Der ausgezeichnetste Violinist dieser Landsmannschaft [Belgien/Niederlande] ist unstreitig Beriot [1802-1870], der Gemahl der Malibran [Maria Malibran, berühmte spanische Sopran-Sängerin, 1808-1836]; ich kann mich manchmal der Vorstellung nicht erwehren; als säße in seiner Geige die Seele der verstorbenen Gattin und sänge.«

Im Feuilleton bietet das Gendering des Geigenspiels eine Möglichkeit, die Geigenmusik im Narrativ des Geschlechtermusters besprechbar zu machen und auch zu stabilisieren; in den literarischen Geiger-Geschichten jedoch gerät der Geigenton gerade im Kontext und aufgrund solchen Genderings nicht selten außer Kontrolle - genauso wie bisweilen auch die Bilder der Portrait-Maler.
Die literarische Präsenz von Geigenton und Portrait steht stets im Kontext von künstlerischen Übertragungsvorgängen: Übertragung der weiblichen Stimme auf den Instrumententon, Übertragung des weiblichen Antlitzes auf die Leinwand.

Einzelne Erzählungen fokussieren genau dieses Übertragungsmoment, beispielsweise E.T.A. Hoffmanns Rat Krespel (1818) oder Edgar Allan Poes The Oval Portrait (1842). Andere wiederum stellen die Vor- oder Nachgeschichten dieser Übertragung ins Zentrum, wie etwa Grillparzers Armer Spielmann (1848) oder Brownings My Last Duchess (1842). Im Rat Krespel wird unmissverständlich ausgesprochen, dass der Geigenton als der weiblichen Stimme zu betrachten ist, dass Krespel auf jener einzigen Geige, die er von der Zerlegung ausnimmt, die Stimme seiner Tochter Antonie hörbar macht. Wenn diese Lust hat zu singen, holt Krespel das Instrument hervor und spielt »Antoniens schönste Lieder«, und wenn er herausragend spielt, lobt sie sich selbst (»Ach, das habe ich gut gemacht!«), Der vom Vater produzierte Geigenton erscheint damit explizit als ein auf die Geige übertragener weiblicher Sington.


https://corinacaduff.ch/wp-content/uploads/2011/06/Die-Literarisierung-von-Musik-und-bildender-Kunst-um-1800.pdf



Re: Die musikalische Grille
βροχή schrieb am 06.04.2025 um 12:26 Uhr (Zitieren)
... musikalisch sind den Instrumenten im Orchester Violine und Flöte die Eigenschaften männlich und weiblich klanglich zugeordnet, aus der Sicht (bzw. nach dem Ohr) der Musiker.

Re: Die musikalische Grille
filix schrieb am 06.04.2025 um 12:42 Uhr (Zitieren)
Nun, dabei handelt es sich allenfalls um eine konkurrierende Deutung, die auch nach Geschlechterstereotypen verfährt. Dass in deinem Verweis, der also erst einmal zu prüfen wäre, die Sicht der Musiker im Orchester noch vor dem Ohr genannt wird, macht hellhörig, denn dass in der westlichen Musiktradition die männliche Dominanz im Orchester bzw. von Instrumentengruppen ohne Folgen für das Gendering des Klangs geblieben ist, kann ich mir nur schwer vorstellen. Außerhalb dieses Milieus ist die Assoziation jedenfalls wie dargelegt eine andere.
Re: Die musikalische Grille
Patroklos schrieb am 06.04.2025 um 12:49 Uhr (Zitieren)
In seinem schönen „Das Sanduhrbuch“ geht Ernst Jünger genauer auf die entsprechende Konstruktion ein, doch die hier angesprochene Parallelität wird nicht erwähnt.“Das Glas ist durch eine Taille eingeschnitten,…“
Re: Die musikalische Grille
βροχή schrieb am 06.04.2025 um 13:35 Uhr (Zitieren)
Patro,
die Optik der Violine ist weiblich. Wie die erstmalig zustande kam, weiss ich nicht.

Filix,
der Klang der Violine ist männlich. Das war schon lange vor dem Gendersprech so, für musikalische Laien unverstädlich, für Musiker selbstverständlch.

Re: Die musikalische Grille
βροχή schrieb am 06.04.2025 um 13:41 Uhr (Zitieren)
Re: Die musikalische Grille
filix schrieb am 06.04.2025 um 14:19 Uhr (Zitieren)
Aus deinem Link:

Anders jedoch Stradivari, der gut 100 Jahre nach Amati lebte. „Stradivari verschob die Resonanzpunkte bei seinen Violinen nach oben“, berichten die Forscher. „Seine Violinen klingen dadurch eher wie eine Tenor- oder Altstimme und sind der weiblichen Stimme näher als die älteren Geigen.“ Gleichzeitig ist ihr Ton offener und ähnelt daher eher einem Vokal, der weiter vorne im Mund gesprochen wird.


D.h. es gibt offenbar neben dem zitierten Gendering der Literarisierung auch eine geschichtliche Entwicklung im Klangcharakter der Violine, welche wieder in Geschlechterstereotypen beschrieben wird, die sich auf Klangspektrenvergleiche beruft.

Übrigens kann man E. T. A. Hoffmann, dem Verfasser von Rat Krespel, schwerlich vorwerfen, ein musikalischer Laie gewesen zu sein. Was ihn nicht gehindert hat, im Einklang mit seiner Epoche besagten Vergleich zur weiblichen Stimme ausdrücklich zu ziehen.


Dass zwischen der Klangspektrenverschiebung in der Instrumentenbauweise und der Literarisierung des Klangs eine auch zeitlich parallele Verbindung besteht, ist dessen ungeachtet sehr interessant.
Re: Die musikalische Grille
filix schrieb am 06.04.2025 um 14:21 Uhr (Zitieren)
die sich auf Klangspektrenvergleiche beruft deren Analyse sich auf Klangspektrenvergleiche beruft
Re: Die musikalische Grille
βροχή schrieb am 06.04.2025 um 14:40 Uhr (Zitieren)
welche wieder in Geschlechterstereotypen beschrieben wird


Stereotype sind etwas sehr negativ konnotiertes, oder?
Kann man auf klangliche Unterschiede zw. den Geschlechtern Bezug nehmen, ohne dass es als stereotyp eingestuft wird, falls ja wie? Oder wird ein solcher Bezug automatisch als stereotyp bewertet?



Re: Die musikalische Grille
filix schrieb am 06.04.2025 um 15:06 Uhr (Zitieren)
Nicht zwingend, aber es ist nun einmal offensichtlich, dass erstens diese polare Zuordnung die Vielfalt von Stimmen auf zwei Grundtypen reduziert und die besagten Vergleiche in Literatur, Dichtung und Musikkritik sich in bestimmten Zeiträumen wiederholen und gegenseitig verstärken (more of the same, and no one to blame), das Interessante zeigt sich m.E. dabei weniger darin als in der weiteren assoziativen Verknüpfung mit den den Geschlechtern zugerechneten Eigenschaften, die schnell weit über Klangliches hinausgehen, wie z.B. Caduffs Bemerkung über die Instabilität des im 19. Jahrhundert von Schriftstellern und Kritikern weiblich gehörten Geigentons nahelegt. Käme dir das heute so leicht über die Lippen und Tasten und wenn nicht, warum? Es kann in meinen Augen jedenfalls nicht Sache einer literatur- bzw. kulturgeschichtlichen Nachzeichnung dieser Beziehung und ihrer Beschreibung und Bewertung sein, irgendwelche Ratschläge in der Frage zu erteilen.
Re: Die musikalische Grille
Patroklos schrieb am 06.04.2025 um 15:55 Uhr (Zitieren)
Re: Die musikalische Grille
Patroklos schrieb am 06.04.2025 um 15:57 Uhr (Zitieren)
Oben links der Englisch-Knopf.
Re: Die musikalische Grille
βροχή schrieb am 06.04.2025 um 16:44 Uhr (Zitieren)
Patro, das eine interessante info, danke :)
 
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