Γραικύλος schrieb am 14.03.2025 um 12:41 Uhr (Zitieren)
[Philemon; Anthologia Graeca IX 450]
Re: Euripides sehen und sterben
βροχή schrieb am 14.03.2025 um 16:09 Uhr (Zitieren)
wäre es nicht umgekehrt, sterben und Euripides sehen?
Re: Euripides sehen und sterben
Γραικύλος schrieb am 14.03.2025 um 16:35 Uhr (Zitieren)
Ja, stimmt, aber ich wollte auf den bekannten Filmtitel "Brügge sehen und sterben" anspielen.
Re: Euripides sehen und sterben
Bukolos schrieb am 15.03.2025 um 12:04 Uhr (Zitieren)
Vor allem spielt das ja auf das ungleich bekanntere, mindestens seit dem 18. Jh. (vgl. Goldoni, La bottega del caffè 2, 16) kursierende Vedi Napoli e poi muori! an.
Re: Euripides sehen und sterben
Γραικύλος schrieb am 15.03.2025 um 15:55 Uhr (Zitieren)
Ach, das ist sogar noch älter. Wußte ich nicht.
Re: Euripides sehen und sterben
βροχή schrieb am 15.03.2025 um 17:02 Uhr (Zitieren)
Re: Euripides sehen und sterben
Bukolos schrieb am 17.03.2025 um 16:49 Uhr (Zitieren)
Das speist sich vermutlich aus der vorwiegend in den 1880er und 1890er Jahren diskutierten Hypothese, jene Redensart sei ein Mitbringsel deutscher Italienreisender, die ihre neapolitanischen Fremdenführer missverstanden hätten. Eine Nachwirkung dieser Diskussion findet sich noch in der Schlusspointe von Benjamins Essay über die Porosität Neapels:
Angesichts der Stelle bei Goldoni, der bereits 1750 diesen Phraseologismus einem Neapolitaner in den Mund legt, kann man diese Annahme allerdings wohl verabschieden.
Re: Euripides sehen und sterben
βροχή schrieb am 17.03.2025 um 17:35 Uhr (Zitieren)
Diese Doppeldeutigkeit finde ich witzig und poetisch.
Damals vor 1750 war das Sprichwort memento mori sehr beliebt (vanitas), jmd. fiel auf, dass der Ort Mori genauso heisst, er erfand das Wortspiel (naja, das ist bisschen spekulativ).
Re: Euripides sehen und sterben
Bukolos schrieb am 17.03.2025 um 19:32 Uhr (Zitieren)
Ja, auch weil es einen Ort Mori bei Neapel wohl gar nicht gibt. Die Mutmaßungen des 19. Jhs. richten sich teilweise auf Alimuri, das aber keineswegs in direkter Nachbarschaft zu Neapel liegt (oder besser: lag), und damals wohl auch aus kaum mehr als einer Werft bestand.
Wenn Don Marzio in der Bottega del caffè die fragliche Wendung gebraucht, dann im Sinn der Annullierung jeglicher Geltung einer anderen Stadt als Neapel:
Re: Euripides sehen und sterben
βροχή schrieb am 17.03.2025 um 20:30 Uhr (Zitieren)
... auch das noch, Buko, wie konnte ich es verwechseln. Es muss natürlich
„Vedere Milano e poi mori mondo“
heißen *gg
Re: Euripides sehen und sterben
Bukolos schrieb am 17.03.2025 um 23:02 Uhr (Zitieren)
Nebenbei: In Italien selbst scheint die verbreitete Ansicht zu herrschen, Goethe sei der Urheber des Diktums. (Dass er mit seiner Italiänischen Reise [Eintrag vom 2. März 1787] zu einem wichtigen Popularisierer der Phrase in Deutschland wurde, dürfte gleichwohl außer Frage stehen.)
Re: Euripides sehen und sterben
filix schrieb am 18.03.2025 um 00:12 Uhr (Zitieren)
Ein wenig älter als die Erwähnung bei Goldoni (die Uraufführung von La bottega del caffè fand 1750 statt) scheint folgender Vers auf Milanes (westlombardische Varietät) in einer von Domenico Balestrieri herausgegebenen Anthologie auf den Tod einer Katze Lagrime in morte di un gatto (1741):
βροχή schrieb am 18.03.2025 um 08:26 Uhr (Zitieren)
filix, das stimmt, wie hast du es entdeckt?
Re: Euripides sehen und sterben
Patroklos schrieb am 18.03.2025 um 08:50 Uhr (Zitieren)
Mir bleibt unklar: … und sterben.
Denn danach lohnt es sich nicht mehr zu leben??
Verstehen könnte ich „namentlich“: Hektor sehen und sterben.
Re: Euripides sehen und sterben
βροχή schrieb am 18.03.2025 um 09:45 Uhr (Zitieren)
.... ja genau Patro, das ersehnte Neapel ist so überirdisch schön, dass es gar nichts besseres mehr geben kann, der Moment höchsten Glücks.
Als Metapher für - wenn ich das erleben könnte, wäre ich wunschlos glücklich.
Aber keine Sorge niemand will sterben, die Metapher greift bei unerfüllbaren Wünschen, bzw. ironisch im Sinne von - das wäre auch zuviel verlangt.
Re: Euripides sehen und sterben
Patroklos schrieb am 18.03.2025 um 09:59 Uhr (Zitieren)
„Gar nichts besseres mehr“? Tatsächlich? Gehörte Neapel auf die Bucket List?
Auch wenn Goethe seinen Griffel im Spiel hatte: Ich halte die Redensart für Wortgeklingel. PR.
Re: Euripides sehen und sterben
Γραικύλος schrieb am 18.03.2025 um 10:25 Uhr (Zitieren)
Wenn man die Umgebung von Neapel hinzuzählt (also Kampanien, die Bucht von Sorrent, Capri), so muß ich sagen, daß ich in meinem Leben nichts Schöneres gesehen habe.
Insofern, auch wenn es subjektiv ist, unterschreibe ich den Satz.
Ansonsten möchte ich feststellen: Viele Kommentare, jedoch kein einziger zu Gedicht & Euripides.
Re: Euripides sehen und sterben
Patroklos schrieb am 18.03.2025 um 10:34 Uhr (Zitieren)
Γραικύλος, nichts Schöneres gesehen zu haben, OHNE bislang verstorben zu sein. Ein zutiefst philosophischer Satz, möchte ich anfügen.
Re: Euripides sehen und sterben
filix schrieb am 18.03.2025 um 10:42 Uhr (Zitieren)
Andererseits war Neapel lange Malariagebiet.
Gefunden habe ich die Verse in Milanes, indem ich der Schreibung von mori nachgegangen bin, auf der die Legende vom Städtevergleich (Mori) beruht. Der Nachsatz se pò digh con veritæ legt nahe, dass das keine Erfindung des Verfassers ist, sondern eine noch ältere Redensart.
Re: Euripides sehen und sterben
βροχή schrieb am 18.03.2025 um 11:29 Uhr (Zitieren)
... wie Redensarten so sind :) man erfreut sich am Klang
... jmd. ist abgebogen nach Brügge, viell. war das ein Irrweg?
Dann lasst uns zurückkehren nach Griechenland,
Re: Euripides sehen und sterben
filix schrieb am 18.03.2025 um 11:42 Uhr (Zitieren)
Nietzsche, um auf das Gedicht und seine Rezeption einzugehen hat, auf schon von Wilamowitz kritisierte Weise in seiner Deutung der Verse eine böse Zweideutigkeit sehen und auflösen wollen:
(Die Geburt der Tragödie [aus dem Geiste der Musik]11)
Suizidäre Fanboys sind also kein rezentes Phänomen.
Re: Euripides sehen und sterben
Γραικύλος schrieb am 18.03.2025 um 15:28 Uhr (Zitieren)
Was von Wilamowitz kritisert, wird vielleicht verständlicher, wenn man die Passage vor der zitierten in Nietzsches Schrift hinzunimmt:
Das ist mit "diesem Zusammenhange" gemeint.
Re: Euripides sehen und sterben
Γραικύλος schrieb am 18.03.2025 um 15:30 Uhr (Zitieren)
Sowohl Philemon der Ältere als auch sein Sohn Philemon der Jüngere waren in der Tat Komödiendichter.
Re: Euripides sehen und sterben
filix schrieb am 19.03.2025 um 00:38 Uhr (Zitieren)
Können wir aus der Anrede ἄνδρες, dessen geschlechtliche Dimension der Übersetzer zurückdrängt, und dem Umstand, dass the Greeks considered hanging as a woman's death because many women had died by this method (was im Werk von Euripides sich ja bestätigt, Phaidra etwa nimmt den Strick), noch etwas für die Pointe herausholen?
Re: Euripides sehen und sterben
βροχή schrieb am 19.03.2025 um 01:22 Uhr (Zitieren)
Nietzsche war aber auch ein bisschen grüblerisch.
Ist denn die Tragödie wirklich die Mutter der Komödie? Die Komödie stammt viel lieber vom Stehgreif ab als vom Ritual, das Lachen unterwirft sich ungern der Berechnung.
Die Pointe mit dem Strick, oje mgl. ist alles. Eine versteckte Anzüglichkeit gegen die sich Euripides nicht wehren konnte.
Re: Euripides sehen und sterben
Bukolos schrieb am 19.03.2025 um 09:39 Uhr (Zitieren)
Bei den Versen handelt es sich ja um Trimeter, was die Vermutung nahelegt, dass sie einer Komödie von oder über Philemon entnommen sind. Die Adressaten dürften also wohl mit auf der Bühne gestanden haben.
Auch im bekannten Vorbild für einen durch die Sehnsucht nach Euripides motivierten Unterweltsgang (Aristophes' Fröschen) wird zunächst der Weg über den Strick als eine Option ins Spiel gebracht. Dass Herakles dieser als erster angesichts des traditionell eher androgyn vorgestellten Dionysos einfällt, lässt sich mit deiner Überlegung in Verbindung bringen.
Re: Euripides sehen und sterben
Γραικύλος schrieb am 19.03.2025 um 11:27 Uhr (Zitieren)
Mir ist das durch filix erstmals bewußt geworden, daß Frauen gehängt werden. So ja auch Telemachos bei den untreuen Sklavinnen des Odysseus.
Gilt das auch für den Suizid? D.h. ein 'richtiger' Mann hängt sich nicht auf, sondern stürzt sich wahlweise in sein Schwert oder in den Ätna?
Re: Euripides sehen und sterben
filix schrieb am 19.03.2025 um 11:33 Uhr (Zitieren)
Interessanter Hinweis, es könnten sich also auch um ein intertextuelles Spiel mit der Methodendiskussion bei Aristophanes handeln, deren Witz darin liegt, dass Dionysos zwar möglichst schnell in den Hades zu Euripides eilen möchte, die vorgeschlagenen Wege dorthin aber wegen ihrer Unannehmlichkeiten der Reihe nach ausschlägt. Der Sprecher unserer Verse gibt sich mutiger, er wählte ohne zu zögern den (in den Fröschen) erstbesten durch den Strick, wäre da nicht …
Vielleicht lag Nietzsche nicht so ganz falsch, weniger in der Interpretation der Zeilen als Reflexion einer Entartung der Gattung als in der Auffassung der Doppeldeutigkeit von αἴσθησις zwischen sinnlichem Vermögen und Verstand im weiteren Sinn geistiger Gesundheit. Bei Aristophanes ist der Hades schließlich eine Art Tollhaus, Dionysos, von seiner allgemeinen mythologischen Verbindung zu ekstatischem Wahn abgesehen, äußert, ausdrücklich verrückt nach Euripides bzw. seiner Kunst zu sein (103: μἀλλὰ πλεῖν ἢ μαίνομαι) usw. Wären die Toten bei Sinnen, Männer, wie einige behaupten, …
Re: Euripides sehen und sterben
filix schrieb am 19.03.2025 um 11:38 Uhr (Zitieren)
Nun, neben Phaidra erhängen sich Iokaste und Antigone …
Re: Euripides sehen und sterben
Γραικύλος schrieb am 19.03.2025 um 13:12 Uhr (Zitieren)
Das mit den Frauen ist schon klar. Ich frage mich nur, ob es für Männer als unschicklich galt, sich aufzuhängen.
Aus unserer späteren Tradition kenne ich diese spezielle Abneigung von Soldaten. Nun, die besaßen als Alternative eben eine Waffe.
Möglicherweise galt dies auch für die Antike, daß von einem waffenfähigen Bürger erwartet wurde, "es" mit dieser Waffe zu tun, während den waffenlosen Frauen der wohlfeile Strick blieb.
Re: Euripides sehen und sterben
Patroklos schrieb am 19.03.2025 um 13:39 Uhr (Zitieren)
Goethe lässt Stella im gleichnamigen Stück Gift nehmen, ihr Fernando greift zur Waffe, separat.So geschah es in der zweiten Fassung. Die erste endete polygam, ja polyamor. Das gefiel dem Hamburger Premierenpublikum nicht sehr.
Die realistische Bühnendarstellung von Selbstmorden jedweder Art ist heikel. Indirektheit (Botenbericht) bot und bietet sich an.
Re: Euripides sehen und sterben
Γραικύλος schrieb am 19.03.2025 um 14:24 Uhr (Zitieren)
Mir fällt "Weiningers Nacht" von Joshua Sobol ein.
Ich meine mich zu erinnern, daß Otto Weininger sich da auf offener Bühne umbringt. Mit einer Schußwaffe. Das ganze Stück schildert die Eindrücke, Erinnerungen usw. in seinen letzten Lebenssekunden.
Unvergeßlich die Szene, wie die Mutter anschließend ihren toten Sohn auf dem Schoß wiegt und dazu ein jiddisches Kinderlied singt.
Aber ich wüßte gerne, ob in der Antike das Sich-Aufhängen für Männer als unziemlich galt. Mir will kein Mann einfallen, der das getan hätte.
Re: Euripides sehen und sterben
filix schrieb am 19.03.2025 um 19:38 Uhr (Zitieren)
Die Ehrlosigkeit der Methode des Erhängens speist sich wenigstens aus zwei Aspekten - sie gilt an sich unabhängig vom Geschlecht als Schande, Ausdruck der sozialen Niederlage, sogar für einen Sklaven unangemessen, wie das Zitat zeigt. Überlagert wird diese Wertung von der Kennzeichnung der Art, der falschen Welt gute Nacht zu sagen, als typisch männlich/typisch weiblich. Eine Untersuchung von 46 Epigrammen, die Selbsttötungen behandeln, durch Acacia Grace Oyler *fördert die weite Verbreitung dieses Schemas in der Literatur zutage:
Das Paradigma wirkt entsprechend auf die Bewertung desjenigen Charakters zurück, der sich in der Methode ihm widersetzt:
filix schrieb am 19.03.2025 um 19:52 Uhr (Zitieren)
Weininger hat sich ja in Beethovens Sterbehaus in der Schwarzspanierstraße ins Herz geschossen - ich nehme an, ein Beispiel dafür, sich an einem mit seinem Idol verbundenen Ort zu töten, lässt sich in der Antike nicht so leicht finden, oder?